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Corona-Pandemie verändert Gesellschaft
Distanz könnte neuer Standard werden

Bilder wie diese scheinen aus einer anderen Zeit - mit so vielen Freunden zusammenkommen ist in Corona-Zeiten untersagt. Wie verändern diese Einschränkungen unsere Gesellschaft? Zukunftsforscher Dr. Bruno Gransche begibt sich auf die Suche nach Antworten.
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bw Siegen. Das Jahr 2020 geht zu Ende, viele werden sagen: endlich. Es war geprägt von der Corona-Pandemie, die die Welt jedoch auch im kommenden Jahr weiter in Atem halten wird. Was bleibt, sind Unsicherheiten. Denn es stellt sich die Frage, wie diese Krise unser aller Leben und unsere Gesellschaft nachhaltig verändern wird. Ist die Rückkehr zu der „Vor-Corona-Normalität“ überhaupt möglich oder wird es eine neue Normalität geben müssen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich auch der Philosoph und Zukunftsforscher Dr. Bruno Gransche von der Universität Siegen. Derzeit gibt es zwar kein Forschungsprojekt, das sich mit den Folgen der Corona-Krise auseinandersetzt.

bw Siegen. Das Jahr 2020 geht zu Ende, viele werden sagen: endlich. Es war geprägt von der Corona-Pandemie, die die Welt jedoch auch im kommenden Jahr weiter in Atem halten wird. Was bleibt, sind Unsicherheiten. Denn es stellt sich die Frage, wie diese Krise unser aller Leben und unsere Gesellschaft nachhaltig verändern wird. Ist die Rückkehr zu der „Vor-Corona-Normalität“ überhaupt möglich oder wird es eine neue Normalität geben müssen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich auch der Philosoph und Zukunftsforscher Dr. Bruno Gransche von der Universität Siegen. Derzeit gibt es zwar kein Forschungsprojekt, das sich mit den Folgen der Corona-Krise auseinandersetzt. Gransche hat sich indes als Zukunftsforscher seine Gedanken dazu gemacht und teilt diese Einschätzungen im Interview mit unserer Zeitung.

Die Corona-Pandemie ist nicht vorbei, aber auch diese Krise wird irgendwann in mittelfristiger Zukunft hoffentlich ihren Schrecken verlieren. Welche Lehre sollten wir alle daraus ziehen?
Zukunftsforschung ist immer ein Denken in Alternativen und das Erkunden von Möglichkeitsräumen. Wir machen deshalb keine Vorhersagen, die wären seriös nicht möglich. Was deutlich geworden ist in diesem Jahr, ist aber, dass es anders kommen kann, als man sich es vorstellt. Die Einschätzung, was man für möglich hält, kann oft trügen – das hat die Corona-Krise gezeigt. Viele der vermeintlichen Selbstverständlichkeiten haben sich als prekär herausgestellt und davon sind wir überrascht worden. Zum Beispiel haben wir in diesem Jahr feststellen müssen, wie groß das Privileg der Reisefreiheit in Europa ist. Die Grenzschließungen haben uns gezeigt, wie hart errungen dieses Privileg ist. Auch hart erarbeitete Beziehungen zwischen Staaten haben Risse bekommen. Es sind Abstoßungserscheinungen an den Grenzen aufgetreten mit Beschimpfungen – als überzeugten Europäer überrascht einen das. Das zeigt uns aber: Der europäische Zusammenhalt und unsere Reisefreiheit sind keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Privileg, für das man stets etwas tun muss. Corona ist ein Entselbstverständlichkeitsprogramm für unseren Status Quo.

