Diese »Denke« machte »Staune«

Dieter Hildebrandt sezierte die Welt mit gezücktem Wortbesteck – und las wie versprochen

zel Siegen. Guter Mann! Bissig, böse, intelligent und sprachgewitzt, wie man ihn kennt und wie man es von ihm erwartet. Live sogar noch besser als bei »Scheibenwischer« im Fernsehen. Den großen, deutschen Kabarettisten – sollte er wirklich schon auf die 80 zugehen? – muss man erlebt haben. Das Gastspiel von Dieter Hildebrandt am Dienstag in Siegen (nicht Gießen – wie er sich nach der Pause selbst korrigierte!) war ein Fest für die Besitzer funktionierender Gehirne im ausverkauften Schauplatz Lÿz.

Eigentlich wollte er ja lesen, aus seinem Bahnfahrer-Reisebericht »Ausgebucht – Mit dem Bühnenbild im Koffer«. Betonte er immer mal wieder während der ersten Dreiviertelstunde seines Auftritts. Aber es gab noch so viel zu bereden, zu kritisieren an und zu spötteln über Deutschland, seine Regierung, seinen Fußball und die Welt – da musste das Lesen erstmal hintangestellt werden. Hildebrandt hatte eine Loseblattsammlung vor sich, ein Manuskript, aber hielt er sich daran? Vielleicht nur, um nichts zu vergessen von alldem, was ihn – natürlich brandaktuell – um- und antreibt zu analytischen und sprachlichen Hochleistungen.

Seine typische Art des Vortragens, das Verhaspeln, Verhuschen, Verstottern, ließ Hildebrandt wirken, als könne er kein Wässerchen trüben – aber er trübte, und wie! Putin und Erdgas 04 (»Der Russe steht jetzt schon an der Wupper!«), die Pressefreiheit in der Türkei (»Da darfst du nicht öffentlich zu einem stehen, der sitzt.«), die polnische Doppelknollenspitze, der Karikaturenstreit (»Wo kommen eigentlich die dänischen Fahnen her, die in Mekka verbrannt werden?«), die ewigen Fußballexpertenrunden im Fernsehen, der Bush-Besuch in Stralsund, bei dem sogar die Ostsee umgeleitet wurde, und natürlich Benedetto, der Italo-Bajuware in edlen Frauenkleidern (»,Wir sind Papst’ – ich hörte den Heiligen Geist deutlich ,Bingo!’ rufen.«), mussten erst noch zur hellen Freude des Publikums mit feinem Wortbesteck seziert werden, bevor die Lesung beginnen konnte. Etwas schön Böses gefällig, bevor es losgeht? Jesus, von Pontius Pilatus befragt, ob er der Sohn Gottes sei: »Bitte nageln Sie mich jetzt nicht fest...« Hui.

Seine Reisen zu Gastspielen in der ganzen Republik hat Dieter Hildebrand in seinem Buch »Ausgebucht« verarbeitet. Er ließ sein aufmerksames Publikum teilhaben an Bahnreisen, bei denen der Zug schon nach fünf Kilometern 40 Minuten Verspätung hat, mokierte sich über Bahnchef »Blähdorn« und sein neues Tarifsystem (»Wir sollen sagen, dass wir verreisen wollen, und er sagt uns dann, wann.«), imitierte unverständliche Pseudoerklärungen für Verspätungen über Lautsprecher und beschrieb Mitreisende wie die Armada junger Männer in dunklem Zwirn, die in den Abteilen ungeniert in ihre Handys bellen (»Gerlinde, ich habe mich gerade hingesetzt.«). Ein armes Wesen (ein Bahn-Clown?) namens Max Meusl tauchte zur Freude der Zuhörer fast in jedem Zug wieder auf und belämmerte den sich lesend stellenden Kabarettisten mit der Überprüfung der gemeinsamen schlesischen Herkunft und tausend anderen Informationen, die der Bahnreisende nie erfragt hatte. Auch wurde ein Ratgeber für »Futschi-weg« (Feng Shui) genüsslich zerrissen und über Bord geworfen.

Und dann war noch Zeit für Medien- und Sprachkritik, für die man nur unendlich dankbar sein konnte. Wenn Rheinfähren das Handtuch werfen und im Irak ins Gras gebissen wird, braucht es einen aufmerksamen Leser wie Hildebrandt, der die Hand hebt und »Halt ein!« gebietet. Ein ums andere Mal klatschte das Publikum ihn wieder hinter dem Vorhang hervor, und Hildebrandt ließ sich nicht lange bitten und trug ältere Texte vor, in denen er zum Beispiel wunderbar das Wortfeld »Feld« beackerte. Ob seiner großartigen »Denke« und Sprache hatte das Publikum eine gewaltige »Staune« – und fast drei Stunden beste Laune.

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