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SZ-Interview über Schulschließungen mit Prof. Trautmann
"Distanzunterricht birgt Probleme"

Sind Schulschließungen sinnvoll oder unverantwortlich? Die SZ sprach mit Sozialpädagoge Prof. Dr. Matthias Trautmann.
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  • Sind Schulschließungen sinnvoll oder unverantwortlich? Die SZ sprach mit Sozialpädagoge Prof. Dr. Matthias Trautmann.
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ap Siegen. Die Schotten sind dicht. In Gastronomie, Kosmetikstudios und Freizeiteinrichtungen tummeln sich zu viele Menschen auf zu kleinem Raum. Doch Bildungseinrichtungen mit mehreren Hundert Schülern sollen weitestgehend geöffnet bleiben – auch wenn einige Schulen bereits wegen einzelner (Verdachts-)Fälle klassenweise oder gesamtheitlich geschlossen werden. Kann das noch lange so gut gehen?Darüber hat die SZ mit Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Matthias Trautmann von der Universität Siegen gesprochen. Der Experte für Schulpädagogik hat außerdem erzählt, welche Potenziale und Problematiken der Distanzunterricht mit sich bringt.

Herr Trautmann, was glauben Sie: Wird es einen erneuten totalen Lockdown an Schulen geben?
Das ist eine schwierige Prognose. Ich vermute aber eher nicht.

ap Siegen. Die Schotten sind dicht. In Gastronomie, Kosmetikstudios und Freizeiteinrichtungen tummeln sich zu viele Menschen auf zu kleinem Raum. Doch Bildungseinrichtungen mit mehreren Hundert Schülern sollen weitestgehend geöffnet bleiben – auch wenn einige Schulen bereits wegen einzelner (Verdachts-)Fälle klassenweise oder gesamtheitlich geschlossen werden. Kann das noch lange so gut gehen?Darüber hat die SZ mit Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Matthias Trautmann von der Universität Siegen gesprochen. Der Experte für Schulpädagogik hat außerdem erzählt, welche Potenziale und Problematiken der Distanzunterricht mit sich bringt.

Herr Trautmann, was glauben Sie: Wird es einen erneuten totalen Lockdown an Schulen geben?

  • Das ist eine schwierige Prognose. Ich vermute aber eher nicht. Die Kultusministerien versuchen unter allen Umständen zu verhindern, dass Schulen wieder geschlossen werden.

Wie sinnvoll ist das aus fachlicher Sicht?

  • Es gibt dazu bisher kaum wissenschaftliche Befunde. Wir tasten uns alle auf unsicherem Terrain herum. Bis wir handfeste Erkenntnisse haben, ist die Pandemie vermutlich längst vorbei.

Und was denken Sie persönlich darüber?

  • Generell halte ich das Offenhalten von Schulen für sinnvoll. Denn viele Schüler, ich vermute, es sind circa 20 Prozent, würden unter einem totalen Lockdown leiden. Einige verlernen Lesen und Schreiben oder sogar das Essen mit Messer und Gabel. Zudem war ein merklicher Effekt des ersten Lockdowns im Frühjahr, dass Schule jenseits des fachlichen Lernens auch ein wichtiger Ort ist, um Freunde zu sehen.

Können Sie Faktoren benennen, die den Distanzunterricht erschweren?

  • Das kann zum Beispiel eine beengte Wohnsituation oder eine schlechte technische Ausstattung zu Hause sein. Auch die Familienstruktur kann ein ausschlaggebender Faktor sein. Eltern, die mehrere Kinder haben, berufstätig sind, in Schichten arbeiten oder nicht die notwendigen Kompetenzen haben, ihre Kinder zu Hause zu unterstützen, erschweren den Distanzunterricht maßgeblich. Das ist wirklich ein großes Problem.

Welche Potenziale liegen im Distanzunterricht?

  • Hier plädiere ich für eine differenzierte Sichtweise. Einige Schüler würden wahrscheinlich ziemlich gut mit einem zweiten Lockdown zurechtkommen, da sie mehr Freizeit und Ruhe haben. Teilweise ist das sogar förderlich für die Lernsituation. Andererseits gibt es aber auch Schüler, die Probleme haben, sich zum Lernen zu motivieren oder in einen geregelten Tagesablauf zu kommen.

Für welche Schüler ist der Unterricht von zu Hause aus Ihrer Sicht unproblematisch?

  • Meine Vermutung ist, dass etwa 10 bis 20 Prozent der Familien aus gehobenen Schichten sehr gut mit einem totalen Lockdown zurechtkämen. Diese Familien haben die Finanzen, die Zeit und auch die Kompetenzen, ihre Kinder zu Hause zu unterstützen. Daneben gibt es aber auch eine breite Mittelschicht, die einigermaßen gut mit Homeschooling zurechtkäme.

Wäre eine Zwischenlösung wie das „Solinger Modell“, das heißt ein Wechsel zwischen Präsenz- und digitalem Distanzunterricht, dann nicht die ideale Lösung?

  • Wenn die Infektionszahlen weiter steigen, wird man auch solche Lösungen versuchen müssen. Diese Zwischenvariante könnte jedoch schwierig für belastete Familien werden, das heißt hier braucht es gute Unterstützung für Eltern und Kinder. Soweit möglich, sollte man aber beim Präsenzunterricht für alle bleiben.
Sind Schulschließungen sinnvoll oder unverantwortlich? Die SZ sprach mit Sozialpädagoge Prof. Dr. Matthias Trautmann.
Schulpädagoge Prof. Dr. Matthias Trautmann von der Universität Siegen erklärt, wieso ein totaler Lockdown von Schulen nicht für alle Schüler gut wäre.
Autor:

Alexandra Pfeifer

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