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Blick ins SZ-Archiv: Die Spanische Grippe
Die Mutter aller Seuchen

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sp Siegen. Der Erste Weltkrieg war noch nicht ganz beendet, da brachte im November 1918 eine Seuche weiteres Leid über die Menschen und forderte Millionen Todesopfer. Die geschätzten Zahlen gehen weit auseinander, reichen von etwa 25 bis 50 Millionen, manche Quellen sprechen von noch mehr. 2018 jährte sich die „Spanische Grippe“, die als Mutter aller Seuchen gilt, zum 100. Mal. Zwei Jahre später kämpfen nun Mediziner und Politiker gegen eine neue Pandemie, gegen ein Virus, das sich rasend schnell auf der Welt verbreitet. Der Versuch, das neuartige Coronavirus, einzudämmen, zieht Konsequenzen mit sich, die sich in das Gedächtnis dieser Generationen einprägen werden.

Ein Vergleich zu der Seuche am Anfang des 20. Jahrhunderts lässt sich vielleicht (noch) nicht ziehen.

sp Siegen. Der Erste Weltkrieg war noch nicht ganz beendet, da brachte im November 1918 eine Seuche weiteres Leid über die Menschen und forderte Millionen Todesopfer. Die geschätzten Zahlen gehen weit auseinander, reichen von etwa 25 bis 50 Millionen, manche Quellen sprechen von noch mehr. 2018 jährte sich die „Spanische Grippe“, die als Mutter aller Seuchen gilt, zum 100. Mal. Zwei Jahre später kämpfen nun Mediziner und Politiker gegen eine neue Pandemie, gegen ein Virus, das sich rasend schnell auf der Welt verbreitet. Der Versuch, das neuartige Coronavirus, einzudämmen, zieht Konsequenzen mit sich, die sich in das Gedächtnis dieser Generationen einprägen werden.

Ein Vergleich zu der Seuche am Anfang des 20. Jahrhunderts lässt sich vielleicht (noch) nicht ziehen. Trotzdem lohnt sich ein Blick zurück, genauer der Blick ins eigene Archiv der Siegener Zeitung: Wie traf die Menschen die Pandemie damals? Welche Schutzmaßmaßnahmen wurden vor über 100 Jahren empfohlen?

Nur wenig Dokumente

Anders als bei anderen derartigen Katastrophen sucht man Denkmäler und Relikte jener Zeit nahezu vergeblich, selbst Fotos sind rar. Die damalige Zensur der Presse sollte verhindern, dass schlechte Nachrichten während des Krieges verbreitet wurden. Dementsprechend wenig berichteten die Zeitungen über die Grippe. In zwei Artikeln im November 1918 thematisierte die SZ die Influenza allerdings deutlich.

Der Kreisarzt schrieb in einer Veröffentlichung vom 16. November von den zahlreichen Toten innerhalb eines Monats im Siegerland: „Vom 13. Oktober bis zum heutigen Tage sind aus dem Kreise Siegen 293 Todesfälle an Grippe gemeldet worden, von denen 99 auf die Stadt Siegen entfallen. Und doch ist diese große Zahl noch keine die sämtliche Todesfälle von Grippe einschließende, denn außer diesen 293 Toten ist noch eine große Anzahl von Todesfällen an Lungenentzündung gemeldet worden, die unzweifelhaft auf die Grippe zurückzuführen ist.“

Ein plötzlich auftretender Gast

Die Ausbreitung der Influenza beschrieb der Kreisarzt mit den Worten: „Die medizinische Wissenschaft durfte sich bis vor kurzem rühmen, die verheerenden Seuchen, welche innerhalb der letzten beiden Jahrhunderte zu Kriegszeiten geherrscht und zahlreiche Opfer gefordert hatten, wie Typhus, Pocken, Cholera, Ruhr und Pest, in diesem Kriege von der Bevölkerung ferngehalten zu haben; da trat plötzlich als ganz unerwarteter Gast, von Südeuropa kommend, die sogenannte ,Spanische Grippe’ auf.“

Die Krankheit war den Menschen zwar nicht unbekannt und bereits mehrfach in Erscheinung getreten, aber sie sei „niemals in einer solchen Ausdehnung“ und „nie mit einer solchen Bösartigkeit aufgetreten“, so der Kreisarzt.

