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Neues Netzwerk sieht die Freiheit der Wissenschaft bedroht
Druck aus der linken Ecke

Philosoph Dieter Schönecker nimmt den Meinungsdruck an der Universität Siegen wahr.

sz Siegen. Prof. Dr. Dieter Schönecker ist Philosophie-Professor an der Universität Siegen. 2019 machte er mit einem Seminar bundesweite Schlagzeilen, denn er lud den Buchautor Thilo Sarrazin und den Philosophie-Professor Marc Jongen als Referenten ein. Beide waren und sind umstritten als Protagonisten einer konservativen Weltsicht. Die Vorträge auf dem Haardter Berg fanden unter Polizeischutz statt, es gab Demonstrationen und Anfeindungen gegen Schönecker auch an der Hochschule.

Herr Schönecker, Sie gehören zu den Gründungsmitgliedern des „Netzwerks Wissenschaftsfreiheit“. Warum ist eine solche Vereinigung nötig? Artikel 5 Grundgesetz garantiert doch die Freiheit von Wissenschaft, Forschung und Lehre.

sz Siegen. Prof. Dr. Dieter Schönecker ist Philosophie-Professor an der Universität Siegen. 2019 machte er mit einem Seminar bundesweite Schlagzeilen, denn er lud den Buchautor Thilo Sarrazin und den Philosophie-Professor Marc Jongen als Referenten ein. Beide waren und sind umstritten als Protagonisten einer konservativen Weltsicht. Die Vorträge auf dem Haardter Berg fanden unter Polizeischutz statt, es gab Demonstrationen und Anfeindungen gegen Schönecker auch an der Hochschule.

Herr Schönecker, Sie gehören zu den Gründungsmitgliedern des „Netzwerks Wissenschaftsfreiheit“. Warum ist eine solche Vereinigung nötig? Artikel 5 Grundgesetz garantiert doch die Freiheit von Wissenschaft, Forschung und Lehre.

Das Netzwerk ist nötig, weil es an den Hochschulen eine immer stärker werdende Cancel Culture gibt, die weder vor klaren Rechtsbrüchen zurückschreckt noch vor Aktionen, die vielleicht nicht rechtswidrig sind, aber dennoch eine freie und plurale Wissenschaft einschränken.
Ein klarer und rechtswidriger Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit liegt etwa vor, wenn Vorträge gestört oder Mittel gestrichen werden. Mindestens genauso gefährlich ist es, wenn Kritik umschlägt in Hassrede oder in einen sozialen Druck, der z. B. Karrieren gefährdet.

Kritik natürlich kein Angriff auf Wissenschaftsfreiheit

Die Cancel Culture erzeugt durch Anstiftung zur Selbstzensur eine Atmosphäre, in der es Personen oder Institutionen nicht mehr wagen, sich für ihre Freiheit und Meinungen einzusetzen. Dagegen ist Kritik natürlich kein Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit, und sei sie noch so scharf, denn Kritik gehört zur Wissenschaft. Der Vorwurf, das Netzwerk wolle sich in Wahrheit gegen Kritik immunisieren, ist daher nur ein Ablenkungsmanöver.

Sie selbst sind im Zusammenhang mit Ihrem Seminar zur Meinungsfreiheit und der Einladung von Thilo Sarrazin an die Universität Siegen 2019 in den Fokus bundesweiter Kritik vorwiegend linksorientierter Kreise geraten. Haben Sie sich dadurch persönlich in Ihrer Forschungs- und Lehrfreiheit eingeschränkt gefühlt?

Das Vorgehen von Rektorat und Dekanat war eindeutig rechtswidrig und eine Einschränkung meiner Wissenschaftsfreiheit, wie Prof. von Coelln kürzlich in der Zeitschrift „Wissenschaftsrecht“ feststellte.
Viel wichtiger ist aber die bundesweit zunehmende Tendenz zur akademischen Cancel Culture. Es gehört zur Strategie ihrer Vertreter, dies zu leugnen, aber es sind jetzt schon Dutzende, gut dokumentierte Fälle.

