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Initiative „SieistSiegen“ vermisst die Würdigung verdienter Frauen
Die Unsichtbaren

Susanne El Hachimi-Schreiber von der Initiative „SieistSiegen“ vermisst die Würdigung verdienter Frauen.
  • Susanne El Hachimi-Schreiber von der Initiative „SieistSiegen“ vermisst die Würdigung verdienter Frauen.
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goeb Siegen. „Das ist ja kein Randthema, das ist kein Pipifax“, unterstreicht Susanne El Hachimi-Schreiber im Gespräch mit dem Reporter. Die Glocken von St. Michael läuten zum Mittag. In vier Stunden wird sie vielleicht sprechen dürfen im Haupt- und Finanzausschuss der Stadt. Zu dritt wollen sie dort ihrem Bürgerantrag, den sie als Initiative „SieistSiegen“ ans Rathaus geschickt haben, Rückenwind verleihen.

Theoretisch haben die Politiker bereits ihr Wohlwollen dazu signalisiert. „Das Anliegen der Initiative wird seitens der Universitätsstadt Siegen unterstützt.“ So steht es jedenfalls schwarz auf weiß in den Unterlagen, auch wenn irrtümlich vergessen worden war, die Antragstellerinnen zum Termin einzuladen. Aber was, wenn es zum Schwur kommt, wenn es heißt „Butter bei die Fische“?

goeb Siegen. „Das ist ja kein Randthema, das ist kein Pipifax“, unterstreicht Susanne El Hachimi-Schreiber im Gespräch mit dem Reporter. Die Glocken von St. Michael läuten zum Mittag. In vier Stunden wird sie vielleicht sprechen dürfen im Haupt- und Finanzausschuss der Stadt. Zu dritt wollen sie dort ihrem Bürgerantrag, den sie als Initiative „SieistSiegen“ ans Rathaus geschickt haben, Rückenwind verleihen.

Theoretisch haben die Politiker bereits ihr Wohlwollen dazu signalisiert. „Das Anliegen der Initiative wird seitens der Universitätsstadt Siegen unterstützt.“ So steht es jedenfalls schwarz auf weiß in den Unterlagen, auch wenn irrtümlich vergessen worden war, die Antragstellerinnen zum Termin einzuladen. Aber was, wenn es zum Schwur kommt, wenn es heißt „Butter bei die Fische“? Dann verfahren die Männer – und Männer bilden im Rat der Stadt Siegen nun mal die große Mehrheit – auch schon mal ganz pragmatisch nach dem Motto: verbale Zustimmung bei gleichzeitiger Verhaltensstarre. Denn die Forderungen von „SieistSiegen“ sind nicht von Pappe. Henner und Frieder, die von der Schwerstarbeit gebeugten bronzenen Ur-Siegerländer auf der Siegbrücke, bräuchten nach ihrem Dafürhalten dringend Gesellschaft, und zwar weibliche.

Her mit dem Gehweg!

Wer kennt Helge Agnes Pross?

„Haben in Siegen und im Siegerland denn keine Frauen gelebt?“, fragt El Hachimi-Schreiber rhetorisch und gibt gleich darauf die Antwort: „Natürlich haben sie das, und sie haben alles mit aufgebaut.“ Auch Frauen hätten ihre Arbeitskraft z. B. in den Hauberg eingebracht. „Warum demnächst also nicht eine Haubergsfrau in Tracht und mit traditionellem Werkzeug in der Hand auf der Brückenmauer?“
Die Frauen im Siegener Stadtbild seien bisher unsichtbar, kritisiert sie. Kaum 10 Prozent der Straßen trügen den Namen berühmter Frauen der Region. Jeder kenne zwar die Gebrüder Busch, den Maler Peter Paul Rubens oder den großen Pädagogen Adolf Diesterweg, Siegener durch die Bank, holt die Sprecherin aus. Aber was ist mit der Institutsgründerin Helge Agnes Pross (Uni Siegen), der Pädagogin Hedwig Heinzerling oder der Künstlerin Alma Siedhoff-Buscher, einer Bauhaus-Desgnerin (aus Kreuztal). Auch eine deutlichere Würdigung der ersten gewählten Bürgermeisterin der Stadt Siegen, Hilde Fiedler (1989), kann sich die 43-jährige Selbstständige (Modelabel mit Nähwerkstatt) vorstellen. Frauen machten etwa die Hälfte der Bevölkerung aus, betont die Sprecherin. „Das spiegelt sich im öffentlichen Raum in Siegen allerdings nicht wider.“

Gesamtgesellschaftliches Phänomen

Susanne El Hachimi-Schreiber sieht darin ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Und hier gegenzusteuern, das sei auch Aufgabe der Stadtverwaltung und der Politik.
Die Frauen rühren damit an ein viel tiefer liegendes Problem unserer Gesellschaft. Das Problem der Ungleichheit der Geschlechter. Schlechtere Jobs, schlechtere Bezahlung, unbezahlte Care-Arbeit für Kinder und Familie, mickrige Renten. Ein endloses Thema.