Auch damals gab es Schutzmaßnahmen

Heute dominiert bei Wissenschaftlern die These, dass die Influenza ihren Ursprung in den USA hatte, durch den Krieg ihren Weg nach Europa fand und sich von dort aus in der Welt verbreitete. Es wird vermutet, dass in Spanien zum ersten Mal öffentlich – in dem neutralen Land war das möglich – von dem Ausbruch der Krankheit geschrieben wurde. Besonders bewegt zeigte sich der Kreisarzt davon, dass „die meisten Todesfälle auf die blühendsten Jahre von 18 bis 30 entfielen“ und „wohl die Hälfte der Bevölkerung in leichterer oder schärferer Form von der Seuche befallen worden ist innerhalb der letzten vier Wochen“. Hierzu schreibt er: „Entsprechend dem Verlaufe anderer Volksseuchen läßt sich jetzt aber daraufhin hoffen, daß eine genügende, weiteren Schutz gewährende Durchseuchung der Volksmasse eingetreten, daß in allernächster Zeit somit ein Nachlassen der Krankheit mit größter Bestimmtheit zu erwarten ist.“

Als Schutzmaßnahmen empfahl der Kreisarzt damals, dass es das Sicherste sei – wenn nicht dringend erforderlich –, das Zimmer eines Grippeerkrankten nicht zu betreten, Gegenstände, die er angefasst hatte, nicht zu berühren. Und wenn jemand in einer „infizierten Wohnung“ lebe, dann sollten die Hände oft gewaschen werden und die Mundhöhle durch Gurgeln oder das Trinken von alkoholischen Getränken gereinigt werden. Außerdem sollten sich die Menschen entsprechend der kalten Jahreszeit warm anziehen. „Man denke auch daran, daß in der frischen Luft sozusagen keine Infektionsstoffe vorhanden sind, vergesse deshalb nicht, sich regelmäßig außerhalb des Hauses zu bewegen.“

Hoffnung auf Ende der Pandemie

Am Ende dann die Feststellung des Kreisarztes: „Für uns alle heißt es jetzt: Kopf hoch! Besonnenheit, Mut und Ausdauer bewahren!“ Und er hatte die Hoffnung: „Vielleicht befreien uns schon die allernächsten Tage von dem Alp, der in Gestalt der Grippe einstweilen noch schwer auf uns liegt.“ Doch die schlimme Grippe-Pandemie sollte noch etwa zwei Jahre andauern.

Auch die Siegener Zeitung selbst war von den Auswirkungen der „Spanischen Grippe“ betroffen; „von den vielen störenden Erschwernissen, die die massenhaften Erkrankungen an Grippe für alle Betriebe gebracht hat“ (SZ vom 6. November 1918). Nur unter den „schwierigsten Verhältnissen und unter größten Anstrengungen“ sei es möglich gewesen, die Zeitung überhaupt zu veröffentlichen.

Und: „Die Todesanzeigen haben sich leider derart vermehrt, daß ohne Verzögerung nur solche Familienanzeigen Aufnahme finden können, die Fälle betreffen, wo die Beerdigung unmittelbar bevor steht.“ Damals war die Zeitung mit dem Umfang an die Papiermengen gebunden, die ihr zugewiesen waren. Eine Überschreitung hatte Strafen zur Folge. „Aber auch wenn wir Papier genug zur Verfügung hätten, wäre es uns bei dem Mangel an Personal zurzeit unmöglich, allen Anforderungen nachzukommen.“

Wie das Coronavirus heute betraf also die Influenza damals die verschiedensten Lebensbereiche der Menschen und hatte weitreichende Auswirkungen. Nach wie vor Bestand haben die Empfehlungen: Händewaschen und an die frische Luft gehen!

Autor:

Sarah Panthel (Redakteurin) aus Siegen

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