Die nötigen Grenzen des Erlaubten

SZ-Gespräch: Psychiater Dr. Bernd Roggenwallner zu höherer Gewaltbereitschaft im Alltag

pebe Siegen. Zwei junge Männer übergießen in Bad Berleburg die Beine einer 16-Jährigen mit Benzin und zünden die Jugendliche an. Grund: Wut auf das Opfer. Schüler heuern Mitschüler an, um einen Lehrer zu verprügeln. Grund: dessen angeblich langweiliger Unterricht. So geschehen im Ruhrgebiet. Sicher zwei krasse Fälle von Gewalt. Aber auch das Maß der alltäglichen Gewalt ist gestiegen. Fußballfans prügeln sich, die Rücksichtslosigkeit auf den Straßen nimmt zu, Mobbing macht die Arbeit zu einem Spießrutenlauf. Über die Ursachen der höheren Gewaltbereitschaft und mögliche Gegenmaßnahmen sprach die SZ mit dem Psychiater und forensischen Gutachter Dr. Bernd Roggenwallner aus Dortmund, der auch für das Landgericht Siegen tätig ist.

»Unser Leben ist nicht gewaltfrei, und die ,Herrschaft des Menschen über Sachen, nicht über Menschen’ ist eine Utopie«, räumte Roggenwallner gleich zu Beginn mit einem unrealistischen Anspruch auf. Der Arzt sieht einen wesentlichen Faktor für die niedrigeren Gewaltschwellen in der gestiegenen Mobilität der Menschen. Dass z.B. jemand Zeit seines Lebens an einem Ort wohnt, wird immer seltener – Arbeitnehmer müssen mobil sein. Die Folge: Ihr Lebensumfeld wird instabiler. Aber auch das, was der Arzt als »vertikale Mobilität« bezeichnet, nimmt zu: Der Schuster bleibe halt nicht mehr »bei seinem Leisten«, die Bewegung durch die Schichten der Bevölkerung habe zugenommen. Hinzu kämen individuelle Erfahrungen: Die Einbindung in die Familien werde geringer, Ehen gingen schneller auseinander, und Freundeskreise änderten sich rasant. Durch all dies würden die Bindungen weniger intensiv.

»Gewalt entsteht dadurch«, spitzte Roggenwallner den Gedanken zu, »dass wir uns weniger kennen.« Die Folge: weniger »Beißhemmung«. Die Menschen müssten mehr Reaktionen zeigen und seien gezwungen, Stellung beziehen. Das Verbindende im gemeinsamen Tun werde weniger, ebenso wie die allgemein akzeptierten Regeln. Gut und schlecht, richtig und falsch seien auf einmal nicht mehr unterscheidbar – mit problematischen Folgen besonders für junge Menschen. Der Verlust dieses »Minimalkonsenses« erschwere zugleich auch die Möglichkeit, aufeinander zuzugehen.

Nicht nur bei Jugendlichen machte der Psychiater wachsende Orientierungslosigkeit aus. Davon betroffen seien genauso Schulen, Lehrer und Eltern. Sie hätten mit einem Verlust sozialer Kompetenz zu kämpfen, zugleich mit dem Verlust an eigener Orientierung und mit einem Verlust an Vorbildern. Pädagogen, betonte der Nervenarzt, seien vielfach »richtig krank«. Die zunehmende »Distanzlosigkeit« der Schüler – also deren mangelndes Wissen um Grenzen, Regeln und angemessene Verhaltensweisen – überfordere die Lehrer massiv.

Die Schulen reagierten zwar häufig mit Abblocken oder hartem Vorgehen, aber »Werte kann man nur vermitteln, wenn es adäquat geschieht«, so Roggenwallner. Dazu seien »Spielräume« nötig, sonst entstehe ein »Überdruck«. Die Liberalisierung des Wertekosmos verlange andererseits nämlich, toleranter sein zu müssen: »Das ist die Kehrseite der Liberalität: Ich muss mehr ertragen.« Verbreitet sei dagegen aber ein hohes individualistisches Anspruchsniveau. Dieser Widerspruch baue Gewalt auf: »Es gibt Ärger, wenn wir abends unsere Ruhe haben wollen, und ein anderer gibt keine Ruhe.« Eng damit verbunden sei der größer werdende Egoismus, der zum Verlust vieler bisheriger Werte führe.

Die Konsequenz dieser Bestandsaufnahme: die Bereitschaft zu wirklichen Begegnungen. Und darüber hinaus: verlässliche, konfliktfähige Beziehungen schaffen. »Es geht gerade bei jungen Leuten darum, mehr Berechenbarkeit in Beziehungen zu erleben.« Allerdings sei der Erwartungsdruck in Beziehungen sehr hoch: »Die Erwartung an die persönliche Bedürfnisbefriedigung wird immer größer.« Das habe zur Folge, dass Menschen sich in Beziehungen nur noch bedingt annähmen und damit dem »Wahn« verfielen, in ihren Beziehungen sämtliche Bedürfnisse befriedigen zu können. »Das ist nicht nur eine Illusion«, warnte Roggenwallner, »es ist auch infantil und unreif zu glauben, wir bekämen alles von einem geliefert.«

Allerdings, so gestand der Psychiater zu, sei es in der von uns geschaffenen Lebenswelt auch schwierig, realistische Beziehungen zu leben. Die sich steigernden Forderungen an Beziehungen tradierten sich von Generation zu Generation, gleichzeitig werde zudem das Lebenstempo höher. »Die Leute kommen immer mehr ans Rennen. Begegnungen werden atomisiert und flüchtig. So kann sich keine Tiefe entwickeln.«

Nötig sei, sich auf Begegnungen einzulassen und die Grenzen auszuloten. Es bedeute z.B. auch, »mehr Sinnvolles mit Kindern zu unternehmen« und damit andere Zeitprioritäten zu setzen. Und nicht zuletzt heiße es, die Bereitschaft zu einer kultivierten Auseinandersetzung zu entwickeln und zu fördern. Die Grenzen des Erlaubten im Zusammenleben erforderten ein »demokratisches Bewusstsein«. Das bedeute die Bereitschaft zur Kritik wie zur Anerkennung der Bedürfnisse anderer, aber gleichzeitig auch die Bereitschaft, »Schluss« zu sagen und Grenzmarken zu setzen. Außerdem sei ein Interesse daran nötig, den »Bezugsrahmen anderer Menschen kennen zu lernen« und selbst immer veränderungswillig zu sein.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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