„Dschungelcamp“ der Gefühle

pebe Siegen. Beziehung, Eifersucht, Alkohol, Gewalt – ins Dschungelcamp der Gefühle begab sich jetzt das Siegener Schöffengericht. Angeklagt dort: ein 26-jähriger Siegener. Staatsanwalt Stephan Krieger wirft dem jungen Mann vor, im März vorigen Jahres seine damalige Freundin geschlagen und ans Bett gefesselt zu haben. Dort habe er sie zu erniedrigenden Sexualpraktiken mit Vergewaltigungscharakter gezwungen und anschließend am Telefon den früheren Freund der Frau bedroht.

Er wolle zunächst nichts sagen, meinte der Angeklagte auf Nachfrage des Vorsitzenden, Richter Uwe Stark – zunächst, denn später äußerte er sich nach einem Gespräch mit seinem Verteidiger sehr wohl zu den Geschehnissen. Zunächst aber berichtete die junge Frau, die ihn angezeigt hatte, mit leiser Stimme von den Ereignissen der Märznacht.

Er habe sie abends mit Schlägen an die Tür aus dem Schlaf geholt, erinnerte sich die 28-jährige Zeugin. Sehr bald sei es zu Handgreiflichkeiten und Schlägen gekommen, weil der Angeklagte ihr vorgeworfen habe, sie sei „fremdgegangen“. Sie sei immer weiter geohrfeigt und mit den Händen ans Bett gefesselt worden. Der Angeklagte habe ihr auch bis zur starken Benommenheit ein Kissen aufs Gesicht gedrückt. Dann habe er sie auch an den Beinen gefesselt, teilweise entkleidet und sie mit sexuellen Handlungen malträtiert. Sechs Stunden habe sie sich in dieser Situation befunden. Am nächsten Morgen habe er zu ihr gesagt, es sei „nichts passiert“, die blauen Flecken solle sie mit Eigenverschulden erklären. Kennen gelernt hätten sie sich bei ihrer Entgiftung im Krankenhaus. Einmal sei es vorher schon zu Eifersüchteleien gekommen, meinte sie auf Nachfrage des Richters, aber Gewalt habe es in ihrer intimen Beziehung nicht gegeben. Nachdem sie am nächsten Tag bei ihrer Ärztin gewesen war und sich auf dem Weg zur Polizei befand, habe er sie auf dem Mobiltelefon angerufen und sich entschuldigt. Später habe sie den Kontakt zu ihm gesucht – „ich war fertig und wollte einfach wissen, warum er das getan hat“.

Die Mutter der jungen Frau berichtete, der Angeklagte habe sie abends angerufen und gesagt, ihre Tochter werde am nächsten Morgen nicht arbeiten gehen. „Ich dachte, sie hätte wieder stark getrunken. Sie hat da ein massives Problem.“ Erst bei der Ärztin sei ihr das Ausmaß des Geschehens bewusst geworden. Eine frühere Freundin des Angeklagten verneinte die Frage des Richters, ob es in der sexuellen Beziehung eine Tendenz zur Gewalt gegeben habe. Der frühere Freund der 28-Jährigen, der nicht mehr in der Region lebt, erinnerte sich noch gut an den Anruf des Angeklagten: Dieser habe ihn beschimpft und gar nicht erst zu Wort kommen lassen.

Nach einer kurzen Pause entschied sich der Angeklagte zur Aussage. Und die klang völlig anders als die der Belastungszeugin. Er habe seine Freundin stark angetrunken vorgefunden, sie sei gestolpert, über den Wohnzimmertisch gefallen, er habe sie dann ins Schlafzimmer gebracht, wo sie mit dem Gesicht gegen die Wand gefallen sei. Dann habe er sie aufs Bett gelegt. Sonst nichts. Später habe sie ihm erzählt, sie müsse für ihren Ex „anschaffen“ gehen, um Schulden zu bezahlen, zudem habe sie Missbrauchsvorwürfe gegen Familienmitglieder erhoben. Daraufhin habe er den Ex-Freund angerufen, „ich will so was immer schnell geklärt haben“. Warum es denn gerade nachts sein musste, konnte er indes nicht so genau beantworten.Mit Bedacht führte Richter Stark ein früheres Urteil in die Verhandlung ein. Seinerzeit war der Angeklagte zu einer Geldstrafe wegen Körperverletzung und Nötigung in seiner damaligen Beziehung verurteilt worden. „Mir fällt auf“, meinte Stark dann etwas dünnlippig zum Angeklagten, „dass gewisse Gewalttätigkeiten Ihre Beziehungen begleiten.“ „Nur in diesem Fall“, betonte dagegen der 26-Jährige.Sehr viel weiter gedieh die Verhandlung gestern nicht. Denn statt ins Plädoyer stieg der Staatsanwalt in einen Antrag ein: Er wolle die Ärztin der jungen Frau zu den Verletzungen und den blauen Flecken vernehmen. Dem stimmte der Verteidiger zu, und so wird die Verhandlung am kommenden Freitag fortgesetzt.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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