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Homeschooling: Jede Schule und jeder Lehrer haben ein eigenes System
Ein Arbeitsblatt hochladen reicht auf lange Sicht nicht

Die meisten Schüler befassen sich im Moment zu Hause mit dem Lernstoff. Je nach Schule und Lehrer bekommen sie unterschiedliche Lehr-Angebote.
  • Die meisten Schüler befassen sich im Moment zu Hause mit dem Lernstoff. Je nach Schule und Lehrer bekommen sie unterschiedliche Lehr-Angebote.
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  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

sos Siegen/Bad Laasphe/Gerlingen/Betzdorf. Strukturen sind das Wichtigste, was Kinder in diesen Tagen brauchen. Ein geregelter Tagesablauf, der sowohl Lerneinheiten als auch Pausen vorsieht. Das ist der Tenor, den Experten wie Lehrer gleichermaßen vertreten, wenn es darum geht, die Schüler trotz der Zwangspause weiterzubilden. Aber: „Die Kinder an den Schreibtisch setzen, reicht nicht“, sagt Dr. Michael Schuhen von der Uni Siegen, der sich in seiner Forschung auch mit dem digitalen Lernen auseinandersetzt. Er hat sich Schulen in Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Hessen angeschaut und festgestellt: Jede Schule und jeder Lehrer haben ein eigenes System entwickelt. „Das reicht vom Arbeitsblatt bis hin zu Erklärvideos.

sos Siegen/Bad Laasphe/Gerlingen/Betzdorf. Strukturen sind das Wichtigste, was Kinder in diesen Tagen brauchen. Ein geregelter Tagesablauf, der sowohl Lerneinheiten als auch Pausen vorsieht. Das ist der Tenor, den Experten wie Lehrer gleichermaßen vertreten, wenn es darum geht, die Schüler trotz der Zwangspause weiterzubilden. Aber: „Die Kinder an den Schreibtisch setzen, reicht nicht“, sagt Dr. Michael Schuhen von der Uni Siegen, der sich in seiner Forschung auch mit dem digitalen Lernen auseinandersetzt. Er hat sich Schulen in Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Hessen angeschaut und festgestellt: Jede Schule und jeder Lehrer haben ein eigenes System entwickelt. „Das reicht vom Arbeitsblatt bis hin zu Erklärvideos.“

Lehrstoff ist nicht Gegenstand einer Klassenarbeit

Für Grundschüler gilt, dass ihre Eltern die erledigten Aufgaben überprüfen; die Lehrer sind da in der Regel außen vor. Hier geht es zunächst auch nicht darum, neue Lerninhalte zu vermitteln, sondern Bekanntes zu üben. Bevor die Grundschule Bad Laasphe geschlossen wurde, hätten sich die Schüler viele Arbeitsmaterialien mitgenommen, berichtet Leiter Andreas Lachmann. Zusätzlich gebe es Lehrvideos auf der Homepage sowie Wochenpläne mit Arbeitsblättern zum Herunterladen. „Nichts davon wird Gegenstand einer Klassenarbeit sein“, betont er. Auch deswegen findet seine Stellvertreterin, Renate Krack-Schneider wichtig, zusätzlich andere Beschäftigungen wie Bastelanleitungen anzubieten, „damit niemandem die Decke auf den Kopf fällt“.

Kinder in der Grundschule brauchen Anleitung

Gerade Grundschulkinder bräuchten viel Anleitung, so Michael Schuhen. Am besten seien Arbeitspakete für je einen Tag, die die Kinder dann abhaken könnten. „Das gibt Struktur.“ Sonst würden eifrige Schüler alle Aufgaben vielleicht schon am Montag lösen und wären Dienstag bis Freitag unbeschäftigt. Dafür sieht Peter Clemens, stellv. Leiter der kath. Grundschule Gerlingen, derzeit keinen Bedarf, er setzt auf Wochenpläne. Auch ein Korrigieren seitens der Lehrer hält er nicht für notwendig. Noch nicht. Aber er denkt weiter: Wenn die Schulen länger als bis zu den Osterferien geschlossen bleiben, müssten neue Wege gefunden werden. „Es gibt bestimmt Lösungen, aber das geht alles nicht von jetzt auf gleich.“ Bis dahin laden sich die Schüler ihre Materialien aus dem Internet herunter. Wer keinen Drucker hat, werde von der Elternpflegschaft oder dem Sekretariat versorgt.

