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Gastronomie in der Alten Poststraße
Die Einsamkeit der Wirte

Krise macht ihn kreativ: Michael Kämpf vor neuem Wandschmuck mit Nostalgiecharakter.
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  • Krise macht ihn kreativ: Michael Kämpf vor neuem Wandschmuck mit Nostalgiecharakter.
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sabe Siegen. Die Sonne wirft erste Schatten auf die Tische vor dem „Stadtkind“. Noch ein, zwei Stunden vielleicht, dann wird sie ihren Zenit erreicht haben und die Siegener Oberstadt in klares, helles Gelb tauchen. „Normalerweise wär’s hier jetzt proppenvoll“, sagt Achim Scheen. Kommt der Frühling, kommen die Gäste. „Jeder will draußen sitzen.“ März, April, Mai, das seien eigentlich die besten Monate sagt der Inhaber des gemütlichen Kaffeehauses. Eigentlich. Corona hat viel verändert, die Gastronomie trifft es mit am schlimmsten.

Die Alte Poststraße mit ihrem atmosphärischen Charme wirkt auf den ersten Blick geisterhaft leer. Der zweite Blick allerdings, entdeckt Inhalt in der Leere. Eine Leiter, ein paar Farbtöpfe, Pinsel. In mancher Kneipe brennt Licht.

sabe Siegen. Die Sonne wirft erste Schatten auf die Tische vor dem „Stadtkind“. Noch ein, zwei Stunden vielleicht, dann wird sie ihren Zenit erreicht haben und die Siegener Oberstadt in klares, helles Gelb tauchen. „Normalerweise wär’s hier jetzt proppenvoll“, sagt Achim Scheen. Kommt der Frühling, kommen die Gäste. „Jeder will draußen sitzen.“ März, April, Mai, das seien eigentlich die besten Monate sagt der Inhaber des gemütlichen Kaffeehauses. Eigentlich. Corona hat viel verändert, die Gastronomie trifft es mit am schlimmsten.

Die Alte Poststraße mit ihrem atmosphärischen Charme wirkt auf den ersten Blick geisterhaft leer. Der zweite Blick allerdings, entdeckt Inhalt in der Leere. Eine Leiter, ein paar Farbtöpfe, Pinsel. In mancher Kneipe brennt Licht. Leise klopft es, laut hämmert es, das Herz der Straße arbeitet. Einige Gastronomen und Barbetreiber nutzen den Ruhepuls: Wenn die Post nicht mehr abgeht, wird renoviert. So steht auch Achim Scheen in verstaubter Montur mit Schleifmaschine vor seinem „Stadtkind“ zwischen den Außentischen.

Auf längere Ausgangsbeschränkung eingestellt

Wenn sonst die Bestuhlung und die Tische auf die Terrasse gestellt wurden, so sagt er, sei das für die Kunden ein Zeichen gewesen. Ein Ausdruck für saftig-selbstgemachte Torten und Cappuccinos mit beträchtlicher Milchschaumhaube samt großer Portion Frischluft.

Jetzt läuten die Außenmöbel nicht Terrassen- und Biergartengefühle ein, sondern sind Symbol für Tatkraft, Initiative und Willen: „Wir nutzen die Situation und renovieren, damit wir später alle wieder die Zeit im Stadtkind gemeinsam genießen können.“ Momentan gelten die Außgangsbeschränkungen bis zum 20. April. Achim Scheen rechnet mit weiteren Verlängerungen. „Und auch danach werden wir noch nicht zum normalen Tagesgeschäft zurückkehren können.“ Die Leute hätten Angst, klar.

Schon zwei Wochen vor dem offiziellen Schließungsbeschluss war der Betrieb kaum noch derselbe. „Es ist ärgerlich, aber wir werden das überstehen.“ Am Anfang, sagt er, habe er Panik gehabt. „Wie alle eben.“ Jetzt sehe er die Sache entspannter, versuche, das Beste daraus zu machen. „Ich hatte lange nicht so viel Zeit, um runterzukommen.“ Seit der Eröffnung des „Stadtkinds“ vor fünf Jahren habe es immer wieder Phasen gegeben, in der er drei, vier Wochen durchgearbeitet habe. „Aber auch das komischerweise gerne.“ Er lacht und besieht sich die liebevoll arrangierte österliche Dekoration. „Die muss ich jetzt wieder abnehmen.“ Und auch sonst hat er noch einiges zu tun. „Ich hab‘ mich vom Keller aus hochgearbeitet, Bierleitungen gespült, alles geputzt, desinfiziert.“

