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Eltern nehmen Corona-Appell ernst
Die meisten Kita-Kinder bleiben daheim

Im kath. Familienzentrum Arche Noah in Hünsborn werden täglich bis zu 22 der 64 Kinder betreut. Nicht nur beim Spielen können Bettina Hild und ihre Kolleginnen selten Abstand halten.
  • Im kath. Familienzentrum Arche Noah in Hünsborn werden täglich bis zu 22 der 64 Kinder betreut. Nicht nur beim Spielen können Bettina Hild und ihre Kolleginnen selten Abstand halten.
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  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

nja Siegen/Olpe. „Bringen Sie Ihre Kinder in dieser Zeit nur dann in die Betreuung, wenn es unbedingt nötig ist“: So appelliert die nordrhein-westfälische Landesregierung an die Kita-Eltern – und legt Entscheidungsbefugnis sowie Verantwortung somit in deren Hände. Die Kitas hierzulande bleiben also auch im verschärften Lockdown offen, sollen aber möglichst nur von Jungs und Mädels besucht werden, deren Eltern auf die Betreuung auch tatsächlich angewiesen sind. Beweisen muss dies niemand. Wie sieht der Alltag in den Kindertagesstätten in unserer Region aus? Wie wird hier der NRW-„Sonderweg“ beschritten?
Ein Viertel der Kitaplätze

nja Siegen/Olpe. „Bringen Sie Ihre Kinder in dieser Zeit nur dann in die Betreuung, wenn es unbedingt nötig ist“: So appelliert die nordrhein-westfälische Landesregierung an die Kita-Eltern – und legt Entscheidungsbefugnis sowie Verantwortung somit in deren Hände. Die Kitas hierzulande bleiben also auch im verschärften Lockdown offen, sollen aber möglichst nur von Jungs und Mädels besucht werden, deren Eltern auf die Betreuung auch tatsächlich angewiesen sind. Beweisen muss dies niemand. Wie sieht der Alltag in den Kindertagesstätten in unserer Region aus? Wie wird hier der NRW-„Sonderweg“ beschritten?

Ein Viertel der Kitaplätze in Siegen-Wittgenstein belegt

Rund ein Viertel der Kitaplätze sind im Kreis Siegen-Wittgenstein in diesen Tagen belegt – der Appell scheint Früchte zu tragen. Im Kreis Olpe nutzt rund ein Drittel der Eltern das Angebot. Auch NRW-weit, so hat das Redaktionsnetzwerk Deutschland recherchiert, wird etwa jedes dritte Kind abgegeben. Tendenz seit Anfang des Jahres: steigend.
„Die Eltern gehen sehr respekt- und verantwortungsvoll mit der Situation um. Dafür sind wir sehr dankbar“, sagt Stadträtin Edelgard Blümel, Sozialdezernentin der Stadt Kreuztal, die Trägerin von elf Kitas ist. Auch dort wird zurzeit ein knappes Viertel der eigentlichen Kinderschar betreut – unter Wahrung der Hygienevorschriften und in festen Bezugsgruppen: „Ich gehe davon aus: Wer sein Kind jetzt in die Kita bringt, der ist aus beruflichen oder familiären Gründen auch wirklich darauf angewiesen.“ Es gebe örtliche Unterschiede, sagt Siegens Dezernent André Schmidt: „Die Situation ist nicht dramatisch.“ So gebe es Einrichtungen wie am Birkenweg in Eiserfeld, die derzeit wenig nachgefragt würden, und andere wie jene am Hubertusweg mit dem Einzugsgebiet Fischbacherberg, wo auch mal 41 Jungen und Mädchen betreut werden.

Verdi spricht von dramatischen Verhältnissen

Der Landesverband der Gewerkschaft Verdi spricht in einem Brief an die Landesregierung von dramatischen Verhältnissen und fordert eine Rückkehr zur Notbetreuung. Eine Recherche unter 8000 Erziehern habe gezeigt: Weit über die Hälfte fühle sich am Arbeitsplatz nicht mehr sicher. Diese Dramatik, räumt Gewerkschaftssekretär Michael Schnippering, Verdi Südwestfalen, ein, ist bei uns derzeit nicht erkennbar. Aber: „Das kann nächste Woche auch ganz anders aussehen, das ist eine Momentaufnahme. In den Ballungszentren stellt sich die Lage offensichtlich verschärfter dar.“ Es gebe aber Unsicherheiten beim Personal. Schnell kommt man bei der Arbeit mit Menschen aus mehreren Haushalten zusammen. Und: Abstandsregeln können bei der Betreuung nicht eingehalten werden.

