Die grammatische Form des Futurs

 Deutsche Sprache, schwere Sprache?! Muttersprachler gebrauchen die Zeitformen intuitiv – auch die Zukunftsform. Dass dabei Zukünftiges häufig im Präsens ausgedrückt wird, fällt auf – beim genaueren Nachdenken! Foto: dpa  Prof. Dr. Petra Vogel Foto: Uni
  • Deutsche Sprache, schwere Sprache?! Muttersprachler gebrauchen die Zeitformen intuitiv – auch die Zukunftsform. Dass dabei Zukünftiges häufig im Präsens ausgedrückt wird, fällt auf – beim genaueren Nachdenken! Foto: dpa Prof. Dr. Petra Vogel Foto: Uni
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ciu Die Zukunft kann einem durchaus Kopfzerbrechen bereiten. Zukunftssorgen, -ängste, -hoffnungen bestimmen unser Denken – mal mehr, mal weniger, sind aber doch stets gegenwärtig. Weil das, was denkbar ist, immer auch sprachlich gefasst werden kann, lohnt sich ein genauerer Blick auf die Form, in der wir (im Deutschen) das Zukünftige beschreiben. Das, was wir anstreben zu tun, das, was kommen wird oder soll, und auch das, was im Morgen schon wieder gestern sein wird. Es geht um die grammatische Form des Futur. Die SZ-Kulturredaktion hat zu diesem Thema einige Fragen formuliert; Prof. Dr. Petra Vogel, seit 2006 Professorin für Germanistik/Linguistik an der Universität Siegen, hat die Antworten.

SZ: Wo kommt der Begriff „Futur“ her? Was ist die Wortbedeutung?

Prof. Dr. Petra Vogel: „Der Begriff ,Futur‘ ist eine Kürzung von lateinisch ,futurum‘ (,Zukunft‘). Konkret handelt es sich um eine Substantivierung des Partizips Futur Aktiv im Neutrum Singular zum Verb ,esse‘ (‚sein‘), nämlich ,futurum‘ (,sein werdend, (zu)künftig‘).“

Wann verwenden wir grammatikalisch korrekt die Zeitform Futur – wann das Futur I, wann das Futur II?

„Das Futur I kann verwendet werden, wenn wir über ein Geschehen sprechen, das vom Sprechzeitpunkt aus als zukünftig eingestuft wird (z. B. ,Morgen wird es sicher regnen.‘). Entsprechend kann das Futur II verwendet werden, wenn man sich vom Sprechzeitpunkt aus zu einem Orientierungszeitpunkt (im Beispielsatz unten ‚morgen‘) in der Zukunft begibt und ein Geschehen betrachtet, das von dort aus gesehen in der Vergangenheit liegt, also im Allgemeinen zwischen dem Sprechzeitpunkt und dem Orientierungszeitpunkt situiert ist (z. B. mit Sprechzeitpunkt ,heute‘: ,Morgen wird es sicher geregnet haben.‘). Beide Verwendungen sind aber im Deutschen nicht obligatorisch, statt des Futur I kann im Allgemeinen auch das Präsens (z. B. ,Morgen regnet es sicher.‘), statt des Futur II auch das Perfekt verwendet werden (z. B. ,Morgen hat es sicher geregnet.‘). Außerdem ist zu beachten, dass die Futurformen auch den Charakter von Vermutungen haben können, insbesondere wenn klar ist, dass es sich nicht um einen zukünftigen Zeitbezug handelt. Mit Futur I-Form: A: ,Warum ist Anna denn nicht da?‘ – B: ,Sie wird im Urlaub sein.‘; A: ,Warum ist Anna denn nicht da gewesen?‘ – B: ,Sie wird im Urlaub gewesen sein.‘ Wenn die Futur-Formen diese Vermutungsbedeutung haben, kann nicht das Präsens oder das Perfekt dafür eintreten, da es sich dann um Gewissheiten und nicht um Einschätzungen handeln würde.“

Zu beobachten ist, dass wir das, was wir beabsichtigen zu tun, häufig in der Gegenwartsform, dem Präsens, formulieren. Zum Beispiel: „Im Juli fahren wir nach Kroatien.“ statt „Im Juli werden wir nach Kroatien fahren.“. Wie kommt das?