Abi-Prüfungen werden per Webcam simuliert

An den weiterführenden Schulen besteht der digitale Unterricht hier und da schon aus mehr als dem Download von Arbeitsblättern. Thomas Süßenbach, stellv. Schulleiter des ev. Gymnasiums in Weidenau, nutzt Videokonferenzen, um mündliche Abiturprüfungen zu simulieren. Die Schüler bereiten dafür einen kurzen Vortrag und ein Prüfungsgespräch vor. „Die restlichen Zuhörer protokollieren“, so Süßenbach. Verpflichtend seien diese Konferenzen nicht; ebenso würden sie nicht benotet.

Nicht zu viel zumuten

Diese Eigeninitiative könne von jüngeren Schülern nicht unbedingt erwartet werden, so Leiterin Beate Brinkmann. Jungen und Mädchen von der 5. bis mindestens zur 9. Klasse seien verstärkt auf die Unterstützung der Eltern angewiesen. „Ich möchte Mut machen. Das ist auch eine Möglichkeit, neu mit den Kindern in Kontakt zu kommen.“ Und sie warnt davor, den Schülern zu viel zuzumuten. Wenn die Schule wieder losgehe, gebe es Zeit für Nachfragen und Wiederholungen.

Frage nach der technischen Ausstattung

Viele Kollegen der integrierten Gesamtschule Betzdorf arbeiten mit der Schulcloud, so Leiterin Betty Berg-Bronnert. Hier finde Kommunikation statt, ab und zu würden auch Erklärvideos hochgeladen. 80 Prozent der Schüler seien dort erfasst, die anderen kommunizierten per E-Mail oder Telefon. Derzeit sei die Schule noch damit beschäftigt herauszufinden, wie die einzelnen Familien technisch ausgestattet sind, ob es überall einen Internetzugang gibt. Sei das nicht der Fall, würden die Materialien per Post geschickt. 

Bildungskluft könnte wachsen

Sich über die Grundvoraussetzungen zu informieren, sei von wesentlicher Bedeutung, findet Dr. Michael Schuhen, der selbst Vater ist. Aber nicht nur in diesem Bereich gebe es große Unterschiede, sondern auch in der häuslichen Unterstützung. Er befürchtet, dass Kinder aus bildungsfernen Schichten benachteiligt sein könnten. „Die Bildungskluft könnte weiter auseinander gehen.“ Gerade deswegen sei der Kontakt zu den Eltern wichtig – aber leider nicht an allen Schulen üblich.

Jetzt geht's ans Arbeiten

Nach der ersten Woche der Eingewöhnung gehe es beim „Homeschooling“ spätestens jetzt ums Arbeiten und Unterrichten. Maßnahmen wie digitale Schulbücher, Erklärvideos oder Skype-Konferenzen begrüßt der Experte. Aber während sich medienaffine Fachkräfte austoben könnten, wüssten andere oft gar nicht, wie digitales Lernen überhaupt funktioniere. „Diese Lehrer brauchen Webinare. Die Zeit wäre da gewesen!“, so Schuhen.

Corona möglicherweise ein Anstoß

Da sieht er das Land in der Pflicht. Ideen gebe es zu genüge, aber bisher sei „nichts als heiße Luft“ entstanden. Man müsse wegkommen von Einzellösungen und stattdessen professionelle Strukturen entwickeln, die für alle gültig und umsetzbar sind. „Chancen hatten wir genug“, findet der Experte, „die haben wir verstreichen lassen.“ Vielleicht gebe Corona aber noch mal einen Anstoß, die Digitalisierung an Schulen endlich vernünftig anzupacken, so die leise Hoffnung.

Autor:

Sonja Schweisfurth (Redakteurin) aus Siegen

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