Dass es kein „Spaziergang“ für die mittlerweile zu einem Netzwerk zusammengeschlossenen Aktiven werde, das sei ihnen klar. Mit Häme und Gegenwind sei zu rechnen. „Klar ist uns aber auch, dass sich das nicht von alleine bessert. Es ist ein Thema, an dem wir dranbleiben müssen.“ Übrigens nicht nur Frauen. Auch Männer zählen zu den Unterstützern des Netzwerks.

Henner und Frieder bleiben sich treu Der Arbeitskreis „Aufarbeitung der historischen Hintergründe von Straßennamen in Siegen“ hört sich gemütlich an. In diese Expertengruppe wurde am Mittwoch nach längerer Diskussion der Bürgerantrag von „SieistSiegen“ verwiesen. Das kann alles und gar nichts bedeuten. Unliebsame Themen werden manchmal ganz gern in Arbeitskreise geschoben und verschwinden schon mal bis zum Sanktnimmerleinstag darin, wenn es schlecht läuft. Doch die Sache dürfte hier etwas anders liegen. Dass die Antragstellerinnen im Leonhard-Gläser-Saal der Siegerlandhalle Platz genommen hatten und die Debatte verfolgten, dürfte genauso Eindruck gemacht haben auf die Politik wie die „Reife“, die dieses Thema an sich ausstrahlt. Es liegt einfach in der Luft. Gesellschaftliche Teilhabe ist das große Thema im Corona-Jahr. Nicht von ungefähr ist die Frauenbewegung Maria 2.0, die ja radikale Forderungen in Richtung Gleichberechtigung von Frau und Mann stellt, den katholischen Würdenträgern auf die Pelle gerückt wie nie zuvor. Der geistliche Apparat ist das eine, im Weltlichen verhält es sich aber genauso: eine Welt der Männer. Michael Groß von den Grünen warnte vor Schulterklopfen. Ihn nervte vor allem, dass die Fraktionen damit begannen, prominente Frauen aus ihren eigenen Reihen auf die Vorschlagsliste zu setzen – eine verdiente Bundestagsabgeordnete hier, eine sozial engagierte Landtagsabgeordnete dort. „Das geht gar nicht“, schimpfte er. Alle Ausschussmitglieder fanden den Antrag aber gut, auch wenn die Antragstellerinnen aus formalen Gründen kein Rederecht erhielten. Bürgermeister Steffen Mues drückte aufs Tempo. War zunächst von „ein bis zwei Jahren“ Beratungszeit die Rede, die der Arbeitskreis erhalten soll, ehe er konkrete Projekte vorlegt, verkürzte Mues auf ein Jahr. Das müsse reichen. Nur der Vorschlag, dem Bergmann „Henner“ und dem Hüttenmann „Frieder“ eine Siegerländer Bäuerin direkt an die Seite zu stellen, zog beim Bürgermeister, bei Ingmar Schiltz von der SPD und einigen anderen nicht. „Es handelt sich bei dem Duo um ein Gesamtkunstwerk“, beschied Mues. Das dürfe man als Konzept nicht sprengen. Die beiden lebensgroßen, von der Berliner Gießerei Schäffer & Walker gegossenen Bronzeskulpturen wurden von Friedrich Reusch für die Industrie- und Gewerbeausstellung Düsseldorf 1902 geschaffen. Auf der Ausstellung bildeten die beiden Statuen den Mittelpunkt der Präsentation der dort vertretenen Siegerländer Unternehmen. Anschließend gingen Henner und Frieder durch eine auf Initiative des Berg- und Hüttenmännischen Vereins ermöglichte Schenkung in den Besitz der Stadt Siegen über. Julia Shirley (Grüne) erhielt mit ihrer Bemerkung, „eine Frau in der Gegend“ (Innenstadt) täte den Männern gut, viel Zustimmung und Erheiterung. In einem Jahr muss der Arbeitskreis also liefern.
Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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