Die Kommunisten und die Wohlfahrt

Geschichte der »Roten Hilfe« erforscht / Siegener fanden Aufnahme in Forschungsverbund

kk Siegen. Sie sind eigentlich eine Seltenheit und daher gesucht. Die Rede ist von historischen Forschungsthemen aus zurückliegenden Zeiten. Umso mehr wundert es, dass offenbar ein ganzes Themenfeld noch brach lag. Und das, obwohl reichlich Material vorhanden ist.

Vor zwei Jahren fiel an der Universität Siegen der Startschuss. Unter Federführung des Historikers Dr. Kurt Schilde und der Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Sabine Hering ging ein Team von Expertinnen und Experten aus ganz Deutschland daran, die Geschichte der »Roten Hilfe« zu erforschen und zu schreiben. Die Publikation ist in Druck, die Arbeit aber bei weitem noch nicht getan. Vor allem die Moskauer Archive bergen noch ungeahnte Schätze, sind sich die beiden Herausgeber einig. Dem ersten Band »Die Rote Hilfe – Geschichte der internationalen kommunistischen ,Wohlfahrtsorganisation’ und ihrer sozialen Aktivitäten in Deutschland 1921 bis 1941« könnten also weitere Publikationen folgen.

Ins Leben gerufen wurde die »Rote Hilfe« Anfang der 20er Jahre. Das Kaiserreich war zusammengebrochen, die Wirtschaft lahmte. Vor allem die unteren Bevölkerungsschichten litten Not. Doch nicht nur das allgemeine Elend galt es zu mildern. Wer sich für den Klassenkampf engagierte, dem drohte die Inhaftierung. Die »Rote Hilfe« organisierte die Verteidigung vor Gericht und kümmerte sich zudem um die Familien der Inhaftierten.

Ein zweites Tätigkeitsfeld kristallisierte sich heraus: Zwei Erholungsheime für Kinder wurden gegründet. Eines in Worpswede, das andere in Thüringen. Kinder aus Familien verfolgter Kommunisten aus ganz Europa verbrachten dort die Ferien, wurden aufgepäppelt. Die Staatsanwaltschaft warf ein wachsames Auge auf die Einrichtungen, vermutete politische Indoktrination der Mädchen und Jungen. Nicht zu Unrecht, so das Fazit von Sabine Hering. Die Erziehungswissenschaftlerin verglich zudem die Heime der »Roten Hilfe« mit konfessionell betriebenen Einrichtungen. Das Ergebnis: »Es gibt deutliche Parallelen.« Zum einen sei die Ideologie, zum anderen die mangelnde Professionalität zu nennen. Vor allem von der Herkunft der Kinder hänge deren Aufnahme ab. Übrigens: Den nach deutschem Vorbild errichteten Kinderheimen rund um Moskau entsprang über Jahrzehnte hinweg die sowjetische Führungselite.

Dass Jahrzehnte ins Land zogen, bis die Historie der »Roten Hilfe« eine eingehende wissenschaftliche Bearbeitung fand, liegt primär an der Kommunistischen Partei selbst. Sabine Hering: »Die Kommunistische Partei hatte Schwierigkeiten mit dem Begriff Wohlfahrtsverband. Das Elend sollte eher an den Wurzeln gepackt werden.« Und selbst nachdem der »Real Existierende Kommunismus« ganz Osteuropa im Griff hatte, war das Thema weitestgehend tabu. Sabine Hering: »Sehr viele von denen, die sich engagiert hatten, sind unter Stalin verschwunden.«

Geld für das Projekt gab es vom Düsseldorfer Ministerium für Schule, Wissenschaft und Forschung. Die Vergleiche zwischen konfessioneller und eher ideologisch geprägter Tätigkeit gaben den Ausschlag: Die Siegener fanden Aufnahme in den Forschungsverbund »Frauen in konfessionellen Organisationen«. Sabine Hering: »Wir hatten viele interessante Diskussionen.«

Quasi als Nebenprodukt wurde ein regionaler Aspekt intensiver beleuchtet. Es handelt sich um den Prozess gegen Siegerländer Kommunisten (darunter Walter Krämer) vor dem Reichsgericht im Jahr 1925. Niederschlag fanden diese Erkenntnisse im Jahrbuch für regionale Geschichte, 7/2002.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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