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Sturm auf das Kapitol: Interview mit USA-Experten der Uni Siegen
Diese Bilder brennen sich ein

Professor Dr. Daniel Stein, Amerikanist und US-Experte, lehrt und forscht an der Universität Siegen.
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  • Professor Dr. Daniel Stein, Amerikanist und US-Experte, lehrt und forscht an der Universität Siegen.
  • Foto: privat
  • hochgeladen von Alexander W. Weiß (Redakteur)

ch/sz Siegen/Washington. Die Bilder verstören, die USA, die ganze Welt. Während im Kongress der gewählte Präsident Joe Biden bestätigt werden soll, stürmt ein Mob aus Trump-Anhängern das Gebäude. Pistolen werden gezückt, Tränengas wird eingesetzt. Die Nationalgarde wird gerufen. Vier Menschen sterben. Der Sprecher der demokratischen Minderheit im Senat, Chuck Schumer, spricht von „einem der dunkelsten Tage der US-Geschichte“. Amerikanist und US-Experte Professor Dr. Daniel Stein und sein Kollege Dr. Marcel Hartig, Anglist und ebenfalls USA-Kenner, beide forschen und lehren an der Universität Siegen, ordnen die Ereignisse ein.

Was bedeutet der Sturm aufs Kapitol für die US-Demokratie und für den Ruf der USA in der Welt?

ch/sz Siegen/Washington. Die Bilder verstören, die USA, die ganze Welt. Während im Kongress der gewählte Präsident Joe Biden bestätigt werden soll, stürmt ein Mob aus Trump-Anhängern das Gebäude. Pistolen werden gezückt, Tränengas wird eingesetzt. Die Nationalgarde wird gerufen. Vier Menschen sterben. Der Sprecher der demokratischen Minderheit im Senat, Chuck Schumer, spricht von „einem der dunkelsten Tage der US-Geschichte“. Amerikanist und US-Experte Professor Dr. Daniel Stein und sein Kollege Dr. Marcel Hartig, Anglist und ebenfalls USA-Kenner, beide forschen und lehren an der Universität Siegen, ordnen die Ereignisse ein.

Was bedeutet der Sturm aufs Kapitol für die US-Demokratie und für den Ruf der USA in der Welt?

  • Stein: Sie ist für die US-Demokratie und den Ruf der USA in der Welt verheerend, denn sie bringt das politische System der Vereinigten Staaten und die Zivilgesellschaft an den Rand des Abgrunds. Schlimmer noch: Weil die Aufständischen mit der impliziten und vielfach sogar expliziten Billigung führender republikanischer Politiker – darunter Präsident Trump – handeln, sprechen US-amerikanische Medien zu Recht von einem versuchten Coup, die amerikanische Demokratie aus den Angeln zu heben.

Inwiefern hat Sie die Stürmung überrascht nach Donald Trumps wiederholten Hass-Kampagnen der vergangenen Jahre und speziell der vergangenen Monate seit der Präsidentschaftswahl?

  • Hartwig: Überrascht hat das niemanden. Denn der Boden für diese Eskalation wurde gut vorbereitet, von langer Hand, seit 2016, dem Jahr der Wahl von Trump. Stephen Bannon, einst Betreiber der rechtsradikalen Internetplattform „Breitbart“, dann Spin-Doctor im Wahlkampf, später Chefstratege im Weißen Haus, hat mit seinem Vordenken zur Dekonstruktion der USA den Weg vorgezeichnet.
  • Stein: Es war und ist nicht nur Trumps ewiges Agitieren gegen das sogenannte politische Establishment („drain the swamp“) und sein penetrantes Infragestellen des Wahlergebnisses der letzten Präsidentschaftswahl, sondern auch durch beinahe die gesamte republikanische Partei, die auch noch die abwegigsten Verschwörungsmythen bemühten, um Macht zu erhalten und politische Prozesse zu blockieren. Zudem tragen propagandistische Fernsehsender, rechte Radiosender und die Hassblasen der sozialen Medien zur Verschärfung der Rhetorik und damit auch zur verbalen Legitimation der Ereignisse bei. 

Kann die Stürmung zu einem Umdenken in der Bevölkerung führen? Wenden sich jetzt vielleicht Menschen von Trump ab, die ihn bisher unterstützt haben?

