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Corona wird Arbeitswelt für immer verändern
Die Revolution in drei Tagen

Wer im Homeoffice arbeitet, muss nicht am Firmenstandort wohnen – die Virtualisierung der Arbeitswelt ist deshalb ein Vorteil für Unternehmen abseits der urbanen Ballungsräume, die händeringend Fachkräfte suchen.
  • Wer im Homeoffice arbeitet, muss nicht am Firmenstandort wohnen – die Virtualisierung der Arbeitswelt ist deshalb ein Vorteil für Unternehmen abseits der urbanen Ballungsräume, die händeringend Fachkräfte suchen.
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  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

ihm Siegen. „Auch wir können nicht in die Zukunft sehen“, bremst Prof. Dr. Dr. Björn Niehaves im Telefoninterview mit der SZ gleich am Anfang zu weit gespannte Erwartungen. Der Chef des Forschungskollegs Fokos der Universität Siegen, das sich mit den Herausforderungen der Zukunft in Gesellschaft und Arbeitswelt befasst, ist dennoch im Moment ein gefragter Mann. „Wir beraten im Augenblick sehr viele Firmen, Städte, Organisationen und öffentliche Einrichtungen dazu, wie man sich umstellt angesichts der Krise.“ Wird die Arbeitswelt nach Corona wieder so werden wie vorher? Oder sitzen wir auch nächstes Jahr die meiste Zeit im Homeoffice, skypen und whatsappen, was das Zeug hält?

ihm Siegen. „Auch wir können nicht in die Zukunft sehen“, bremst Prof. Dr. Dr. Björn Niehaves im Telefoninterview mit der SZ gleich am Anfang zu weit gespannte Erwartungen. Der Chef des Forschungskollegs Fokos der Universität Siegen, das sich mit den Herausforderungen der Zukunft in Gesellschaft und Arbeitswelt befasst, ist dennoch im Moment ein gefragter Mann. „Wir beraten im Augenblick sehr viele Firmen, Städte, Organisationen und öffentliche Einrichtungen dazu, wie man sich umstellt angesichts der Krise.“ Wird die Arbeitswelt nach Corona wieder so werden wie vorher? Oder sitzen wir auch nächstes Jahr die meiste Zeit im Homeoffice, skypen und whatsappen, was das Zeug hält? Björn Niehaves ist davon überzeugt, dass die Digitalisierung – der Wissenschaftler spricht lieber von Virtualisierung – dann von Dauer sein wird, wenn sie als positiv und erfolgreich erlebt wird. „Instrumente wie Skype, Zoom oder Webex bestimmen diesen Erfolg nur zu 10 Prozent. Es kommt viel mehr darauf an, das Team vernünftig zu führen!“

Kaffeeküche und Flurfunk fehlen

Niehaves weiß, dass „die Hauruck-Umstellung mit der Hammer-Methode“, in der sich die Firmen jetzt befinden, für viele ein Schock ist. Das liege gar nicht so sehr an der grundlegenden Umstellung der Arbeit selbst, wenn sie im Homeoffice stattfindet. „Was fehlt, ist die Kaffeeküche und der Flurfunk.“ Dadurch erlebten viele Mitarbeiter eine „Situation des Mangels“. Niehaves: „Wenn man sieht, dass die Kaffeeküche fehlte, muss man neue Mechanismen entwickeln, um das zu substituieren.“ Der Wissenschaftler kennt Beispiele. Eine Firma habe den „Freitagslunch“ eingeführt. Das Team isst an diesem Tag gemeinsam zu Mittag – jeder in seinem Zuhause. Dabei redet man per Video miteinander, aber ohne Tagesordnung und nicht zwingend über dienstliche Themen, sondern auch über Persönliches, Alltägliches, Banales. Eine andere Firma zelebriert donnerstags das virtuelle „Feierabendbier“. Man prostet sich zu und redet – jeder bei sich im Kämmerlein.
Diese Form der virtuellen Geselligkeit könnte sogar einen Nachteil des Homeoffice in Zeiten von Kontaktsperren ausgleichen: Die Kommunikation kann auf Menschen außerhalb des Teams ausgedehnt werden. Die Ehefrau des Programmierers sitzt vielleicht mit beim Feierabendbier, der kleine Sohn der Buchhalterin möchte auch mal was sagen.

Situation als Reallabor für die Zukunft

Um solche Ideen erfolgreich umzusetzen, braucht es allerdings die richtige Technik. Ein ruckelndes Videobild, grotesk verzerrte Kameraperspektiven, ein Mikro, das sich nach Lust und Laune an- und ausschalten: verhängnisvoll für das neue Miteinander. Auch das müssen Firmen vermutlich lernen: Die Kostenlos- und Billiglösungen sind auf Dauer teuer, denn sie zerstören die Teamfähigkeit.
Für Björn Niehaves stellt die augenblickliche Situation, so schlimm sie auch ist, ein Reallabor für die Arbeitsformen der Zukunft dar. „Das ist faszinierend und total spannend.“ Viele Effekte, die die Wissenschaftler jetzt bei dem rasanten Marsch in die Virtualisierung beobachten, sind keineswegs eine Überraschung. In der wissenschaftlichen Welt sind Teams, die nicht Bürotür an Bürotür arbeiten, ja schon längst Alltag. Und eine Erkenntnis ist Niehaves wichtig: „Die Produktivität sinkt nicht, sie kann sogar steigen.“ Das sehen etliche Arbeitnehmer, die in diesen Wochen zum ersten Mal im Homeoffice sitzen und mit Kollegen und Vorgesetzten über technische Hilfsmittel kommunizieren müssen, anders. Sie klagen über zeitraubendes Nachrichtenschreiben, ständige Unterbrechungen durch das Plingpling der Whatsapps, über Missverständnisse und fehlenden Gedankenaustausch. Wie viel davon Kinderkrankheiten sind und wie viel tatsächlich systembedingte Reibungsverluste sein werden, wird sich wohl erst später herausstellen.

