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Die zerbrechliche Schönheit von Sprache
Dr. Navid Kermani erhält die Ehrendoktorwürde

Ein bedeutender Tag für die heimische Universität und ihren neuen Ehrendoktor. Die Aufnahme zeigt (v. l.): Rektor Prof. Dr. Holger Burckhart, Dr. Navid Kermani, Prof. Dr. Veronika Albrecht-Birkner (Prodekanin der der Philosophischen Fakultät) und Wissenschaftsministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen.
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  • Ein bedeutender Tag für die heimische Universität und ihren neuen Ehrendoktor. Die Aufnahme zeigt (v. l.): Rektor Prof. Dr. Holger Burckhart, Dr. Navid Kermani, Prof. Dr. Veronika Albrecht-Birkner (Prodekanin der der Philosophischen Fakultät) und Wissenschaftsministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen.
  • Foto: Kay-Helge-Hercher
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goeb Siegen. Es gab einmal eine Zeit, da kam Frauen, wenn man sich nach ihrem Beruf erkundigte, wie selbstverständlich folgender Satz über die Lippen: "Ich bin Ingenieur." Lehrer, Ingenieure, Gärtner, Beamte – auch in ihrer Pluralform umfassten diese Substantive immer schon Frauen und Männer gleichermaßen, generisch ist an diesen Wörtern allein das grammatische Geschlecht. Mit seinem Vortrag am Donnerstag anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Philosophischen Fakultät der Universität Siegen begab sich der bekannte Intellektuelle, Orientalist, Redner, Reporter und Schriftsteller Navid Kermani wie der Fuchs in Äsops Fabel vor die Höhle des Löwen. Wir erinnern uns: Reineke schlägt die Einladung des mächtigen Raubtieres, doch bitte einzutreten, höflich aus.

goeb Siegen. Es gab einmal eine Zeit, da kam Frauen, wenn man sich nach ihrem Beruf erkundigte, wie selbstverständlich folgender Satz über die Lippen: "Ich bin Ingenieur." Lehrer, Ingenieure, Gärtner, Beamte – auch in ihrer Pluralform umfassten diese Substantive immer schon Frauen und Männer gleichermaßen, generisch ist an diesen Wörtern allein das grammatische Geschlecht. Mit seinem Vortrag am Donnerstag anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Philosophischen Fakultät der Universität Siegen begab sich der bekannte Intellektuelle, Orientalist, Redner, Reporter und Schriftsteller Navid Kermani wie der Fuchs in Äsops Fabel vor die Höhle des Löwen. Wir erinnern uns: Reineke schlägt die Einladung des mächtigen Raubtieres, doch bitte einzutreten, höflich aus. Er würde wohl, antwortet er der listigen Katze: "Wenn aus deiner Höhle genauso viele Fußstapfen hinausführten, wie hineinführen."

Von Entsetzen bis Enthusiasmus

Womit wir also schon mitten auf dem Schlachtfeld stehen. Als bekannt geworden sei, worüber Kermani an seinem Ehrentag reden würde, verriet Rektor Holger Burckhart, teilte sofort ein Marianengraben von abyssischer Tiefe das Auditorium: Von Entsetzen ("Ich komme nicht") bis Enthusiasmus ("Ich freue mich") habe der Spannungsbogen gereicht, erzählte er bei der Vorstellung.

Später, während der Podiumsdiskussion, bescheinigte Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen Kermani, er habe das vergiftete Thema mit großer Gelassenheit bewegt und es dabei vielfältig beleuchtet, während Petra M. Vogel, Professorin für Germanistik, Kermanis Angst zu zerstreuen suchte: "Glauben Sie mir, das sogenannte generische Maskulinum wird nicht verschwinden." Warum sogenannt? Lehrer sei kein echtes generisches Maskulinum, weil es auch die Lehrerin gebe, der Begriff also "ex negativo" gebildet werde. Das Wort "Mensch" sei ein echtes generisches Maskulinum, korrigierte sie.

