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Fahrradbranche erlebt Corona-Boom
"E-Bikes sind das neue Toilettenpapier"

E-Bike-Fahren liegt voll im Trend.
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nja Siegen/Bad Berleburg/Olpe/Betzdorf. Der Skiurlaub in den Osterferien: vom Virus zur Strecke gebracht. Die Irlanderkundung im Juni: von Corona ausgebremst. SarsCov2 lähmte seit Mitte März weite Teile des gesellschaftlichen und privaten Lebens – und tut es in vielen Bereichen noch heute. Bewegung an der frischen Luft – derzeit nur in heimischen Gefilden bzw. demnächst wohl auch wieder deutschlandweit möglich – tut gut und not. Und dann ist da dieses Bedürfnis, sich etwas gönnen zu wollen in diesen anstrengenden Zeiten: So boomt seit einigen Wochen der Verkauf von E-Bikes, genauer gesagt Pedelecs. Das bestätigte auch Thorsten Reifenrath, Geschäftsführer der „Bicycles & more GmbH & Co. KG mit Filialen in Siegen, auf der Freudenberger Wilhelmshöhe und in Betzdorf.

nja Siegen/Bad Berleburg/Olpe/Betzdorf. Der Skiurlaub in den Osterferien: vom Virus zur Strecke gebracht. Die Irlanderkundung im Juni: von Corona ausgebremst. SarsCov2 lähmte seit Mitte März weite Teile des gesellschaftlichen und privaten Lebens – und tut es in vielen Bereichen noch heute. Bewegung an der frischen Luft – derzeit nur in heimischen Gefilden bzw. demnächst wohl auch wieder deutschlandweit möglich – tut gut und not. Und dann ist da dieses Bedürfnis, sich etwas gönnen zu wollen in diesen anstrengenden Zeiten: So boomt seit einigen Wochen der Verkauf von E-Bikes, genauer gesagt Pedelecs. Das bestätigte auch Thorsten Reifenrath, Geschäftsführer der „Bicycles & more GmbH & Co. KG mit Filialen in Siegen, auf der Freudenberger Wilhelmshöhe und in Betzdorf. „Die Situation seit der Shutdown-Lockerung vor gut zwei Wochen stellt uns vor echte Herausforderungen“, berichtete er der SZ auf Anfrage.

Anderthalb Stunden Wartezeit

In den ersten Tagen der Wiedereröffnung hätten sich Schlangen vor den Eingängen gebildet: „Die Leute mussten bis zu anderthalb Stunden warten, bis sie dran waren. Besonders schlimm war es auf der Wilhelmshöhe.“ Dort wurde das Geschäft bis Ende vergangener Woche zuletzt nur noch nach Terminvereinbarung geöffnet. „Anders wäre eine individuelle Beratung gar nicht mehr möglich gewesen.“ Seit Montag nun sind alle Filialen erst ab 14.30 Uhr geöffnet. „So schaffen wir es morgens, alle Aufträge und Reparaturen in der Werkstatt sowie Neubestellungen abzuarbeiten.“ Die Räder würden in Kartons geliefert und müssten erst einmal vom Mechaniker aufgebaut werden. Allein das dauert rund eine Stunde. 150 bis 200 Mails müssten am Tag gesichtet werden, das Telefon klingele. Beratung, Probefahrten, der Reparaturbetrieb: Es gibt viel zu tun. E-Bikes machen hier rund 90 Prozent des Umsatzes aus. „In der ersten Woche nach der Wiedereröffnung haben wir so viele verkauft wie sonst in vier Wochen Hochsaison.“ In den vergangenen drei, vier Jahren habe das Geschäft mit den Pedelecs bereits deutlich angezogen. Schon 2018/19 stand Thorsten Reifenrath vor großen Herausforderungen. Nach jeder Saison habe er sich gedacht: Jetzt ist der Horizont erreicht. Pustekuchen! Die derzeitige Nachfrage stelle alles in den Schatten.

Engpässe bei Materiallieferung aus China

Mehrere Wochen kann es, je nach Modell, mittlerweile dauern, bis ein geordertes Pedelec auch geliefert wird. „In der Betzdorfer Filiale sagte jetzt ein Kunde tatsächlich: Das E-Bike ist das neue Klopapier...“ Die Hersteller haben mit Engpässen bei der Materiallieferung aus China zu kämpfen. Auch hierbei hat Corona natürlich seine Fühler im Spiel. Es kommt vieles zusammen derzeit. Auch das gute Wetter der vergangenen Wochen. Kunden erzählten durchaus von ihren Beweggründen, sich nun ein motorunterstütztes Fahrrad zuzulegen: Neben gestrichenen Auslandsurlauben und der Ungewissheit, wann wieder weltweites Reisen möglich sein wird, sei auch das Leasing für Arbeitnehmer ein bedeutender Aspekt.

"So viel verkauft wie nie zuvor"

Bei Zweirad-Hees im Kreuztaler Ortsteil Eichen wurden in den vergangenen zwei Wochen so viele E-Bikes verkauft „wie im ganzen Leben noch nicht in dieser Zeitspanne“, erzählt Jutta Kinzig: „Und ich bin schon 30 Jahre dabei.“ Kunden berichteten von stornierten Urlaubsreisen: Nun wolle man sich daheim eine schöne Zeit machen. Montag vor einer Woche seien 78 nachbestellte Räder geliefert worden, die es dann nach den individuellen Wünschen zusammenzubauen galt. Das Team wurde bereits im Herbst aufgestockt; nun kommen weitere „Schrauber“ hinzu.

