Ein Abend des Schönklangs

Ukrainische Pianistin Maria Streltsova konzertierte im Gläsersaal

ars Siegen. Die 1973 in der ukrainischen Hauptstadt Kiew geborene Maria Streltsova wurde elf Jahre an der Fachhochschule für hochbegabte Kinder in Kiew auf dem Klavier ausgebildet, danach studierte sie dort an der Ukrainischen Nationalen Tschaikowsky-Akademie der Musik. Seit 1997 lebt sie in Deutschland und absolvierte Meisterkurse u.a. bei Pavel Gililov. Derzeit arbeitet sie als freie Konzertpianistin und Klavierlehrerin in Bonn.

Nach Siegen in den Gläser-Saal brachte sie ein ganz vom Klanglichen dominiertes Programm mit. Es fehlten mitteleuropäische, den formalen, aufbauenden und abarbeitenden Vorgang der Komposition betonende Werke. Maria Streltsova erwies sich als Virtuosin mit betont kultiviertem, zuweilen auffallend zärtlichen Anschlag mit einem Hang zum durchsichtigen, schlanken und sachlichen Spiel, die es bei Chopins bekannten Stücken vermied, Sentimentalität und expressiven Gefühlsüberschwang zu servieren.

Das gebannt zuhörende Publikum zeigte sich höchst angetan vom Klangzauber schöner Episoden in einem Stimmungs-Fluss, dem markante formale Stützpfeiler weitestgehend fehlten. Das Moment des Opernhaften in Fredéric Chopins drei Nocturnes, op. 9 Nr. l, Nr. 2 und op. 48 Nr. l, schloss sie in ihrer Interpretation ins Gemüt ein, spielte gleichsam nach innen gewendete Äußerlichkeiten ohne harte Anschläge, ohne viel Rubato und was sonst Gefühle veräußerlichen mag. Noch der sich in Bitternis selbst zersetzende Stimmungszauber des letzten, zeitlich späteren Nocturnes wurde von der Pianistin entschieden in den fließenden, unaufgeregten Schönklang integriert.

Erwartungsgemäß gelang es ihr bei diesem interpretatorischen Ansatz nicht, im berühmten Scherzo der 2. Klaviersonate von Chopin das Fahle, Hexenhafte zu entfalten. Hier, und nur hier, ließ sich der Eindruck nicht ganz von der Hand weisen, auch das gut Gespielte könne falsch sein. Im folgenden, noch berühmteren Marcia funèbre leistete sie schon fast zu viel des einebnenden Schönklangs.

Das hier vermisste Schroffe, Bedrohliche sparte sie sich für Maurice Ravels Gaspard de la nuit auf. Diese drei Poeme für Klavier nach Aloysius Bertrand gelangen ihr meisterlich; hier passte alles zusammen, hier konnte sie in ihrer anschmiegsamen Art den poetischen Zauber ganz ausschöpfen, hier entfaltete sie nicht nur ein gleißendes Stimmungsbild der Verführungskünste der Wasserfee Undine, hier geriet auch die Szene am Galgen (Le Gibet) herzbeklemmend mit dem ostinaten Glockenton in der linken Hand, hier entfaltete sie die Ängste und Alpträume bei beeindruckender Beherrschung des technisch sperrigen Stückes (Scarbo) und überzeugte auch den Skeptiker auf ganzer Linie.

Abschließend stellte sie eine wenig gespielte Sonate für Klavier von Sofia Gubaidulma vor in der gezupfte und angerissene Seiten und andere modernistische Tonverfremdungen einzig der Bereicherung der Farbigkeit dienen. Auch die starken Anleihen beim Jazz fielen auf, die das Werk zuweilen launig und entspannt wirken ließen. Das abschließende kurze, aber furiose Presto, ein rechtes Tastengewitter, zeigte die Pianistin auch noch von der zupackenden, massiveren Seite, die ihr nach all dem Sehönklang nicht einmal schlecht zu Gesicht stand.

Mit zwei argentinischen Tänzen von Alberto Ginastera als Zugabe endete ein hörenswertes Konzert, das vom WDR 3 am 23. März um 20.05 Uhr übertragen wird, einmal traumsehg-melancholisch und einmal als eruptive Rhythmusstudie.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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