Neuer ist nicht immer besser

Welche Lehre sollten wir aus der Corona-Krise ziehen für unsere Wirtschafts- und Berufswelt?
Wandel wird teilweise überbetont und auch überschätzt. In manchen Bereichen hat eine Wandlungsträgheit sogar Vorteile. Im Gesundheitssystem haben in den vergangenen Jahrzehnten große Umgestaltungen stattgefunden. Da wäre eine gewisse Wandlungsträgheit besser gewesen. Es gilt ja oft: Je neuer und je schneller, desto besser. Dass das ein Trugschluss ist, ist vielleicht auch eine Lehre, die uns durch diese Pandemie bewusst geworden ist. Das Führen eines Krankenhauses unter den Unternehmensgrundsätzen hat dazu geführt, dass nach Quartalsabrechnungslogik übergroße Lager von Schutzmasken oder leer stehende Notfallbetten wirtschaftlich Geld fressen. Im Pandemie-Fall wären diese Kapazitäten wichtig gewesen. Ist es also klug, unsere Systeme immer nach Gewinn- und Marktgesichtspunkten an die Grenzen zu fahren? Die Antwort muss in diesem Jahr ganz klar sein: Nein. Wir müssen uns in den Kernbereichen wie dem Gesundheitssystem auch teurere Strukturen und weitere Kapazitäten leisten. Das gilt aus meiner Sicht auch für den kulturellen Bereich. Wir sollten schauen, dass wir nicht jeden Teil der Gesellschaft von Unternehmensberatungen optimieren lassen nach neoliberalen Wertmaßstäben. Es wäre unverantwortlich, die durch diese Corona-Krise aufgezeigten Symptome nicht als Zeichen für Missstände zu verstehen.
Sprich: Man sollte Dinge, die in dieser Krise nicht funktioniert haben, dann auch nachhaltig auf den Prüfstand stellen?
Absolut. Aber Sie haben ja gefragt, was anders sein wird nach der Krise – ich befürchte wenig. Schauen Sie sich die letzte große Krise an, die Finanzkrise von 2008. Was ist nach der „Es-darf-nie-wieder-so-weit-kommen“-Rhetorik denn geschehen? Ich finde nicht, dass da wirklich an den Ursachen etwas getan wurde, nur an den Symptomen. Ich fürchte, dass es mit der Corona-Krise nun ähnlich sein könnte, sobald der Schreck ein paar Jahr hinter uns liegt. Politisch ist das Gedächtnis nach Krisenzuständen meistens relativ kurz. Krisen werfen uns auf Versäumnisse zurück. Es kann sein, dass es gelingt. Corona ist ein gehöriger Schreck, ich sehe aber aus der Vergangenheit das menschliche Potenzial, einen Schreck schnell hinter sich zu lassen und „business as usual“ zu machen.

Handel muss im Internet sichtbar sein

Händeschütteln ist wichtig

Distanz ist das Gebot der Stunde. Wird es ein Zurück geben zu unseren bekannten Gepflogenheiten oder bleibt der Abstand? Ist die Rückkehr zu unserer gewohnten Vor-Corona-Lebensweise möglich?
Ich habe die Sorge, dass sich die sehr distanzierten Umgangsformen tatsächlich als neuer und als verantwortlicher Standard durchsetzen. Ich finde, dass es zu unserer kulturellen Identität gehört, nähere und kontaktreichere Umgangsformen zu haben. Die Maske und die dauerhafte Distanz passt nicht in unser Kulturgefüge. Es wäre ein großer Verlust, wenn das Händeschütteln nicht mehr zu den Gepflogenheiten gehören würde. Ich finde, das hat in unserem Sozialgefüge eine wichtige Funktion. Wenn wir das dauerhaft bleiben lassen aus Gründen des Infektionsschutzes, wäre es aus meiner Sicht eine Verarmung unserer zwischenmenschlichen Kultur. Es gibt natürlich Menschen, die gerne weniger Kontakt zu anderen wünschen, die bekommen gerade eine Rechtfertigung. Aber krass ausgedrückt: Sozialphobiker sollten uns nicht den neuen Standard vorschreiben, wie wir miteinander umgehen sollen.
Es ist zu beobachten, dass zwar in der Mehrheit der Bevölkerung eine starke Solidarität besteht. Gleichzeitig erleben wir aber eine immer aggressivere Stimmung in der „Querdenker-Bewegung“. Glauben Sie, dass diese wieder abflauen wird oder werden wir in Zukunft verstärkt mit solchen Protesten rechnen müssen?
Das sehe ich tatsächlich als Gefahr an. Das ist eine Strömung, gegen die wir aktiv vorgehen müssen. Es ist sichtbar geworden durch Corona, aber es wurde nicht ausgelöst durch Corona. Es hat mit unseren Technologien zu tun, dass diese Kleingruppen und Subkulturen und Meinungsführer sich zusammentun und sich nicht mehr mit widersprechenden Meinungen konfrontieren lassen. Nach dem Motto: Wer ein Argument gegen eine Verschwörungstheorie bringt, ist automatisch Teil dieser Verschwörung. Das hat Demokratie zersetzende Tendenzen, die gemeinsame Grundlage zur Diskussion schwindet. Das Argument findet keine Basis mehr. Es besteht die Gefahr, dass dieses Radikalisieren von Gruppen, die dann nicht mehr gesprächsfähig sind, zunehmen kann. Dem kann man nur mit Bildung, Medienbildung und Regulierung entgegen wirken.

