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Hannah Malka überlebte Theresienstadt und Auschwitz
Durch die Hölle gegangen

In die Konzentrationslager führte für die Jüdin Hannah Malka der Weg nach dem Einmarsch der Deutschen.
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goeb Siegen/Emek Hefer. 18 Jahre alt war die Tschechin Hannah Malka, als das Böse in ihr Leben einbrach. Unbeschwert wuchs sie in der Gegend zwischen Pilsen und Budweis auf und besuchte das Gymnasium. „Das Unglück kam nicht über Nacht“, berichtete die 97-jährige Dame am Mittwochabend aus Israel ihrem internationalen Publikum, das überall zu Hause an den Computern saß und der ehemaligen Insassin des Ghettos Theresienstadt an den Lippen hing.

Die große Zoom-Konferenz („Gedenken im Wohnzimmer“) mit 170 Zugeschalteten aus Deutschland, Israel, Tschechien und anderen Orten war eine Premiere für die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Siegerland, dem Kreisjugendring Siegen-Wittgenstein, gemeinsam mit dem israelischen Partnerkreis Emek Hefer.

goeb Siegen/Emek Hefer. 18 Jahre alt war die Tschechin Hannah Malka, als das Böse in ihr Leben einbrach. Unbeschwert wuchs sie in der Gegend zwischen Pilsen und Budweis auf und besuchte das Gymnasium. „Das Unglück kam nicht über Nacht“, berichtete die 97-jährige Dame am Mittwochabend aus Israel ihrem internationalen Publikum, das überall zu Hause an den Computern saß und der ehemaligen Insassin des Ghettos Theresienstadt an den Lippen hing.

Die große Zoom-Konferenz („Gedenken im Wohnzimmer“) mit 170 Zugeschalteten aus Deutschland, Israel, Tschechien und anderen Orten war eine Premiere für die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Siegerland, dem Kreisjugendring Siegen-Wittgenstein, gemeinsam mit dem israelischen Partnerkreis Emek Hefer. Sie organisieren jedes Jahr Veranstaltungen anlässlich des Internationalen Gedenktages für die Opfer des Holocausts. Stets mit Zeitzeugen. Raimar Leng als Moderator dieser Konferenz betonte, wie kostbar es doch sei, die unfasslichen Geschehnisse von damals aus ihrer Perspektive geschildert zu bekommen.

Live zugeschaltet aus Prag war auch Dr. Michaela Vidlakova, die viele von ihren Vorträgen kennen – auch sie eine ehedem von den Nazis Verfolgte. Die israelischen Freunde umrahmten den Vortrag mit Chormusik und einer Ansprache der neuen Landrätin des Partnerkreises, Dr. Galit Shaul.

Durch die Hölle gegangen

Was wohl viele erstaunte, dürfte die Vitalität und Wachheit Malkas gewesen sein, mit der sie fast eineinhalb Stunden lang klar und deutlich in deutscher Sprache die Zeit von damals noch einmal lebendig werden ließ. Sie habe stets versucht, antwortete sie später auf eine Publikumsfrage, ihren Alltag ab 1946 in Israel nicht von diesen Erlebnissen dominieren zu lassen. Vielleicht erklärt das ihr Geheimnis, welches sie Charme, Humor und Zuversicht im Herzen bewahren ließ. Denn Hannah Malka ist durch die Hölle gegangen. „Keiner“, lautete ihre knappe Antwort auf die Frage eines weiteren Teilnehmers danach, ob jemand aus ihrer Familie den Holocaust überlebt habe.

In die Konzentrationslager führte für die Jüdin Hannah Malka der Weg nach dem Einmarsch der Deutschen.
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In der Tat sei es aber so, dass man Erlebnisse, wie sie sie gehabt habe, nie ganz verarbeiten könne. Bis in ganz profane Bereiche: Sie könne beispielsweise bis heute nicht ertragen, wenn Essen verschwendet werde. „Man ist auch sonst mit ganz wenig zufrieden.“

Bereits kurz nach dem Einmarsch Hitlers sei es für die tschechischen Juden schlimm geworden: Schulverbot, Verlust der Wohnung, Verbot jeglichen Kontakts zu „arischen“ Freunden, nicht einmal den Gehsteig durften Juden benutzen.

