Dieser Bahnhof ist Handarbeit

Signale für den Zug und Weichen stellen läuft in Hilchenbach über Muskelkraft.  Foto: Jan SchäferDer Fahrdienstleiter kurbelt die Schranke hier noch per Hand. Foto: Jan Schäfer
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js - Nicht „nur“, aber sehr wohl Bahnhof verstehen ist gefragt, wenn Rainer Jung zur Arbeit kommt. Der dienstälteste Fahrdienstleiter gehört zum Hilchenbacher Bahnhof wie die stündlich geschlossenen Schranken am Mühlenweg. Seit mehr als vier Jahrzehnten ist der 58-Jährige dabei, wenn die Züge der Rothaarbahn auf dem Weg von Siegen nach Bad Berleburg mit denen in die entgegengesetzte Richtung kreuzen. Damit dies einmal in der Stunde reibungslos funktioniert, muss der Fahrdienstleiter das Stellwerk bedienen. Und das mit einer Technik, deren Grundlagen vor 100 Jahren gelegt wurden.

1915 war ein für die Bahnstrecke vom Siegerland nach Wittgenstein bedeutsames Jahr. Wie ausführlich berichtet, war im Juli des Jahres die verschobene Trasse zwischen Ferndorf und Hilchenbach in Betrieb genommen worden. Zur Erinnerung: Seit der Eröffnung der Strecke im Jahr 1884 waren die Gleise in diesem Abschnitt entlang der damaligen Provinzialstraße (heute B 508) verlaufen. Aus Sicherheitsgründen entschied man sich für ein neues Gleisbett auf der anderen Seite des Tals. „Wenn man das damals nicht gemacht hätte, gäbe es diese Strecke nicht mehr“, ist sich Horst Grafe sicher, der sich als Hobby-Eisenbahnhistoriker intensiv mit der Verlegung der Trasse vor 100 Jahren beschäftigt.

Nicht nur die neuen Schienenstränge selbst galt es seinerzeit mit Brückenbauwerken und Geländeeinschnitten zu legen, es kamen auch neue Gebäude hinzu. Die Bahnhöfe Dahlbruch und Allenbach entstanden in dieser Zeit. In Hilchenbach, wo die neue Trasse wieder mit der alten zusammenlief und der bestehende Bahnhof an gewohnter Stelle weiterbetrieben werden konnte, entstand ein neues Stellwerk. Noch heute hat sich an der damals eingerichteten Technik nichts Grundlegendes geändert. Zwar gab es in den 1930er-Jahren eine technische Modifizierung, vor einigen Jahren wurden Teilbereiche auf Elektrobetrieb umgestellt, die bewährte Mechanik an sich aber funktioniert heute noch so gut vor vor einem Jahrhundert. Das muss sie auch, schließlich ist sie Voraussetzung dafür, dass der Zugverkehr auf der Rothaarstrecke rollen kann.

Für Fahrdienstleiter Rainer Jung und seine Kollegen bedeutet der Arbeitsalltag echte Handarbeit. Nicht eine ganze Schicht lang am Stück, wohl aber in einem geordneten Stundentakt. Immer, wenn die Triebwagen der Rothaarbahn in Hilchenbach aufeinandertreffen und nebeneinander Passagiere „ausspucken“, muss der Betriebsleiter im Vor- und Nachgang ran: Dann gilt es Signale zu stellen, Weichen umzulegen und – das ist inzwischen ein echtes Alleinstellungsmerkmal für Hilchenbach – die rund 50 Meter vom Bahnsteig entfernten Schranken am Mühlenweg zu bedienen. Per Hand werden die beiden Schlagbäume hoch- und runtergekurbelt. Ein sympathischer Anachronismus. „Da braucht man kein Fitnessstudio mehr“, lacht Rainer Jung und grüßt eine junge Frau, die gerade aus dem Zug gestiegen ist, mit Namen. „Das ist das Schöne hier: der Kontakt zu den Menschen.“ Viele hat er kennengelernt, über Jahre sind einige von ihnen so etwas wie Wegbegleiter geworden. „Man kennt seine Leute.“

Und das rührt nicht zuletzt daher, dass Hilchenbach als einziger Bahnhof weit und breit noch einen Ticketschalter hat. Kreuztal, Ferndorf, Erndtebrück – sie alle haben diesen Luxus längst aufgeben müssen. An sieben Tagen in der Woche können Bahnkunden sich hier Fahrscheine kaufen, persönliche Beratung nutzen und Reisen buchen. Nicht nur aus Hilchenbach kommen Kunden genau deshalb hierher, sondern auch aus dem Umland. Etwas weniger geworden sei die Nachfrage inzwischen wegen der Konkurrenz des Internets, berichtet Jung. Aber sie sei noch da.

Es klingelt. Nicht das Telefon macht sich bemerkbar, sondern das Funkgerät, mit dem der Fahrdienstleiter Kontakt hält zu den Kollegen in den anderen Stellwerken. Vom Ferndorfer Bahnhof kommt die Meldung, dass der nächste Zug in Richtung Bad Berleburg etwas später kommt. Wo genau er sich gerade befindet, fragt Rainer Jung direkt beim Zugführer nach. Auch die Kommunikation in die Triebwagen selbst läuft wie am Schnürchen – wenn auch über Funk. Momentan ist der Zug im Bereich Hillnhütten unterwegs. Da lohnt es sich doch noch, die Schranke wieder aufzukurbeln. Wenn auch nur für ein paar Minuten und ohne jede Verpflichtung dazu: So viel Service muss sein, die Autofahrer werden es danken.

Vieles hat sich verändert in all den Jahren, die Rainer Jung am Hilchenbacher Bahnhof Dienst schiebt. Einiges war früher besser, anderes ist es heute. Dass die Schranken seit dem vergangenen Jahr „signalabhängig“ gemacht wurden, gehört zu den positiven Neuerungen – nur wenn sie geschlossen sind, kann heute das Signal für den Zug auf freie Fahrt gestellt werden. Ein klarer Sicherheitsgewinn: Früher musste der Fahrdienstleiter höllisch aufpassen, dass die Position der Schranke mit der des Signals zusammenpasst. Mehr wurde nicht modernisiert an der zentralen Schrankenanlage mit dem charakteristischen Klingelton. Weiterhin wird sie von Hand betrieben bleiben – auch jetzt, da die beiden Übergänge an der Sterzenbacher Straße und an der Zufahrt zur Firma Schrag vor nicht allzu langer Zeit mit Halbschranken abgesichert wurden.

Von 3.45 bis 22.50 Uhr ist der Hilchenbacher Bahnhof besetzt. Jeden Tag. Seit vielen Jahrzehnten. Und in all dieser Zeit hat sich das Stellwerk mit seiner nunmehr 100-jährigen Geschichte recht störungsfrei erwiesen. „Die Mutter aller Stellwerke“ sei das mechanische Meisterstück, das in Hilchenbach noch immer gefragt ist. Nicht nur weil es durchaus Arbeitsplätze sichert. „Neuere Stellwerke bauen auf dieser Technik auf.“ Den Charme der Mutter indes dürften die elektrisch betriebenen Kinder nicht geerbt haben. Jan Schäfer

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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