Kulturelle Verarmung befürchtet

Haben die Kultur und das Vereinsleben aus Ihrer Sicht einen irreparablen Schaden durch die Corona-Krise genommen?
Eine langfristige Folge von Corona, die ich wirklich befürchte, ist eine kulturelle und ästhetische Verarmung dieses Landes. Das liegt an der Geringschätzung und der prekären Struktur. Es wäre ein Riesenverlust – ein größerer Verlust, als wenn mal eine Weihnachtsmesse ausfällt. Die Vereine haben auf lokaler Ebene eine enorm wichtige Rolle für den Zusammenhalt. Ich glaube aber, dass die kleinen Vereine, die sich durch die Nähe zu ihren Mitgliedern auszeichnen, ein relativ gute Chance haben zu überleben. Ich glaube, vor allem da, wo der lokale Bezug mit ehrenamtlichem Engagement zusammenhängt, werden die Vereine die Krise überdauern können. Jeder Verein wäre ein Verlust.

Kommentar: Rückkehr erwünscht Sehr selten in den vergangenen Jahrzehnten war der Start in ein neues Jahr mit so vielen Sorgen und Fragezeichen verbunden. Die Corona-Pandemie ist mit enormen Unsicherheiten verknüpft. Aber: Es wird der Tag kommen, und davon sollten wir alle ausgehen, an dem diese Krise eine verblassende Erinnerung sein wird. Die Frage ist nur, ob wir alle – jeder für sich, aber auch als Gesellschaft – aus der Krise lernen und Dinge verändern werden, die sich in dieser Zeit als problematisch erwiesen haben. Der Zukunftsforscher Dr. Bruno Gransche hat einige davon in unserem Interview angesprochen. Um die Fragen der Zukunft beantworten zu können, hilft häufig der Blick in die Vergangenheit. Die Parallelen der Spanischen Grippe, die vor einem Jahrhundert wütete, zur Corona-Pandemie sind frappierend. Es war eine Influenza-Pandemie, die sich zwischen 1918 und 1920 in drei Wellen verbreitete und laut Weltgesundheitsorganisation WHO zwischen 20 und 50 Millionen Menschenleben forderte – einige Schätzungen reichen sogar bis zu 100 Millionen. Die für jene Zeit noch untypische, kriegsbedingt erhöhte Mobilität begünstigte die weltweite Ausbreitung. Heute ist die Mobilität viel größer, Reisen rund um die Welt sind kein Problem mehr. So hat sich Corona schnell weltweit verbreiten können. Grenzen zu schließen und Reisen zu begrenzen, war vielleicht eine kurzfristig nötige Maßnahme, wird sich in der globalisierten (Wirtschafts)-Welt aber langfristig nicht durchsetzen. Hat sich durch die Spanische Grippe gesamtgesellschaftlich sonderlich viel verändert? Wohl eher wenig. Unsere Kultur und unsere Umgangsformen werden sich auch durch Corona nicht grundsätzlich ändern. Wir werden wohl kaum auch dann noch Masken tragen, wenn die Pandemie endlich im Griff sein sollte, obwohl diese auch gegen andere Grippe- oder Magen-Darm-Viren helfen könnten. Wir werden uns sicher auch wieder die Hand geben – das ist in unserer Kultur einfach ein Zeichen des Respekts. In diesen Tagen etwa bei Trauerbekundungen anderen nicht die Hand reichen zu können oder auch liebe Freunde nicht umarmen zu können, tut uns weh. Wir werden darauf nicht verzichten. Und das ist auch gut so. Viel leichter sollte es uns allerdings fallen, Abstände in Supermärkten, in Warteschlangen etc. zu halten – wieso sollten gewisse Regeln nicht auch in Zukunft gelten, nicht als Gesetz, aber als allgemein anerkannter Grundsatz? Und noch etwas: Durch Corona haben wir alle das Desinfizieren unserer Hände als Normalität kennen gelernt. Das wäre etwas, das aus meiner Sicht bleiben sollte. Es sollten Spender mit Desinfektionsmitteln in allen öffentlichen Gebäuden, Arztpraxen, Geschäften etc. zur Verfügung stehen. Klar, das kostet etwas. Aber gerade die Hygiene der Hände hilft, Erkrankungen vorzubeugen und deren Verbreitung zu verhindern. Und wir alle sollten dieses Angebot dann auch immer nutzen. Aus eigenem Interesse und aus Respekt vor unseren Mitmenschen. Björn Weyand
Bilder wie diese scheinen aus einer anderen Zeit - mit so vielen Freunden zusammenkommen ist in Corona-Zeiten untersagt. Wie verändern diese Einschränkungen unsere Gesellschaft? Zukunftsforscher Dr. Bruno Gransche begibt sich auf die Suche nach Antworten.
 Dr. Bruno Gransche
Autor:

Björn Weyand (Redakteur) aus Bad Laasphe

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