Die Kluft in der Koran-Auslegung ist Realität

Der Islam ist dennoch prinzipiell friedfertig / Vortrag von Dr. Monika Twuroschka

ewi Siegen. Ist der Islam eine Religion, die Terror rechtfertigt, oder ist er uneingeschränkt friedfertig und wird nur von einer radikalen Minderheit falsch ausgelegt? Und gibt der Koran eine Handhabe für eine Auslegung im Sinne der Gewalt?

Die Islamwissenschaftlerin Dr. Monika Twuroschka aus Bad Münstereifel kam in der zweiten Veranstaltung der Ringvorlesung Forum Siegen zum Thema Islam wie zuvor Prof. Dr. Hartmut Bobzin (SZ vom 23. November) grundsätzlich zu dem Ergebnis, dass der Koran nur eine humane Interpretation zulässt. Es gebe jedoch eine Reihe von Suren, in denen – je nach Lebenssituation des Propheten und der Gemeinde – auch zur Gewalt aufgefordert wird.

»Der Islam in der Auseinandersetzung mit einigen wichtigen Problemen der Zeit« lautete das Thema von Dr. Twuroschka. Sie nahm jeweils ein Problemfeld in den Blick, wobei sie normative Vorstellungen der Gegenwart quasi als Elle anlegte. Seit den 70er Jahren habe sich ein wachsendes Selbstwertgefühl der Länder der Dritten Welt herausgebildet.

Frage sei aber, ob sich die westliche Welt, besonders die USA, für die Wandlungen in diesen Ländern genügend interessiert haben. Die Referentin zog auch in Zweifel, dass »die Medien« die nicht gewalttätigen, weit überwiegenden Aspekte des Islam überhaupt hinreichend beschreiben.

Man sollte eine Gesellschaft daran messen, was sie mit ihren schwächsten Mitgliedern tut, lautete das erste Kriterium. Kein Zweifel: Der Koran fordert die Fürsorge der Gemeinde für Behinderte (z. B. Sure 24, Vers 60). Sie gehören zur Tischgemeinschaft. Zur Wirtschaft erkläre Twuroschka, der Islam sehe wirtschaftlichen Erfolg als etwas Positives. Alles gehöre aber Gott, der Einzelne gilt lediglich als Treuhänder. Handel ist erlaubt, »Rebbah« dagegen verboten. Offen sei, ob das Wort mit »Zins« angemessen übersetzt ist, da es keine offizielle Instanz gibt, die für verbindliche Auslegungen zuständig ist.

Problem für Moslems ist die Einbürgerung in anderen Staaten. Seit dem 11. September 2001 ist das Misstrauen ihnen gegenüber gewachsen. Fest steht, dass die Gesetze des Gastlandes nach dem Koran zu beachten sind. Nach der Charta des Zentralrats der Muslime, der indes nicht repräsentativ ist, müssen sie ihren religiösen Hauptpflichten nachkommen können. Der Zentralrat akzeptiert gar – insoweit Außenseiter – den Religionswechsel.

Weil nach Sure 42 durch Beratung Rechtfertigung (vor Gott) erreicht wird, bestätigt der Islam angeblich auch die Demokratie. Historisch gesehen sei er eine der tolerantesten Religionen der vorindustriellen Gesellschaften gewesen. Nicht weniger als 20 Menschenrechte ließen sich im Koran nachweisen. Das Recht auf Glaubensfreiheit sei allerdings nicht innerislamisch. Der Glaubensabfall galt in kritischer Zeit als eine Art Fahnenflucht.

Zum Thema Islam und Gewalt stellte Twuroschka fest, dass diese Religion historisch immer als Bedrohung angesehen wurde. Heute fühlen sich die Muslime von der Gewalt-Verdächtigung verletzt. Ein Missverständnis entstehe dabei durch die Gleichsetzung von »Djihad« und Gewalt. »Djihad« heiße eigentlich Mühe, Anstrengung. Der »große Djihad« ist die Glaubensanstrengung des Einzelnen, die »eigene Läuterung«. Wo es im Koran Aufforderungen zur Gewalt gibt, stehen diese vornehmlich im Zusammenhang mit dem Schutz der jungen Gemeinde. Generell aber gilt anderes. Gewaltanwendung ist an strenge Bedingungen geknüpft. Nicht am Kampf Beteiligte soll man verschonen, Barmherzigkeit ist gefordert.

Der Djihad habe allerdings, so die Wissenschaftlerin, bei einigen Muslimen eine Neubewertung erfahren, was aber keine Rechtfertigung im Islam finde. Zur Bewertung der Selbstmordattentate gebe es unterschiedliche Standpunkte. Allgemein sei der Selbstmord im Islam nicht zulässig, der Märtyrertod aber gilt als Verdienst. Der Mufti von Jerusalem etwa sieht Palästina im Kriegszustand und hält deshalb Selbstmordattentate für legitim.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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