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Brotbaum Fichte vielerorts nicht mehr zu halten
Die Waldwelt steht kopf

Gemäßigte Klimazone: Nichts ist mehr wie es einmal war, als die Winter bei uns kalt und die Sommer noch kühl und feucht waren. Der Forstamtsleiter des Kreises Altenkirchen, Michael Weber, vor einem Fichtenwaldstück, das beträchtlich Federn lassen musste.
  • Gemäßigte Klimazone: Nichts ist mehr wie es einmal war, als die Winter bei uns kalt und die Sommer noch kühl und feucht waren. Der Forstamtsleiter des Kreises Altenkirchen, Michael Weber, vor einem Fichtenwaldstück, das beträchtlich Federn lassen musste.
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  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

goeb Siegen/Betzdorf. „Früher wollte man dickes Holz. Heute macht das nur Probleme“, erklärt der Leiter des Forstamts Kreis Altenkirchen, Michael Weber, auf einer Exkursion durch den Giebelwald. Der geschätzt 1,2 Meter dicke Fichtenstamm liegt am Wegrand, ist zwar geschnitten auf 8,30 Meter Länge und wäre damit bereit für die lange Seereise im Hochseecontainer nach China. „Aber höchstwahrscheinlich nehmen auch die Chinesen den nicht.“ Stammdicken zwischen 30 und 50 cm werden gern genommen, Maße darunter oder darüber bereiten nur Probleme. Heute „macht“ ein modernes Sägewerk 80 Meter in der Minute, früher waren es 8 Meter.
Borkenkäfer leistet ganze ArbeitJa, früher. Das ist noch gar nicht so lange her, da setzten die Förster noch auf Picea abies, die Rotfichte.

goeb Siegen/Betzdorf. „Früher wollte man dickes Holz. Heute macht das nur Probleme“, erklärt der Leiter des Forstamts Kreis Altenkirchen, Michael Weber, auf einer Exkursion durch den Giebelwald. Der geschätzt 1,2 Meter dicke Fichtenstamm liegt am Wegrand, ist zwar geschnitten auf 8,30 Meter Länge und wäre damit bereit für die lange Seereise im Hochseecontainer nach China. „Aber höchstwahrscheinlich nehmen auch die Chinesen den nicht.“ Stammdicken zwischen 30 und 50 cm werden gern genommen, Maße darunter oder darüber bereiten nur Probleme. Heute „macht“ ein modernes Sägewerk 80 Meter in der Minute, früher waren es 8 Meter.

Borkenkäfer leistet ganze Arbeit

Ja, früher. Das ist noch gar nicht so lange her, da setzten die Förster noch auf Picea abies, die Rotfichte. Wie eine Parodie klingt es, dass die Fichte noch 2017 zum „Baum des Jahres“ auserkoren wurde. Da standen uns die drei Hitze- und Trockensommer in Folge noch bevor. Heute, nach wenigen Jahren, in denen der Borkenkäfer ganze Arbeit geleistet hat, steht die Waldwelt kopf.
Sage und schreibe 1,2 Millionen Kubikmeter Fichtenholz hat das Forstamt des Kreises Altenkirchen in den drei Käferjahren seit 2018 in seinen Grenzen aufarbeiten lassen, davon allein im letzten Jahr 650 000. Ein irrsinnig hoher Holzeinschlag.

Auch junge Fichten betroffen

Rund 4 Millionen Kubikmeter waren es im Kreis Siegen-Wittgenstein, ergänzt Kollege Manfred Gertz, der Leiter des Regionalforstamtes im Nachbarkreis Siegen-Wittgenstein. „Und wir wissen ja alle nicht“, fährt er fort, „wie sich das Klima entwickeln wird“. Viele Altfichten sind tot, jetzt geht der Borkenkäfer in immer jüngere Bestände.
Auch der dicke „Ehrfurchtsbaum“, wie Weber solch stattliche Kameraden gern nennt, musste zuletzt die Nadeln strecken. „Bis Ende 2019 hatten wir noch geglaubt, wir könnten den Käfer durch schnelles Einschlagen stoppen. Das glauben wir jetzt nicht mehr.“

Fichten stillen Bedarf der Sägewerke nicht mehr

Zwar hatten die Sägewerke in der Region in den vergangenen Jahren gut zu tun, aber da geht es ihnen wie dem Borkenkäfer. Auch der hatte gut zu tun. „Größere Sägewerke benötigen rund 2000 Festmeter am Tag“, berichtet Weber und reißt das Problem an, das in einigen Jahren entstehen wird. Die Region wird den „Hunger“ der Werke womöglich nicht mehr stillen können, weil die Fichte schlicht nicht mehr in dieser Menge vorhanden ist.
Dann müssten laut Weber mehr Lkw auf die Straße, um Holz aus entfernteren Gegenden anzukarren. Das belastet zum einen wieder die Umwelt, zum anderen sind zusätzliche Lkw schwer zu bekommen.
„Bislang“, so Manfred Gertz, „konnten NRW und die Nachbarländer den Holzbedarf der hiesigen Sägewerke decken, in Zukunft wird das schwierig.“ Gertz rechnet vor, dass es vor den Katastrophenjahren in NRW noch 90 Millionen Kubikmeter Fichte gab. Davon sind jetzt schon 30 Millionen weg“.

Zu warm und zu trocken

Während Sieger- und Sauerland, der Westerwald, der Harz und Thüringen riesige Bestände verloren haben, regnete es in Baden-Württemberg und Bayern noch ausreichend. Doch wenn man von dort Fichtenholz holen müsste, dann müssten die Sägewerke ganz anders kalkulieren.
60 bis 80 Jahre braucht man, um von der Fichte wirtschaftlich etwas zu haben. „Probleme bekommt sie, wenn die Jahrestemperatur 8 Grad überschreitet und wenn weniger als 800 Milliliter Niederschlag fallen. Man konnte in Ihrer Zeitung kürzlich gut nachlesen, dass diese Werte im vergangenen Jahr bei uns gerissen wurden“, sagt Forstamtsleiter Manfred Gertz.

Große Sägewerke benötigen Millionen Festmeter Nadelholz> Auf Laubholz können die Sägewerke, diese hochspezialisierten Fabriken, nicht umstellen. „Ganz andere Arbeitsschritte und Technologien sind das“, schildert Manfred Gertz. Der Rohstoff Fichtenholz werde irgendwann knapper. Zurzeit gehe vieles nach Südostasien, vor allem nach China, größter Holzverbraucher der Welt: Brettware, Schalungstafeln für die boomende Bauindustrie der angehenden Weltmacht. Unsere Hölzer werden in den großen und mittelgroßen Sägewerken der Region verarbeitet, darunter die Riesen Egger aus Brilon und Ante im hessischen Somplar in der Nähe von Hallenberg. Allein diese beiden Sägewerke verarbeiten jedes Jahr mehrere Millionen Festmeter Nadelholz. Mittelgroße findet man auf der „Lenne-Schiene“ mit Namen wie Kirchhoff, Baust Beckmann oder Wickel.
Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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