  • Stein: Ich denke, dass einige republikanische Abgeordnete und Senatoren sich grundsätzlich überlegen werden, ob sie Trump weiterhin bedingungslos bei Fuß stehen. Denn es könnte langfristig negative Konsequenzen haben, wenn sie als Befürworter des Mobs und als Verräter an der Demokratie gebrandmarkt werden. Trotzdem wäre es illusorisch zu glauben, dass nun alle wieder zu Vernunft und Verfassungstreue zurückkehren. Dafür sind die Abgeordneten und Senatoren, die Trump weiterhin unterstützen, viel zu abhängig vom Zuspruch der Trump-Basis. 

Wird Trump die Politik der Republikaner auch nach seiner Amtszeit weiter beeinflussen?

  • Stein: Das wird sich in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten zeigen. Bislang war der innerparteiliche Widerstand gegen Trump sehr gering. Man ging den Pakt mit dem Teufel ein, weil man es aus machtpolitischen Erwägungen für zielführend hielt. Die Nachwahlen zum Senat in Georgia, bei denen die beiden demokratischen Kandidaten die republikanischen Amtsinhaber schlagen konnten, zeigen aber, wie toxisch Trump auch für die republikanische Partei sein kann.
  • Hartwig: Die Frage wird sein, ob es den Republikanern gelingen wird, sich vom Einfluss Trumps und seiner Basis freizumachen. Ich halte das für unwahrscheinlich: Schon bei den nächsten Kongress-Jahren in zwei Jahren wird es wieder zur Sache gehen. Mit der Stürmung des Kapitols hat Trump – nach der Besetzung von US-Wahlbüros und nach dem Ablegen eines Schweinekopfs vor der Haustüre der Vorsitzenden des US-Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi – eine Blaupause für sein weiteres Vorgehen. 

Gab es in der US-Geschichte schon einmal Vergleichbares?

  • Stein: Die Stürmung des Kapitols durch die Briten im Jahr 1814 während des War of 1812 scheint das einzig vergleichbare Ereignis. Es handelt sich also um ein einschneidendes Ereignis. Allerdings muss man sich darüber klar sein, dass die tiefergehende Attacke auf die Demokratie woanders stattfindet, indem das politische System der USA von Trump und den Republikanern partei- und machtpolitisch missbraucht und seine Legitimität damit kontinuierlich unterwandert wird.
  • Hartwig: Wichtig sind hier vor allem die Bilder, die wir am Mittwochabend bzw. in der Nacht gesehen haben. Die brennen sich ein. Sie beinhalten die Narrative, die man mit ihnen setzen, bzw. etablieren kann. Sie geben die Richtschnur auch für die nahe Zukunft vor ...
  • Stein: ... viele Beobachter haben auf die Diskrepanz zwischen dem brutalen Umgang mit den weitgehend friedlichen Protesten der Black-Lives-Matter-Bewegung im letzten Jahr und der relativen Leichtigkeit, mit der die Trump-Befürworter das Kapitol stürmen konnten, hingewiesen.

Joe Biden wandte sich mit einer Rede an das Volk und verurteilte die Stürmung scharf als „Angriff auf die Demokratie“. Wie wichtig war seine Rede und wie schwer wird es für Biden werden, die Spaltung in der Bevölkerung und den Hass zu verringern?

  • Stein: Die Ansprache des designierten Präsidenten war wichtig, weil sie das durch Trump bewusst erzeugte politische Vakuum zu füllen versuchte. In „normalen“ Zeiten wäre ja eine Ansprache des amtierenden Präsidenten unausweichlich gewesen, aber dies sind nun mal keine normalen Zeiten. Indem Biden von einem Angriff auf das Herz der US-amerikanischen Demokratie spricht, versucht er, ein Gefühl der Stabilität zu vermitteln, und zwar nicht nur an die Amerikaner, sondern auch an die ganze Welt.
  • Hartwig: Im Moment kann ich mir nicht vorstellen, wie Biden die Spaltung kitten kann. Immerhin 73 Millionen Menschen haben Donald Trump gewählt, 80 Prozent von ihnen, schaut man auf Befragungen, glauben tatsächlich, dass Trump die Wahl gestohlen wurde. Es drohen also schwere Zeiten für die USA.
Professor Dr. Daniel Stein, Amerikanist und US-Experte, lehrt und forscht an der Universität Siegen.
Dr. Marcel Hartig, Anglist und USA-Kenner, von der Uni Siegen.
Autor:

Christian Hoffmann (Redakteur) aus Siegen

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