Aussetzen der Antragspflicht
Die Welle von Insolvenzen wird rollen

Die Zahlen zeigen: In der Region gab es im Corona-Jahr 2020 trotz schwerer Rezession gut 20 Prozent weniger Insolvenzen als im Vorjahr. Nach dem aktuellen Lockdown werden noch mehr Fälle und Schicksale vor den hiesigen Amtsgerichten verhandelt werden.
  • Die Zahlen zeigen: In der Region gab es im Corona-Jahr 2020 trotz schwerer Rezession gut 20 Prozent weniger Insolvenzen als im Vorjahr. Nach dem aktuellen Lockdown werden noch mehr Fälle und Schicksale vor den hiesigen Amtsgerichten verhandelt werden.
  • Foto: Pixabay (Symbolbild)
  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

sp Siegen. Der Bundestag hat die Insolvenzantragspflicht für weitere Monate bis Ende April ausgesetzt. Mit der Neufassung des sogenannten Covid-19-Insolvenz-Aussetzungsgesetzes erhalten nun auch jene heimischen Unternehmen einen weiteren Aufschub, die aufgrund der Corona-Krise in Zahlungsschwierigkeiten geraten sind und Leistungen aus den staatlichen Hilfsprogrammen erwarten können. Das klingt mitten in der Pandemie gut, oder etwa nicht?
Ja und Nein. Die Experten sind geteilter Meinung, im Wortsinne. Jens Schneider, Prokurist von Creditreform Siegen, spricht von zwei Seiten der Medaille. Jürgen Haßler, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Westfalen-Süd, äußert sich zurückhaltend, denn die Konsequenzen seien noch nicht vollends abzusehen.

Was dafür spricht

„Die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht soll zu Recht greifen, wenn die Krise des Unternehmens Pandemie-bedingt ist“ und damit unverschuldet sei, sagt Jens Schneider. Ähnlich sehen das auch Jürgen Haßler und Klaus Gräbener, Hauptgeschäftsführer der IHK Siegen. Haßler bezeichnet die Regelung als ein „psychologisches Element“. Das eigentliche Thema aber sei, dass die Überbrückungshilfen gezahlt werden müssten, „dann hätten wir die Problematik nicht“. Gräbener: „Das Instrument kann die wirtschaftlichen Folgen abfedern und Arbeitsplätze erhalten.“ Es gebe eine Reihe von Unternehmen, die in Not geraten, aber vorher erfolgreich gewesen seien.

Was dagegen spricht

„Problematisch ist allerdings, dass durch die Staatshilfen auch Unternehmen am Markt bleiben, die unabhängig von der Corona-Krise eigentlich nicht mehr überlebensfähig sind. Dadurch wird die Funktion der Insolvenz, Gläubiger vor weiteren Schäden zu bewahren, leider immer mehr in den Hintergrund gestellt. Dies führt zwangsläufig zu deutlich steigenden Gläubigerrisiken“, sagt Jens Schneider. Je länger sich das ziehe, desto größer könne der Schaden sein. Lieferanten könnten selbst in Schieflage geraten. Gläubiger sähen nicht, ob eine fragile Liquididät der Schuldner da sei, kritisiert auch Gräbener. Außerdem: „Der Staat befinde sich auf einem schmalen Grat. Es kann sein, dass er den Falschen hilft“, also Unternehmen, die eben nicht aufgrund der Pandemie in Not geraten seien.

"Das dicke Ende kommt hinterher"

„Das dicke Ende kommt irgendwann hinterher“, befürchtet auch Jürgen Haßler. Aufgeschoben sei nicht aufgehoben. Kritisch hinterfragt er: „Hilft es wirklich oder ist es nur ein verlängertes Sterben?“ Gräbener kritisiert vor allem, dass „häppchenweise“ die Aussetzung verlängert wird. Es müsse eine Frist geben, „bis hierhin und nicht weiter“. „Ist ein Instrument zu lang und ungeprüft, dann werden die Risiken höher“, sagt Gräbener und hinterfragt, was eigentlich „Pandemie-bedingt“ sei und wie der Staat das überprüfen wolle und könne.
Im Moment gebe es nicht mehr Insolvenzen als üblich, aber „das gibt ja nicht die aktuelle wirtschaftliche Situation wieder“, sagt Jens Schneider. Die Zahlen zeigen: In der Region gab es 2020 trotz schwerer Rezession gut 20 Prozent weniger Insolvenzen als im Vorjahr, bundesweit lag das Minus laut Wirtschaftsauskunftei bei 13,4 Prozent.
Wie viele am Ende tatsächlich unter den Hammer kommen? Jens Schneider wiederholt seine Antwort, um der Frage auszuweichen: „Das erhöhte Insolvenzgeschehen wird nur verzögert und durch die staatlichen Eingriffe verschoben.“ Denn diese Frage trauen sich selbst die Experten nicht zu beantworten

Autor:

Sarah Panthel (Redakteurin) aus Siegen

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