Räder waren für italienischen Markt bestimmt

Es werde alles gekauft, was an guter Qualität auf dem Markt sei. Stichwort Lieferengpässe: „Bestimmte Modelle sind schon nicht mehr zu haben.“ Nun sei von einem namhaften Hersteller eine Serie auf dem deutschen Markt gelandet, die eigentlich für Italien bestimmt war: „Davon haben wir gerade einmal fünf Räder ergattert.“ Der Laden öffnet nun eine Stunde später als sonst – um mehr Zeit für Bestellungen und Aufbau zu haben. Wer sein Rad zur Reparatur bringe, könne es aber binnen drei Tagen wieder in Empfang nehmen.

"Es ist die Hölle"

„Es ist die Hölle“, beschreibt Fahrradhändler Uwe Daus aus Bad Berleburg seinen Alltag seit etlichen Wochen. Die Arbeitstage beginnen nicht selten morgens um 4 Uhr und enden oft spät abends. Freie Wochenenden: Fehlanzeige. „Kunden kommen sogar zu mir nach Hause.“ Zu Höchstzeiten hatte er knapp 90 Telefonate am Tag; der Durchschnitt liege bei 50. Der Ein-Mann-Betrieb mit auch mobiler Werkstatt – „ich fahre damit auf die Dörfer“ – hat sein Limit erreicht: 86 in Kartons verpackte Bikes – nicht nur Pedelecs – müssten noch zusammengebaut werden.  E-Bikes machen bei ihm rund 80 Prozent des Geschäfts aus, ständig werde nachbestellt: „Pedelecs sind ja nicht nur was für alte Leute, sondern Lebensqualität!“ Wer heute bei ihm bestelle, könne Glück haben und ein Modell wünschen, das noch auf Lager sei. Nicht außergewöhnlich aber seien auch längere Wartezeiten.

In der "Fahrrad-Tretmühle"

Erneuter Ortswechsel: Auch in der Betzdorfer „Tretmühle“ befindet man sich in der Fahrrad-Tretmühle. „Viele Leute, die eigentlich in Urlaub fliegen wollten, kaufen sich jetzt ein Rad – oder lassen ihre Räder reparieren. Da werden auch Schätzchen in die Werkstatt gebracht, die seit 25 Jahren im Keller stehen“, sagt Werkstattleiter Kay Schulze. Corona beschere seiner Branche einen „Wahnsinn“. Er sei seit 35 Jahren im Geschäft – so einen Andrang wie jetzt habe er aber noch nicht erlebt. Am vergangenen Samstag standen 30 Kunden vor der Tür. Täglich werde nachbestellt, bei der Frage nach den Lieferengpässen lacht er laut auf: Er habe seinen Vertreter schon gefragt, was er denn im Juni verkaufen solle. „Die 2020er-Produktion ist beendet, rund 80 Prozent davon sind schon weg.“ Ende August/Anfang September beginne normalerweise die Produktion der Modelle für das kommende Jahr. Eigentlich arbeite er in seinem Traumjob, aber „wenn ich jetzt abends aus dem Geschäft gehe, muss ich mit dem Kopf wackeln, damit alles, was mit der Arbeit zusammenhängt, rausfällt.“

"Wir sind fast ausverkauft"

„Wir sind fast ausverkauft“, sagt Kathrin Grimm von Radsport Olpe. E-Bike statt Reise – ja, das habe Corona auch den Sauerländern beschert. Auch hier muss – je nach Modell – mit Wartezeiten kalkuliert werden. „Wir verkaufen aber auch noch viele normale Räder.“ Das Pedelec mache rund 65 Prozent aus.

"Wir bedanken uns für die Geduld"

Bei Fahrrad Feldmann in Olpe glühen die Telefonleitungen, bilden sich regelmäßig Warteschlangen vor der Tür: Man gehe am Zahnfleisch, hieß es aus der Geschäftsleitung. Natürlich freue man sich über die wirtschaftlich gute Lage und darüber, keine Kurzarbeit beantragen zu müssen. Aber man könne derzeit leider nicht mehr jedem gerecht werden. Zum Glück sei das Lager noch gut bestückt – Bestellungen aus dem Jahr 2019, die nach und nach im Sauerland ankommen. Gestern waren es allein 80, in Kisten verpackt „wie Puzzles“. Pedelecs machen 80 Prozent des Verkaufs aus. Pro Verkäufer dürfe derzeit ein Kunde in den Laden: „Sonst wird es eine Großveranstaltung.“ Bis zu zwei Stunden Wartezeit – darauf wird schon auf der Homepage hingewiesen –, Regen, Hagel: Wer sich ein Rad kaufen wolle, den schrecke derzeit nichts ab: „Wir bedanken uns für die Geduld!“ Manchmal wünsche man sich aber meterhohen Schnee.

Autor:

Anja Bieler-Barth (Redakteurin) aus Siegen

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