SZ

Zum Weltfrauentag
Drei Unternehmerinnen aus Siegen gehen ihren Weg

Der Weltfrauentag an diesem Montag soll die Gleichberechtigung voranbringen.
4Bilder

sabe Siegen. Am heutigen Weltfrauentag werden sie wieder ausgepackt, die Studien über Geschlechterungerechtigkeiten, die Prozentzahlen, die so nüchtern die Gewalt gegen Frauen visualisieren, die Klischees, die Sexismen, die Frauen noch immer alltäglich erleben. Ein Blick in den „Gender Social Norms Index“ 2020 der Vereinten Nationen zeigt, wie wichtig das ist. Fast 90 Prozent der Weltbevölkerung haben Vorurteile gegenüber Frauen. Demnach glaubt weltweit die Hälfte aller Männer und Frauen, dass Männer die besseren Politiker und Geschäftsleute sind. Die SZ sprach mit drei selbstständigen Unternehmerinnen, die das nicht glauben.
Kosmetikerin Lisa Hein machte sich mit 24 selbstständig
Wenn sie jemand fragt, was sie beruflich macht, sagt sie „Kosmetikerin“.

sabe Siegen. Am heutigen Weltfrauentag werden sie wieder ausgepackt, die Studien über Geschlechterungerechtigkeiten, die Prozentzahlen, die so nüchtern die Gewalt gegen Frauen visualisieren, die Klischees, die Sexismen, die Frauen noch immer alltäglich erleben. Ein Blick in den „Gender Social Norms Index“ 2020 der Vereinten Nationen zeigt, wie wichtig das ist. Fast 90 Prozent der Weltbevölkerung haben Vorurteile gegenüber Frauen. Demnach glaubt weltweit die Hälfte aller Männer und Frauen, dass Männer die besseren Politiker und Geschäftsleute sind. Die SZ sprach mit drei selbstständigen Unternehmerinnen, die das nicht glauben.

Kosmetikerin Lisa Hein machte sich mit 24 selbstständig

Wenn sie jemand fragt, was sie beruflich macht, sagt sie „Kosmetikerin“. Lisa Hein (32) legt nicht viel Wert auf Bezeichnungen, trotzdem ist in ihrem Selbstverständnis klar verankert: Sie ist Unternehmerin, Geschäftsfrau und seit ihrer Selbstständigkeit (mit 24 Jahren) die Karriereleiter stetig hochgekraxelt. Was mit einem Ein-Frau-Betrieb an der Emilienstraße begann, ist heute an der Kölner Straße zum gefragten Kosmetikinstitut gewachsen.

Lisa Hein machte sich mit 24 als Kosmetikerin selbstständig.

Rückblickend muss sie über die Vorurteile, die ihr bei ihrer Geschäftsgründung entgegenschlugen, traurig lachen. Sie solle doch einen „vernünftigen“ Job machen, von „ein bisschen Nägellackieren, Schminken und Pickeldrücken“, war die Rede, ein belächelter „Mädchentraum“, ein „Ob-die-das-schafft“, gab es hinter vorgehaltener Hand. „Ich merke schon bei gewissen Sachen, dass ich anders wahrgenommen werde, weil ich eine Frau bin. Zudem noch sehr jung und in der Kosmetikbranche.“
Gerade zu Beginn ihrer Karriere bekam sie häufig den „Kleines-Dummchen-Stempel“ aufgedrückt. „Jetzt bin ich seit acht Jahren im Geschäft, da kriegt man Ellenbogen.“ Die, so Hein, wüchsen nicht von allein, Schlagfertigkeit und Selbstbewusstsein seien ihr Produkt starker Selbstentwicklung. So nehme sie mittlerweile Charaktereigenschaften wie Sensibilität und Empathie als Stärken wahr. Auch, wenn die gesellschaftliche Wahrnehmung einem damit Schwäche konstatieren wolle. Um ein Unternehmen ordentlich führen zu können, werde noch allzu oft suggeriert, man müsse der harte Mann sein. „Das ist ein Fehler im System“, findet Hein, die das auch auf die noch immer schlechten Möglichkeiten überträgt, Kinder und Karriere zusammenzubringen. „Bin ich nur dann der bessere Chef, wenn ich 60 Stunden im Büro hängen kann?“

Kira Stein ist selbstständige Fotografin

Vor Corona konnte sich Kira Stein (26) vor Aufträgen kaum retten. Die selbstständige Fotografin, die mit Jessica Schäfer in Langenholdinghausen mit dem „The Framehouse“ zudem die Vermietung von Hochzeitslocations und Co. anbietet, hat sich mit ihrer Hochzeitsfotografie etabliert. Wegen Corona brach die Auftragslage mit jährlich über 20 Hochzeiten auf fünf ein.

In den vergangenen fünf Jahren hat sich Kira Stein als Hochzeitsfotografin etabliert.