„Im Prinzip kann im Deutschen statt des Futurs immer das Präsens verwendet werden, da durch den Kontext im Allgemeinen deutlich wird, dass sich das Geschehen in der Zukunft abspielt. Das ist besonders dann der Fall, wenn im Satz oder im Kontext Zeitangaben wie ‚morgen‘, ,nächstes Jahr‘ u. Ä. vorkommen. Das gilt allerdings nicht für alle Sprachen, im Englischen muss im Allgemeinen trotz solcher auf die Zukunft hinweisender Zeitangaben das Futur verwendet werden. In dem Zusammenhang ist interessant, dass das Germanische, die gemeinsame historische Basis, auf die alle germanischen Sprachen wie Deutsch, Englisch, Niederländisch, Schwedisch usw. zurückgehen, überhaupt nur zwei Zeitformen hatte, Präteritum und Präsens. Werden Verben zum Anzeigen des Futurs benutzt, dann eben welche, die in die Zukunft weisen, siehe das deutsche ,werden‘, aber auch das englische ,will‘ (,wollen‘) und ,shall‘ (,sollen‘), da diese so genannten Modalverben etwas ausdrücken, was erst noch gemacht werden soll bzw. erst noch geschieht. Im Mittelhochdeutschen, ca. 1050–1350 n. Chr., gab es im Deutschen auch noch nicht das Futur mit ,werden‘, sondern nur mit Modalverben, so wie im Englischen noch heute.“

Beim Futur II wählen wir in der Regel das Perfekt. Statt zu sagen „Morgen werde ich die Aufgabe erledigt haben.“, formulieren wir es so: „Morgen habe ich die Aufgabe erledigt.“ …

„Hier gilt Ähnliches wie für das Futur I. Durch den Kontext oder Zeitangaben, die in die Zukunft verweisen, wird klar, dass der Orientierungszeitpunkt in der Zukunft liegt, so dass es genügt, eine Vergangenheitsform, genauer das Perfekt, zu verwenden, um anzuzeigen, dass die Betrachtung von dort aus in die Vergangenheit geht.“

Zu welchem Zeitpunkt kommt im kindlichen Spracherwerb das Futur ins Spiel?

„Futurformen sind in der Kindersprache grundsätzlich selten, das Futur I kann aber etwa ab dem Alter von drei Jahren beobachtet werden. Ohnehin ist das Futur eines der weniger häufigen Tempora, weil Menschen eben eher über reale Geschehen sprechen – entweder über das, was gerade passiert, oder über das, was schon passiert ist. Das erklärt auch den seltenen bzw. späten Gebrauch in der Kindersprache. Kinder sprechen generell eher über das Hier und Jetzt.“

Gibt es Sprachen, die kein Futur kennen? Könnten Sie ein (oder auch einige) Beispiele nennen?

„Auf das Germanische als historische Vorstufe des Deutschen habe ich bereits hingewiesen. Kein Futur haben natürlich auch alle Sprachen, die ohnehin keine Tempora im Sinne des Deutschen haben. Dazu gehören vor allem asiatische Sprachen wie Chinesisch oder Thailändisch. Hier erfolgt die zeitliche Einordnung des Geschehens grundsätzlich eher auf der Basis des Kontexts oder Zeitangaben wie ‚gestern‘, ‚morgen‘ usw.“

Welche Zukunft hat aus sprachwissenschaftlicher Sicht das Futur?

„Es ist jedenfalls nicht zu befürchten, dass es ausstirbt, auch wenn es insbesondere in der gesprochenen Sprache weniger häufig verwendet wird.“

Wollte man sich intensiver mit dem Thema befassen, auf welchen Grammatik-Klassiker würden Sie verweisen?

„Ich kann hier in jedem Fall ,Duden – Die Grammatik‘ empfehlen.“

Herzlichen Dank!

Claudia Irle-Utsch

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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