"Irgendwann geht es auf jeden Fall weiter"

Jeden Tag ein bisschen, so sein Motto. „Damit man abends mit einem guten Gefühl ins Bett geht.“ Zeit will er sich aber jetzt auch für Privates nehmen: „Bei aller Vorsicht, die sicher gerade geboten ist“, so fordert er seine Kunden in einem offenen „Brief“ auf dem Instagramkanal des Cafés auf, „verlernt nicht, das Schöne zu sehen und zu lieben. Nutzt die Zeit für Euch, Eure Partner, Eure Lieben, Kinder, Freunde, für neue Pläne und neue Ideen, verrückte Dinge. Genießt die geschenkte Zeit für Zweisamkeit, Familie und für Dinge, die Ihr immer schon mal machen wolltet.“

Nie sagt er, habe er es bereut, sich mit dem „Stadtkind“ selbstständig gemacht zu haben und in die Alte Poststraße gekommen zu sein. „Vom ersten Tag an hat es sich gelohnt.“ Und auch jetzt, wo im Außen alles wackelt, rückt Achim Scheen davon nicht ab. Getränke habe er schon bestellt. „Der Lieferant hat gefragt, ob ich verrückt sei“, er lacht und sagt den Satz, der auch zwei Häuser weiter bereits zum Mantra geworden ist: „Irgendwann geht es auf jeden Fall weiter.“

"Der Schlauch" erhält ein neues Gesicht

Michael Kämpf von „Onkel Tom’s Hütte“ muss sich erst einmal an das Arbeiten bei Tag gewöhnen. Sieben Tage die Woche hat seine urgemütliche Kneipe im Sommer auf. Kämpf steht „bis auf wenige Ausnahmen“, immer selbst hinter der Theke, arbeitet bis spät in die Nacht. „Ich bin ein Nachtmensch.“ „Onkel Tom’s Hütte“ ist für viele eine Institution, Publikum kommt von nah und fern. Die Bierhähne, sie stehen an geselligen Abenden kaum still. „Der Schlauch“, wie die alteingesessene Rockkneipe aufgrund ihrer Form gerne genannt wird, ist fest etabliert im Bild der Oberstadt. Unsicherheit kennt der Kneipeninhaber trotzdem.

Als er Onkel Tom’s Hütte vor 13 Jahren von dem früheren Inhaber übernahm, habe er sich so seine Gedanken gemacht. „Ein neues Gesicht in so einer alteingesessenen Kneipe, das ist schon ein Risiko.“ Die Initiative wurde belohnt. „Ich habe alle meine Stammgäste behalten.“ Und auch jetzt, so ist er sich sicher, werden die Fundamente halten. Oft werde er gefragt, wie es ihm während dieser Tage gehe, ob man helfen könne. „Dafür einfach nur ein großes Lob an meine Gäste.“ Jetzt, so sagt er, sei Zeit dafür, etwas zurückzugeben. „Krise macht kreativ.“

Mit den Beatles und Queen in die Zukunft

Auch Michael Kämpf nutzt die Corona-Zeit zum Renovieren. Frische Farbe, neue Hingucker. Aus seiner Plattensammlung hat Kämpf den einen oder anderen Klassiker rausgefischt und als großes, collageartiges Schmuckstück an die Wand gebracht. Beatles, Lindenberg, Stones, Queen, Metallica. „Alles was hier einmal gespielt wurde.“ Obwohl gerade schwierige Zeiten seien, habe er Geld in die Hand genommen, um „frischen Wind rein zu bringen.“ Wenn bei Wiedereröffnung die Menschen zum kühlen Blonden an die Theke mit einem „Wow, sieht toll aus“ auf den Lippen kämen, dann habe sich der Aufwand allemal gelohnt. „Wir müssen aus dem Negativen das Positive herausziehen, Corona entgegenhalten.“

Krise macht ihn kreativ: Michael Kämpf vor neuem Wandschmuck mit Nostalgiecharakter.
Keine Außensaison-Eröffnung, dafür frisch geschliffene Tische. Nach Corona steht der Kaffee hier besonders gut!
Autor:

Sarah Benscheidt (Redakteurin) aus Siegen

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