„Du bist nicht stumm!“

 Die quietschbunte Puppenwelt spiegelt die Lebenswirklichkeit eines Kindes, das aufwächst und gegen manches „Nein!“ seine Stimme findet. Mit „Unerhört“ liefert das Ensemble von gee whiz! erneut ein starkes Stück ab. Foto: ciu
  • Die quietschbunte Puppenwelt spiegelt die Lebenswirklichkeit eines Kindes, das aufwächst und gegen manches „Nein!“ seine Stimme findet. Mit „Unerhört“ liefert das Ensemble von gee whiz! erneut ein starkes Stück ab. Foto: ciu
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ciu - Das Kind schreit – und wird zur Ruhe gebracht. Es tobt zu wild – und kommt in die Stillecke. Es glaubt, es könne (mit sieben!) alles – und lernt erstmal, dass das offenbar nicht so ist. Es hat Wünsche, Träume, Ideen – und Mama („weiß es besser“) und Papa („hat schon viel erlebt“) kontern mit ihrem „Nein!“. Und in der Schule drillt das System es zum Ja-Sager, denn „man kann ja eh nichts machen“. Das Kind wird nicht gehört, nicht erhört, bleibt unerhört. Desillusionierend? Bis hierhin schon. Doch gut, dass seine Stimme nicht verstummt. Dass aus dem Unerhört-Gefühl ein „Unerhört!“ wird, ein Plädoyer dafür, für das eigene Sein, Denken und Sagen aufzustehen, Gesicht zu zeigen, einzugreifen, weltverändernd. Das ist die Botschaft des inzwischen sechsten Stücks aus der Theaterwerkstatt der Gesamtschule Eiserfeld: Mit „Unerhört“ feierte gee whiz! am Dienstag in der Aula der Schule seine Premiere, eine zweite öffentliche Vorstellung (neben einer ganzen Reihe schulinterner Aufführungen) gibt es am Freitag ab 20 Uhr. Der Besuch lohnt, freilich sollten sich erwachsene Menschen, zumal jene, die es wirklich gut meinen, ein bisschen wappnen. Denn die von den Jugendlichen so unmittelbar formulierte Sicht auf das Er-Ziehen geht unter die Haut, stellt Anfragen, fordert heraus.

Den Erzählrahmen bildet das Kinderzimmer. Hier ist alles immer ein bisschen zu groß: die Bauklötzchen, aus denen sich Welten erschaffen lassen, der Stuhl, der zum Sitzen taugt, als Ausguck oder auch Versteck, Fenster und Schlüsselloch, durch die der Blick nach draußen möglich wird. In dem Raum begleiten zehn quietschbunte, quicklebendige Puppen das Kind beim Älterwerden. Sie haben es lieb (und Püppi kann das auf Herzknopfdruck auch sagen), sie empören sich, wenn dem Kind augenscheinlich Unrecht geschieht, spiegeln das, was es im Kindergarten, in der Klasse, in Beziehungen (das erste Verliebtsein!) erlebt, zugespitzt in Theater- und auch in Tanz-Szenen.

Die Spielzeugmenschlein karikieren, wie sich die allseits postulierte Forderung nach Mitbestimmung, Selbstverantwortung, Teilhabe bricht in einer Wirklichkeit, in dem die Bestimmer das Sagen haben. Ein kleines, aber typisches Beispiel: das Fensterbilderbasteln in der Schule. Vorschlagen, was wie und womit hergestellt werden könnte, dürfen die Kinder. Doch gemacht wird, was Frau Blume vorgibt. Lilli Becker, Nabila El-Zeini, Lee-Ann Hager, Karo Hampe, Celine (Hina) Jischke, Niklas Kanehl, Celine Radelt, Hannah Sabotic, Jule Schneider und Maya Tuttlies bilden das sehr präsente Ensemble. Sie fesseln mit dichten Texten (etwa mit den poetischen Variationen des Wollens und Seins), mit konsequentem Ausspielen ihrer Rollen – und auch mit Gesang.

Denn eine inhaltliche Wende bringt Karos Song, in dem es am Ende heißt: „Du bist nicht stumm!“ Das Kind, das in „Unerhört“ musterhaft vorgestellt wird, ist ein unerschrockenes, mutiges, eines, das nicht aufgibt. Weil es, trotz allem, geliebt ist. Von der Mama, von Papa, von Püppi und Co. „Wir lassen dich reden“, sagen die Gefährtinnen und Gefährten der Kindheit. Und dann zeigen sie – auf der Leinwand – das Kind: die Mädchen, den Jungen aus dem wahren Leben, die Menschen hinter den Puppen, Persönlichkeiten. Das „Pssst!“, das am Ende des Stücks zu hören ist, darf nach dem Gesehenen, Erlebten ironisch verstanden sein. Es heißt nichts anderes als: Aufstehen! Reden! Handeln! Das Publikum in den dicht besetzten Reihen stand dann auch auf – für jede Menge verdienten Applaus. Der Dank von gee-whiz!-Leiter Lutz Krämer galt dem gesamten Team: in der Regie Philipp Kinkel, Meike Krämer und Karo Hampe (die nach sechs Jahren Abschied nimmt und noch einmal enorm ihre eigene Handschrift ins Stück eingebracht hat), den Technikern Marc-Kevin Ebener, Fynn Jeske, Nils Schumann, Justin Kmoch und Leiter Markus Czaja, Souffleuse Hannah Schlabach und der so herrlich neunmalklugen „Kinderstimme“ Jule Krämer.

Mit dem Stück „Unerhört“ (in der Probenphase gab es ein Coaching mit Nina Mackenthun aus Köln) vertritt das Ensemble der Gesamtschule Eiserfeld im Herbst das Land Nordrhein-Westfalen beim Festival „Schultheater der Länder“ in Kiel. Nach der prima Premiere sicher mit ganz viel Rückenwind!

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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