Die verräterische Sprache

Der erhobene Zeigefinger täuscht: Der „gekrönte“ Andreas Rebers fuchtelte im Lÿz nicht mit der Moralkeule, sondern gab sich auch politisch unkorrekt. Foto: bö
  • Der erhobene Zeigefinger täuscht: Der „gekrönte“ Andreas Rebers fuchtelte im Lÿz nicht mit der Moralkeule, sondern gab sich auch politisch unkorrekt. Foto: bö
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Siegen. Der Mann trägt Krone. Oder ist es doch ein Bischofs-Hut? Egal, an der katholischen Kirche samt deren bajuwarischem Oberhirten in Rom kommt keiner vorbei. Und ein Rebers natürlich schon mal gar nicht. Auch wenn sein Programm „Auf der Flucht“ heißt. Soviel Zeit muss sein. Dabei spielt der vielfach preisgekrönte Kabarettist so filigran mit den Worten wie ein brasilianischer Ballkünstler mit dem runden Leder, macht dabei die Tore – gemeint sind in seinem Fall die Pointen – aber so gnadenlos wie ein italienischer Ergebnis-Fußballer. Diese Treffer sorgen dann kurzfristig für befreiendes Lachen und ein Stimmungshoch beim Zuhörer, aber dann, kaum im Netz gelandet, implodiert der Verbal-Ball. Wenn einem bei manchem Kabarettisten-Kollegen Rebers’ das Lachen im Halse stecken zu bleiben droht, dann drückt er es mit Macht in denselben zurück.

Und wenn er zum guten Schluss am Freitagabend im Lÿz-Schauplatz, kurz vor halb elf, soulig-gospelnd, den Herrn bittet, dass man ihn nicht missverstehen möge („Oh Lord, Please Don’t Let Me Be Misunterstood“), dann möchte man eigentlich von vorne beginnen, um alles richtig einsortieren zu können. Weil dieser Andreas Rebers nämlich vieles kräftig durcheinander rüttelt, Dinge auf den Kopf stellt, neu bewertet und die politische Korrektheit kräftig in den Allerwertesten tritt. Und man sich dabei ertappt, wie man plötzlich geneigt ist, Stammtischparolen durchzudenken oder eigentlich indiskutable Erklärungen für ernsthafte Argumente zu halten.

Wie etwa die oft gehörte Aussage von schlagenden Ehemännern und Erziehern: „Jemand, der mir egal ist, den verprügel’ ich doch nicht.“ Ein gruseliger Satz, der nur für Täter-Selbstschutz steht. Auch dass der Rebers, der sich mit seinen schlesischen Vorfahren als Vertriebener sieht, ein entspanntes Verhältnis zur Gewalt offeriert, stimmt zwar bedenklich, aber manchmal?

Von hinten, um die Ecke, über die Ohren mitten ins Herz, so kommt Andreas Rebers daher. Punktgenau setzt er die Musik (Keyboard, Akkordeon) ein, wenn er etwa zur „Selbstmordattentäter-Polka“ aufspielt. Ja mei, die Musi? Vor allem anderen ist der Mann aber auch ein großer Unterhalter, der, wenn es denn passt, auch vor einer Uralt-Schote nicht zurückschreckt. Etwa wenn er Gott, Jesus und den Heiligen Geist im Auto mit nach Rom nimmt. Der Chauffeur stellt die Frage, warum es gerade Rom sein müsse? Jesus: „Weil wir dort noch nie waren!“

Verrückt assoziierend spielt Rebers mit der Sprache, kommt von Heidi Klum auf den Klumpfuß und zum Hassprediger Goebbels, um schließlich beim Heidi-Bein zu landen. Parodistisch hat er sie sowieso drauf, vom Benedetto bis zum Adolf aus Braunau, den er mit populärem Liedgut verquickt. Und wie verräterisch die Sprache ist, das macht er auch noch klar: Früher habe es Arbeitsamt geheißen, weil Arbeit noch einen Wert hatte, heute sage man Job-Center, Maßnahmenkatalog klinge nach Quelle, Hartz-4 nach einem Krankheitserreger und deshalb solle es Bürgergeld heißen.Keine Frage, die Reaktionszeit war ein wenig zu kurz, um alles verarbeiten zu können, denn auch in Nebensätzen steckte das eine oder andere schöne Wortspiel. Zum Beispiel, wenn er seine Bio-Wildlachs verzehrende, allein erziehende Nachbarin Frau Hammer, geschiedene Sichel, aufs Korn nimmt. Das aufmerksame Publikum dankte für einen bemerkenswerten Abend mit viel Beifall.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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