Führungsebene als Dreh- und Angelpunkt

Dreh- und Angelpunkt der Arbeitseffektivität und Arbeitszufriedenheit ist die Führungsebene in Unternehmen und Behörden. In diesen Wochen stellt sich tatsächlich heraus, welche Führungskraft ihrer Aufgabe gewachsen ist – und welche nicht. Björn Niehaves hat eine klare Vorstellung von guter Führung in der virtuellen Arbeitswelt. Dauerkommunikation gehört definitiv nicht zu den Top-Führungsqualitäten. Natürlich müssen Teams in Kontakt bleiben, aber nahezu ununterbrochenes Dialog-Sperrfeuer ist schädlich für die Produktivität. Mehr als über minuziöse Aufträge sollten Vorgesetzte über Zielvorgaben den Arbeitsprozess steuern. Es muss deutlich werden, was erreicht werden soll – wie er das schafft, ist Sache des Mitarbeiters. „Dialogische Führung“ ist weniger gefragt, „strukturelle Führung“ mehr, heißt das in der Fachsprache.

Fünf Lehren aus der Krise Corona aus politischer Sicht ist mehr als im Eiltempo durchgepeitschte Gesetze und Verordnungen im 24-Stunden-Takt. Corona hat ganz grundlegende Veränderungen im gesellschaftlichen Konsens bewirkt. Es geht viel schneller: Während Genehmigungsverfahren und Gesetzesänderungen bisher Monate und Jahre dauerten, gibt es jetzt Beschlussreife im Eiltempo. Niemand kann uns demnächst mehr weismachen, dass die Mühlen der Behörden langsam mahlen müssen. Billig ist nicht alles: Produkte, die zum Überleben oder zum guten Leben gebraucht werden, sollte man nicht komplett im Ausland fertigen lassen. Das sind jetzt Masken und Schutzanzüge, das können morgen Batterie-Bauteile sein. Systemrelevante Berufe erkennen: Wenn es ernst wird, sind die wichtigsten Berufe sind nicht die mit dem höchsten Ansehen und der höchsten Bezahlung. Sparen in der Zeit: Finanzielle Rücklagen sind für Unternehmen und für Privatleute gleichermaßen wichtig, Ohne Rücklagen ist eine Krise nicht zu überstehen. Die schwarze Null rettet uns: Die Überschüsse im Bundeshaushalt und der Sparkurs der Bundesregierung sind die Voraussetzung dafür, dass Deutschland nicht ins Bodenlose stürzt, sondern milliardenschwere Hilfsprogramme auflegen kann. Wenn das Land nicht so schnell wie möglich zurück auf den Konsolidierungskurs kommt, ist die nächste Krise nicht mehr zu bewältigen.

Balance zwischen Feedback und Freiheit

Dazu kommt die „kulturelle Führung“. Nichts ist besser für die Motivation, als wenn Chef und Team die gleichen Visionen haben, die gleiche Vorstellung davon, wie das Unternehmensziel zu erreichen ist – und was überhaupt das Unternehmensziel ist. Um solche Visionen zu kreieren, sind kontrollfixierte Vorgesetzte nicht die richtigen. Die Balance zu finden zwischen Bindung und Behinderung, zwischen Feedback und Freiheit – darin liegt wohl das Geheimnis erfolgreicher Teams.
Auch wenn er nicht in die Glaskugel der Nach-Corona-Zeit schauen kann: Björn Niehaves ist sicher, dass viele der neuen Arbeitsmethoden später in „normalen“ Zeiten erhalten bleiben. „Sicher wird das Pendel auch ein Stück zurückschwingen, zum Beispiel vor dem Hintergrund des Datenschutzes.“ Aber die Vorteile der Virtualisierung lägen jetzt so offen zutage wie nie. Niehaves nennt drei Punkte:

  • Fachkräftegewinnung (auch Auswärtige können mitarbeiten),
  • Produktivitätsgewinn (keine Ablenkung, mehr Motivation), 
  • Mitarbeiterzufriedenheit (Work-Life-Balance).

Pro und Contra Homeoffice

Zwei SZ-Redakteure ziehen den Vergleich:

Christian Schwermer findet das Arbeiten in seinem Helberhausen-Homeoffice klasse,

während Irene Hermann-Sobotka in Grund fast verzweifelt.

Autor:

Irene Hermann-Sobotka (Redakteurin) aus Siegen

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