So wurden kürzlich dem Münsteraner Mediziner Paul Cullen unwissenschaftliche und antifeministische Äußerungen vorgeworfen. Man forderte den Entzug seiner außerplanmäßigen Professur, bloß weil Cullen sich für Lebensschutz engagiert und sich kritisch zur Corona-Politik geäußert hat.
Oder dieser Fall: Der Wirtschaftspsychologe Bruno Klauk veröffentlichte in einer Fachzeitschrift einen Beitrag über „Intelligenzdiagnostik bei überwiegend Nicht-EU-Migrantinnen und -Migranten“. Sofort bezichtigte man ihn des Rassismus und forderte, den Beitrag zurückzuziehen.

Und damit sind die weicheren Fälle gar nicht erfasst. So hat die Forschungsstelle für Interkulturelle Studien der Universität zu Köln die Prüfung von Positionen „mit dem Instrumentarium einer kritischen Rassismus- und Diskriminierungsforschung“ gefordert. Dabei werden aber schon Aussagen wie „Das Kopftuch ist ein Zeichen für Unterdrückung“ für „menschenverachtend“ erklärt. Welche junge feministische Kulturwissenschaftlerin soll sich in einem solche Klima denn noch trauen, sich kritisch etwa zum Kopftuch zu äußern, ohne die Karriere zu riskieren?

Die Linke beschwert sich nur, wenn Wissenschaftler angegriffen werden, die sie als ihre begreift, wie etwa die Professorin für Diversity Studies, Maisha-Maureen Auma. Auch diese Fälle (Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit etwa durch die AfD) gibt es natürlich. Das Netzwerk hat die AfD-Attacke auf Auma verurteilt – obwohl Auma selbst Teil der Woke Community ist, aus der ganz überwiegend die Cancel Culture erwächst.

Wie erleben Sie die Atmosphäre seitdem an der Universität Siegen? Gibt es einen Graben zwischen Wissenschaftlern, die politisch unterschiedlicher Meinung sind? Ist der wissenschaftliche Diskurs insbesondere in den Geisteswissenschaften dadurch belastet?

Da es einen Graben nur geben kann, wenn es auch zwei Seiten gibt, muss man sich um die Uni Siegen keine Sorgen machen: Das Kollegium an der Philosophischen Fakultät ist wie überall in Deutschland ganz überwiegend links orientiert. Daher überrascht es auch nicht, dass ich in der Siegener Zeitschrift „Navigationen“ nach dem Sarrazin-Seminar erneut in die rechte Ecke gestellt wurde, ohne dass daraus ein Grabenkampf entsteht. Personen an meinem Lehrstuhl sind in Sorge, dass sie für meine angebliche Rechtslastigkeit (die, ich wiederhole, frei erfunden ist) in Sippenhaft genommen werden könnten.

Angst vor Kontaktschuld

Aber auch über Siegen hinaus gibt es direkte und indirekte Angriffe auf „umstrittene“ Personen wie mich. Erst vor Kurzem hat unser Philosophisches Seminar eine Wuppertaler Kollegin zu einem Vortrag eingeladen; sie lehnte ab, weil mein Engagement im Netzwerk sie „abschrecke“. Das ist die Angst vor Kontaktschuld.

Wie beurteilen Sie die Situation in den USA, wo an vielen Universitäten sehr rigide auf die Political Correctness geachtet wird? Droht „Cancel Culture“ auch in Europa?
Die Situation in den USA ist katastrophal, und wie fast immer hängen wir kulturell und akademisch hinterher, sodass die Tendenz für uns besorgniserregend ist. Der ja mit der Universität Siegen eng verbundene Stanford-Professor Gumbrecht schrieb kürzlich, es habe sich dort „ein Regime des Meinungsterrors etabliert“.