Mensch galt für Nazis nichts mehr

Stattdessen: Schwere Arbeit als 14-Jährige in der Landwirtschaft, später in der Textilindustrie, dann Abtransport ins Ghetto Theresienstadt, wo der Mensch für die Nazis nichts mehr galt, wie die alte Dame berichtete. Bis zu 60 000 Leute seien sie gewesen, jeden Tag seien 50 gestorben, an Encephalitis und anderen Krankheiten. Eine Toilette und ein Waschbecken gab es für 80 Mädchen. „Wir haben alles getan, um die Zimmer sauber zu halten.“ Während die Alten auf dem Boden lagen und den Tod herbeisehnten, kümmerten sich die jungen Mädchen aufopferungsvoll um die Kinder. „Ja, wir haben unser Bestes gegeben“, fasste sie zusammen. Ohne Papier wurde unterrichtet, Mathe, Geschichte, Sprachen. „Es waren Gebildete aus ganz Europa da, die besten Leute. Sie taten alles, um die Kinder nicht merken zu lassen, dass sie im KZ waren.“

Beschämend sei der Besuch einer Abordnung des Roten Kreuzes gewesen, denen die Nazis eine heile Welt vorspiegelten, „mit Kaffeehaus und dunkelblauen Vorhängen in den Kinderzimmern.“
Malka: „Daraufhin haben sie sich gedacht: Wenn es hier so schön ist, brauchen wir nicht nach Auschwitz zu gehen, da ist es bestimmt auch schön. Von da an hatten die Deutschen freie Hand.“ Über Tage im geschlossenen Waggon ging es auch für sie nach Auschwitz. „Ohne Wasser, denn den einzigen Topf mit Trinkwasser, hatte der erste Mann, der seine Notdurft verrichten musste, verwechselt.“

In die Konzentrationslager führte für die Jüdin Hannah Malka der Weg nach dem Einmarsch der Deutschen.
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Von den 1750 Menschen in ihrem Zug seien 1500 direkt in die Gaskammer gekommen. Auf ihre Fragen, wo die anderen seien, habe ein Aufseher grinsend gesagt: „Schaut mal in den Himmel, da seht ihr sie.“ Hannah Malka schilderte, dass es für die Überlebenden unvorstellbar gewesen sei, „wie es überhaupt möglich ist, dass man 1500 Menschen in zwei Stunden töten und verbrennen kann“.

Erinnerungen fehlen

Kälte, Hunger, Krankheit, schwere Fron: Das war der Alltag von Auschwitz. Ihr fehlten mehrere Wochen der Erinnerung, erzählte sie ihrem fassungslosen Publikum. „Vielleicht habe ich da etwas gesehen, was ein Mensch nicht sehen sollte“, grübelte sie. Irgendwann hörten sie den Donner der russischen Kanonen. Und als ein SS-Mann ein Bier mit ihnen teilte: „Da wusste ich. Es ist vorbei. Die werden uns nicht mehr vergasen.“ Die Verbliebenen wurden wieder in Züge gepackt, wurden beschossen, flohen. „In den Dörfern“, erzählte sie, „bekreuzigte man sich, wenn man uns sah.“

Hannah Malka fuhr auf einem russischen Panzer fast bis Prag mit und kam im ehemaligen jüdischen Viertel unter, wo man ihr zu essen gab. „Mein neues Leben hatte begonnen.“

Kommentar:

<”Eden” in der Hölle>Man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen, wie viel Leid die Nazis über die jüdischen Gemeinden gebracht haben. Die Jungen und Mädchen mussten früher oder später die Schule verlassen, Juden durften sich nicht auf Parkbänke setzen, viele Geschäfte nicht betreten, sie durften nicht ins Kino oder mussten sich auf einer bestimmten Straßenseite halten. In einem Roman des Autors Aleksandar Tisma wird eine Deportationsszene beschrieben. Da laufen zwei Dutzend Hunde dem davonfahrenden Zug hinterher, in dem ihre Herrchen und Frauchen eingesperrt sind. Plastischer kann man eine solche Tragödie nicht schildern. Die im letzten Jahr verstorbene Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger war genau wie Hannah Malka in Theresienstadt interniert. Sie war zwölf, als sie von Wien dorthin verschleppt wurde. Sie nennt Theresienstadt „den Stall, der zum Schlachthof Auschwitz gehörte“. Solche Worte schlagen ein wie Granaten. Interessanterweise berichten beide Frauen davon, dass die Erwachsenen alles für die Kinder taten und auch der Zusammenhalt der Jugendlichen beispiellos gewesen ist. Hannah Malka sprach von einem „Eden“ in der Hölle. Etwas muss da sein im Menschen, das kein Barbar zerstören kann. Möglicherweise ist es das, was Hannah Malka bis heute Zuversicht verleiht.
Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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