Für Stein, die mit 21 Jahren den Schritt in die Selbstständigkeit wagte, eine Zerreißprobe. „Eigentlich bin ich bei meinem Traum angekommen. Trotz vieler Hürden. Die ganze Arbeit hatte sich bezahlt gemacht, ich war gut gebucht.“
„Fotografin? Ist das überhaupt ein ‚ordentlicher Beruf‘“, sei es ihr einmal entgegengeschlagen, „das bisschen Knipsen?“ So manches Mal hätten Bräutigame versucht, sie in ihren Preisen zu verunsichern, „nach dem Motto: Das kleine Frauchen kann ich doch bestimmt im Preis noch drücken“. Oder „Onkel Bob mit der Digitalkamera“ versuchte ihr zu erklären, warum man nicht gegen die Sonne fotografiere. „Man hat da mittlerweile seine Sprüche“, sagt Kira Stein über das sogenannte „Mainsplaining“ (obwohl die Frau auf ihrem Gebiet eine größere Expertise hat, erklärt der Mann ihr das Vorgehen). „Ich rechtfertige mich nicht mehr.“ Trotzdem wünscht sie sich, dass Frauen mehr ernst genommen werden, dass Geschlechterungerechtigkeiten weiter verschwinden. „Feminismus heißt für mich nicht, Männer über Frauen stellen zu wollen, es geht darum, dass einfach alle gleich behandelt werden.“

Lilli Grabowitz - angehende Ärztin und Jungunternehmerin

Lilli Grabowitz (32) ist angehende Ärztin und steckt Mitten im praktischen Jahr am Ende des Medizinstudiums. Außerdem ist sie mit Julia Schander Jungunternehmerin mit dem Start-up „Bowlilicious“, das mit der Event-Location „Seven-Hills“ in Weidenau bereits expandiert. Sie ist zudem im Trainerteam von „Crossfit“ Siegen tätig und arbeitet „nebenbei“ in einer Arztpraxis. Wie sie das alles unter einen Hut bekommt, frage sie sich auch manchmal. „Aber ich tue eben das, was ich liebe. Es geht nicht ums Geld, sondern darum, ob mich glücklich macht, was ich mache.“

Lilli Grabowitz (l.) gründete mit Julia Schander das Start-up „Bowlilicious“.

Die Siegenerin ist Unternehmerin und angehende Ärztin in einer Zeit, in der einerseits die Betriebsamkeit durch die Pandemie im liebevoll hergerichteten „Seven-Hills“ auf ein Minimum zurückgeschraubt ist, während sie im Krankenhaus an ihre Grenzen gehen muss. Mit schwierigen Situationen umzugehen, da sei sie reingewachsen, sagt Grabowitz. „Man muss lernen, auch mit negativen Rückschlägen umzugehen.“ Erfolg glaubt sie deshalb, habe nichts mit Geschlechtern.
Sie selber habe sich „noch nie so wirklich ungleich behandelt gefühlt.“ Auch, weil sie sehr selbstbewusst sei und das ausstrahle, glaubt sie. „Natürlich ist das nicht einfach dagewesen.“ Und vielleicht, denkt sie, würden Jungs in Familien noch immer mehr zu Selbstbewusstsein erzogen als Mädchen. „Da wünsche ich mir Veränderung. Dass auch Frauen selbstbewusster werden und sich mehr trauen, sich mehr lieben lernen: Sei Frau und steh dazu, was du bist. Sei stolz drauf!“

Das Ungleich-Virus Der Bruttostundenlohn von Frauen liegt in Deutschland 19 Prozent unter dem der Männer. Berücksichtigt man, dass Frauen öfter in Teilzeit und schlechter bezahlten Branchen arbeiten, bleibt ein Unterschied von sechs Prozent. Dr. Uta Fenske vom Zentrum Gender Studies der Universität Siegen sagt anlässlich des Weltfrauentags: „De facto hapert es mit der Gleichbehandlung noch, da sie in vielen Bereichen nicht strukturell verankert ist.“ Dabei gehe es nicht nur um die Lohnlücke („Gender-Pay-Gap“), Handlungsbedarf gebe es auf mehreren Ebenen: Zum einen gelte es, die strukturellen Probleme und Ungleichheiten anzugehen, indem etwa die Vereinbarkeit von Beruf und Familie weiter gefördert werde. Ferner müsse ein Bewusstseinswandel in der Gesellschaft vorangetrieben werden, der verhindert, dass Geschlechterstereotype über Chancen und Möglichkeiten entscheiden. Das Geschlecht sei je nach Bereichen, insbesondere auch im Privaten, nach wie vor ein Platzanweiser. „Das muss sich ändern.“ Ähnliches fordert auch das Aktionsbündnis Frauenarbeit Siegerland. Mit der (Corona-konformen) Aktion „Wunschwiese“, mit Zukunftswünschen von Frauen vor dem Siegener Kreisklinikum, will das Bündnis auch auf die „in Schieflage geratene Geschlechtergerechtigkeit“ durch die Pandemie aufmerksam machen. „Dieses Jahr hat uns allen viel abverlangt, aber vor allem auch den Frauen. Sie haben in systemrelevanten, oft schlecht bezahlten Berufen im Krankenhaus, im Pflegeheim und an der Supermarktkasse während der Krise unsere Grundversorgung sichergestellt. Gleichzeitig waren sie es, noch mehr als sonst, die unbezahlte Sorgearbeit zuhause geleistet haben“, heißt es in einer Pressemitteilung.
Autor:

Sarah Benscheidt (Redakteurin) aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

6 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige

Tablet-Aktion der Siegener Zeitung
SZ-Abo abschließen und Tablet sichern

Mit einem Abo der Siegener Zeitung kommen Sie jetzt gleichzeitig auch an ein Tablet Ihrer Wahl. Immer und überall informiert mit dem E-Paper... lesen, wo ich will; ... über die Suchfunktion schnell finden, was mich interessiert; ... gleicher Inhalt in praktischer Form; ... mit Zoomfunktion. Jetzt exklusiv: die Tablet-Bundle-Aktion  Beinahe geschenkt: Erhalten Sie kostengünstig ein Tablet Ihrer Wahl bei Abschluss eines Abos der Siegener Zeitung. Möchten Sie Ihr neues Tablet gleich zum Lesen...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen