Die Gier nach enger „Dauer-Nähe“

pebe Siegen. Mit gemischten Gefühlen erinnert sich Carmen V. (Name geändert) an einen Urlaub ihres Freundes, den der allein antrat: „Ich reagierte mit Schlaflosigkeit, Panik und Verlustängsten.“ Das Verhalten kam der 49-Jährigen bekannt vor. Schon früher hatte sie bei zeitweiligen oder endgültigen Trennungen ähnlich reagiert. „Ich bekam Panikattacken, hyperventilierte und reagierte mit massiver Depression.“ Aber, so fügt sie mit fast verwundertem Gesichtsausdruck an, sie habe das für eine normale Reaktionsweise gehalten. Ebenso wie die Tatsache, dass sie sich völlig in die Beziehung „vergrub“, alles andere vernachlässigte, keine Zeit mehr für eigene Freunde hatte und immer nagendere Gefühle bewältigen musste: Ist er treu, hält die Beziehung? Wird er gehen?

Heute weiß Carmen V., dass ihre Reaktion alles andere als normal war. In einer Beratungssituation stieß sie auf das Wort „Beziehungssucht“. Da habe es bei ihr „geklingelt“, berichtet sie. Denn sie habe in einem geheimen Winkel ihres Bewusstseins durchaus den Eindruck gehabt, „dass da was nicht o.k. war“.

„Beziehungssucht“ oder „Bindungssucht“, wie die Psychologen sagen, hat für die betroffenen Frauen und Männer echten Suchtcharakter. Sie gieren geradezu nach menschlicher Nähe und halten selbst an brutalen, gewalttätigen Beziehungen fest, um nicht das Gefühl des Alleinseins oder Verlassenwerdens erleben zu müssen. Nur mit dem Partner gemeinsam fühlen sie sich als vollständige Individuen. Und da Signale der völligen Selbstaufgabe immer noch zu einem (merkwürdigen) Liebesideal gehören, fallen Beziehungssüchtige zunächst gar nicht besonders auf. Erst wenn die Partner oder Partnerinnen auf die Daueranklammerung mit Ablehnung, Beziehungsstress oder Trennung reagieren, tritt die Störung sichtbar zutage. „Alles Selbstwertgefühl geht dann verloren. Ein Schritt auf ihn zu ist ein Schritt von mir weg und löst auch bei ihm einen Schritt zurück aus.“

In ihrer Beratung begann Carmen V. nach den Ursachen ihrer Beziehungssucht zu fragen, listete problematische Beziehungserfahrungen mit Verlust und Trennung auf, grub in ihrer Familiengeschichte nach und wurde dabei fündig: Gestörte Elternhäuser, fehlende emotionale Befriedigung, mangelnde Anerkennung, Wertschätzung nur durch Leistung nannte sie als einige Stichwörter. Sie selbst habe vor allem „unsichere und zwiespältige Bindungen an die Eltern“ erlebt, weiß sie heute. In dem ängstlichen Wunsch, genügend Nähe zu bekommen, habe sie ein spezifisches Erfahrungsmuster verinnerlicht: „Jede Beziehung ist instabil und könnte durch einen Konflikt auseinander brechen.“

Was hat dazu geführt, dass sie sich von diesem Muster lösten konnte? Die Beratung habe ihr dabei geholfen, sich langsam davon zu distanzieren und ein Gefühl dafür zu entwickeln, dass sie auch ein eigenes Leben habe, berichtet sie. „Es sind noch kleine Schritte, aber jeder Schritt bedeutet mehr Weite.“ Heute könne sie schon wieder eigenen Hobbys nachgehen und eigenen Freundschaften Zeit und Raum widmen. „Man kann sich eine Freude an eigenen Interessen erst gar nicht vorstellen“, fährt Carmen V. fort, „ die kommt erst dann, wenn man sich drauf einlässt.“Und, so betont die 49-Jährige, „es ist ein revolutionierend-befreiendes Erlebnis, nicht mehr so gefesselt zu sein“. Mit jedem kleinen Stück Selbstständigkeit verändere sich auch die Beziehung: „Plötzlich taucht bei ihm eine Eifersucht auf.“ Und nun, da sie nicht mehr darum betteln müsse, um zu bekommen, merke sie erst , dass sie längst bekomme, ohne zu betteln.Carmen V. möchte eine „Selbsthilfegruppe Beziehungssucht“ aufbauen. „Ich möchte an verschiedenen Aspekten des Themas arbeiten“, sagt sie. Erfahrungsaustausch sei ihr wichtig, solle aber begrenzt werden, „damit wir nicht im Klagen und unserer Befindlichkeit hängen bleiben“. Sie könne sich auch vorstellen, dass gruppenintern die einzelnen Mitglieder für jeweils ein anderes Mitglied zeitweilig „Pate“ oder „Mentor“ würden, aber die jeweiligen Wünsche sollten zu Beginn geklärt werden.Wer sich selbst vom Thema Beziehungssucht betroffen sieht und Interesse daran hat, sich im geschützten Raum einer Gruppe damit auseinanderzusetzen, kann sich unter Tel. (02 71) 2 50 28 50 mit Heike Tönnes von der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen in der EFL des Kirchenkreises Siegen in Verbindung setzen.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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