Auch in Hünsborn sind sich Eltern der Verantwortung bewusst

„Windeln wechseln, trösten, Geborgenheit geben, Nase putzen, beim Toilettengang helfen – da kommen wir den Kindern ständig sehr nahe“, bestätigt eine Erzieherin im SZ-Gespräch. Mund-Nasen-Schutz trage sie nur bei Kontakt mit den Eltern oder im Gespräch mit den Kolleginnen. Anne Jahn leitet das kath. Familienzentrum Arche Noah in Hünsborn und bestätigt den Eindruck aus dem Siegerland: Die Eltern seien sich ihrer Verantwortung bewusst. Von den 64 Kindern werden im Schnitt zwischen 15 und 22 betreut – „nur an den Tagen, wenn es z. B. mit Blick auf den Schichtdienst der Mutter im Krankenhaus wirklich sein muss“.
Zwei Seelen wohnen in ihrer Brust: Zum einen findet sie es gut, dass Kinder kommen dürfen – auch mit Blick auf den Förderbedarf, der nicht überall daheim gleichermaßen gedeckt werden könne. Andererseits versteht sie nicht, warum die Politik zwischen fünfjährigen Kita-Kindern und sechsjährigen Grundschülern unterscheidet. Den Eltern werde die Entscheidung überlassen – und manche fragten dann auch bei ihr nach: „Was meinen Sie denn? Kann ich meinen Sohn bringen?“ Darauf zu antworten, sei nicht immer leicht, so Jahn: „Man fühlt sich nicht wohl dabei.“ Die Mitarbeitervertretung der sieben Kita-GmbHs im Erzbistum Paderborn will sich nun in Düsseldorf für die Erzieher und deren Gesundheit einsetzen. Gefordert werden u. a. klare politische Vorgaben für den Kita-Besuch und eine Änderung der Impfstrategie: Erzieher seien schließlich die einzigen, die ohne Abstand und Masken arbeiteten.

Dankbar für die Kita-Notbetreuung

Und was sagen Eltern? Eine dreifache Mutter aus Ferndorf – zwei Kinder lernen im Homeschooling, der Ehemann arbeitet im Homeoffice, sie selbst ist durch ihre Arbeit „die einzige Verbindung zur Außenwelt“ – bringt das Nesthäkchen morgens für vier Stunden zu Oma und Opa. Dankbar für die Kita-Betreuung ihrer drei und fünf Jahre alten Kinder ist hingegen eine Buschhüttenerin: Ihr Mann ist berufstätig, sie selbst nicht nur selbstständig, sondern auch noch hochschwanger. Ihre Kita habe ihr die Verunsicherung genommen – und verschaffe ihr nun bis zum Mittagessen ein wenig Ruhe. Die quirligen Geschwister genießen in einer Vierergruppe derzeit die „Exklusivbetreuung“ in der Kita: Wann hat man im Alltag schon mal Bau- und Puppenecke stundenlang für sich alleine ...

Januar für Eltern beitragsfrei

Der AWo-Kreisverband Siegen-Wittgenstein/Olpe ist Träger von rund 62 Kitas, die Auslastung sieht derzeit wie folgt aus:

  • Bad Laasphe und Bad Berleburg: 27,2 Prozent;
  • Neunkirchen, Olpe, Hilchenbach, Erndtebrück: 25,6 Prozent;
  • Freudenberg, Netphen und Kreuztal: 23,4 Prozent;
  • Siegen: 18,2 Prozent.
  • Gesamtauslastung: 23,6 Prozent.

Landesweit werden die Betreuungszeiten jeweils um zehn Stunden gekürzt. Die Elternbeiträge für die Betreuung in Kitas, Kindertagespflege und dem offenen Ganztag sollen allen für den Monat Januar erlassen werden – der Siegener Kreisausschuss soll dies z. B. in der kommenden Woche einstielen. Den Ausfall der Beiträge teilen sich Land und Kommunen hälftig.

Autor:

Anja Bieler-Barth (Redakteurin) aus Siegen

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