Die Universitäten seien die Speerspitzen

Kermani bedauerte, dass unsere öffentliche Sprache seit einiger Zeit überformt werde – in der Politik, in den Behörden, in den Abendnachrichten und auch die ersten Zeitungen fingen bereits damit an und trügen zur gesellschaftlichen Spaltung bei, denn die Mehrheit der Menschen abseits der Eliten lehne das ab (zum Beispiel das Gendern). "Der Begriff generisches Maskulinum klingt heute schon verdächtig." Ausgerechnet die Universitäten seien es, die als Speerspitzen der Entwicklung agierten. "Wenn ich heute Student wäre, und so spräche und schriebe wie ich jetzt spreche und schreibe, würde ich keine Karriere machen. Man würde mich nicht rausschmeißen, das nicht, aber der Weg nach oben wäre versperrt." (Kopfschütteln bei Prof. Dr. Petra Vogel und Germanist Thomas Kronschläger).

Navid Kermani sieht in seiner Rede zur Verleihung der Ehrendoktorwürde das "generische Maskulinum" im Deutschen schon auf dem Rückzug.
  • Navid Kermani sieht in seiner Rede zur Verleihung der Ehrendoktorwürde das "generische Maskulinum" im Deutschen schon auf dem Rückzug.
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Für Dichter und Schriftsteller sei die "Einebnung" völlig undiskutabel, schon aus ästhetischen Gründen "zu sperrig", auch störe er sich an der Bewertung alter Texte nach diesen neuen Maßstäben. Es gebe kaum schöneres Deutsch als das der Lutherbibel, sagte er. "Dichtung konstituiert sich aus Regelbrüchen." 

Sprache ist niemals neutral

Natürlich sei Sprache niemals neutral, reklamierte er. "Aber das grammatische Geschlecht hat mit ,Geschlecht' so viel zu tun wie der Akkusativ mit Anklage" (von lat. accusare, Anm. d. Red.). Man könne ja auch bei Waise nicht sagen, ob Junge oder Mädchen, der Liebling könne eine Frau oder ein Mann sein und das Idol schließlich könne jedes Geschlecht haben, argumentierte er und unterstrich, dass es zahlreiche Geschlechter gebe. "Keine Sprache der Welt nennt jedes Mal alle Geschlechter." Doch die Deutungshoheit an den Hochschulen sei eine Macht: "Ich kann als Sprachwissenschaftler noch so oft betonen, dass Leser ein Gattungsbegriff ist und geschlechtsneutral", sagte er. "Ich mache mich verdächtig."

Partizipkonstruktionen werde man von ihm nicht hören

Eine Identitätspolitik, die festlege, was zu gelten habe, egal ob von links oder rechts, sei immer schon totalitär gewesen, und oft mündeten Verstöße dagegen in Gewalt. "Mein Punkt ist", ermahnte Kermani seine Zuhörer, "ich habe viel Verständnis für die Gründe dieser Entwicklung, aber wir müssen aufpassen, dass wir nicht Zwang in die eine oder andere Richtung ausüben. Ich kenne das aus dem Iran. Da wird ganz oben beschlossen, wie man zu sprechen hat".

Von ihm werde man Partizipkonstruktionen wie "Studierende" nicht hören und die E-Mail zum Grillabend richte sich an die lieben Freunde und nicht an die lieben Freundinnen und Freunde. "Ganz einfach, weil das Geschlecht hier keine Rolle spielt." Gleichzeitig wolle er nicht unhöflich erscheinen, sagte er ruhig für seine Person in dem Wissen, dass junge Menschen bald mit dem generischen Maskulinum womöglich nichts mehr anzufangen wüssten. "Sein Verschwinden", schloss er, "bringt die Gleichberechtigung keinen Schritt voran". Umgekehrt gelte aber auch: "Wären wir gleichberechtigt, müsste das generische Maskulinum nicht verschwinden."

Ein bedeutender Tag für die heimische Universität und ihren neuen Ehrendoktor. Die Aufnahme zeigt (v. l.): Rektor Prof. Dr. Holger Burckhart, Dr. Navid Kermani, Prof. Dr. Veronika Albrecht-Birkner (Prodekanin der der Philosophischen Fakultät) und Wissenschaftsministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen.
Navid Kermani sieht in seiner Rede zur Verleihung der Ehrendoktorwürde das "generische Maskulinum" im Deutschen schon auf dem Rückzug.
Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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