Ein Antrag ohne Bedeutung

Rotlicht-Prozess schlitterte durch trüben Verhandlungstag

pebe Siegen. Die Verteidiger mögen ihn wie kalte Erbsensuppe. Für die Zuschauer war er bislang zweimal eine willkommene Abwechslung, eine Aufhellung im zähen »Rotlicht«-Nebel. Nicht unbedingt wegen seiner Erinnerungsfähigkeit, wohl aber wegen der Schlagfertigkeit, mit der er etliche Fragen aus den Reihen der »Schwarzröcke« parierte. Gestern saß der 53-jährige Privatdetektiv mit Hafterfahrung erneut im Zeugensessel und übte sich im Wortgefecht, wurde diesmal allerdings vom Vorsitzenden des Schwurgerichts, Richter Wolfgang Münker, ein wenig in die Schranken gewiesen. Die Antwort auf Fragen zu früheren Verurteilungen dürfe er nicht verweigern, teilte ihm Münker mit. Selbiges hatte er zuvor auch den Verteidigern mitgeteilt und nachgeschoben: »Ich werde versuchen, das dem Zeugen beizubringen – hoffentlich mit Erfolg.«

Was genau die Verteidiger mit ihren Fragen außer einer Verunsicherung des Zeugen noch bezweckten, ließ sich nicht genau herausfinden. Dr. Jürgen Fischer (Frankfurt) schließlich übernahm am 45. Verhandlungstag den Endspurt in der Befragung. Der Anwalt konzentrierte sich wieder auf die Vorgeschichte, die den 53-Jährigen überhaupt ins Verfahren gebracht hatte. Der Zeuge sagt, er habe von dem jetzt in Siegen mitangeklagten Harry S. im Kölner Knast Informationen über die Autobombe erhalten. Dabei habe sich S. selbst belastet. Dr. Fischer wollte nun wissen, wann und unter welchen Umständen der Zeuge denn in die Akten des S. geschaut habe. Außerdem interessierte den Anwalt, welche »Story« er zunächst den Polizeibeamten aufgetischt habe.

Es könne sein, dass er anfangs unzutreffende Informationen gestreut habe, meinte der 53-Jährige, aber was im Protokoll seiner Vernehmungen stehe, das stimme. »Alles, was ich unterschrieben habe, habe ich gesagt.« Ob er die Protokolle denn auch gelesen habe, wollte Fischer wissen. Der Zeuge bejahte dies. Und auf die Frage des Anwalts, wie lange ihn das beansprucht habe, meinte er: »Ich bin ein Schnellleser.« Auf weitere Fakten aus den Akten angesprochen, die offenbar mit seinen Aussagen nicht übereinstimmten, blätterte der Zeuge in der Kopie der Vernehmung, die vor ihm auf dem Tisch lag: »Ich bin selbst verwundert, das zu lesen. Das ist falsch.« Rechtsanwalt Thomas Pusch wollte das Blättern im Protokoll als »wesentlichen Vorgang in der Hauptverhandlung« festgehalten wissen.

Dr. Ulrich Endres schließlich stellte den Antrag, der Zeuge solle das gesamte 18-seitige Protokoll laut vorlesen. Das werde beweisen, dass er nicht schnell lesen könne, dass die Lektüre eine halbe Stunde gedauert habe und dass er »es selbst in diesen Kleinigkeiten mit der Wahrheit nicht genau nimmt«. Fischer schloss sich dem Antrag an, wollte aber nachweisen, dass fälschlicherweise protokolliert worden sei, der Zeuge habe seine Aussagen selbst gelesen und genehmigt.

Die Kammer entschied schnell und wies den Antrag »wegen Bedeutungslosigkeit« zurück. Auf die Dauer der lauten Verlesung komme es nicht an, meinte Münker zur Begründung, denn daraus könne kein Rückschluss auf leises Lesen gezogen werden. Der 46. Akt des bürgerlichen Trauerspiels folgt am Donnerstag.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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