Das Sagbare

Und der ebenfalls in Stanford tätige Historiker Ferguson sagte: „Die Linken haben die Macht an den Universitäten übernommen“, und weiter: „Der Rahmen des Sagbaren im akademischen und öffentlichen Raum hat sich in den letzten Jahren drastisch verengt“.

In Großbritannien ist die Lage ähnlich. Aber dort hat sich nun die Regierung eingeschaltet und setzt an den Universitäten sogenannte „Verfechter der freien Rede“ ein. Allerdings ist das vielleicht keine gute Idee. Denn daraus könnte schnell ein Effekt in die gegenteilige Richtung entstehen, zumal sich die Politik in die Autonomie der Universitäten einmischt.

Begriffe Aus dem Englischen entlehnte Begriffe spielen in der Diskussion um Meinungshoheit eine Rolle. Einige kommen auch im Interview vor. Hier die Erklärung: Political Correctness: Politische Korrektheit, nach der Diskriminierungen in der Öffentlichkeit (zum Beispiel aufgrund von Hauptfarbe oder Geschlecht) vor allem in der Sprache unterbleiben sollen. Cancel Culture: Bestrebungen zum Ausschluss von Personen oder Meinungen aus der Debatte, denen Verstöße gegen die Political Correctness oder diskriminierende Haltungen vorgeworfen werden. Wokeness und Woke Community: Erhöhte Sensibilisierung für soziale Ungerechtigkeiten und Formen des Rassismus. Die Woke Community ist sich einig, solchen unerwünschten Tendenzen entgegenzutreten.

Wenn Sie einen Blick auf die Studenten werfen, die ja an der Hochschule ihre ersten Schritte in die wissenschaftliche Debatte machen: Wie wirken inhaltliche Vorfestlegungen auf den Nachwuchs? Sind bei bestimmten Fragen (z. B. Klimadebatte, Kriminalität, Genderfragen) eine unvoreingenommene Prüfung von Thesen und die Beweisführung, dass eine These wahr oder falsch ist, überhaupt noch möglich?

In Bezug auf den akademischen Nachwuchs sehe ich in der Tat die größte Gefahr der Cancel Culture, weil aus ihm die zukünftigen Führungseliten in der Politik und den Medien erwachsen. Eine kürzlich erschienene Studie hat gezeigt, dass an der Uni Frankfurt über ein Drittel der sich selbst als links einschätzenden Studenten nicht bereit wären, Vorträge mit abweichenden Meinungen etwa zum Islam oder zur Migration auch nur zu dulden, ja man will entsprechend kritische Bücher aus den Bibliotheken entfernt sehen.

Heranwachsen mit einseitigem Weltbild

Die Cancel Culture führt dazu, dass das ohnehin schon sehr enge Spektrum an Positionen noch kleiner wird und die jungen Studierenden mit einem einseitigen Weltbild heranwachsen. Damit beraubt man sie ihrer Freiheit; denn Freiheit setzt voraus, aus unterschiedlichen Gründen wählen und sich selbst bestimmen zu können.

Ein bezeichnendes Beispiel: Ich habe einmal in einer Vorlesung dafür argumentiert, dass auf der Grundlage der Gerechtigkeitstheorie von John Rawls „Hartz IV“ als gerecht verstanden werden könnte. Sofort kam lautstarke Kritik auf, ich würde mich in der Lehre politisch einseitig äußern. Ich machte die Studierenden darauf aufmerksam, dass sie das nur deshalb denken, weil sie, anders als sonst, jetzt eine abweichende Meinung zur Kenntnis nehmen müssten; hätte ich gesagt, dass Hartz-IV-Empfänger ungerecht behandelt werden, hätte sich niemand über politische Einflussnahme beschwert, weil sie das ständig hören.
Das Gespräch führte Irene Hermann-Sobotka.

Autor:

Irene Hermann-Sobotka (Redakteurin) aus Siegen

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