Persönliche Erinnerungen und Wirtschaftsdaten belegen: An der Eiserfelder Brücke und den Autobahnen kommt „niemand vorbei“
Ein Bauwerk verändert(e) die Region

An die Massen, die sich bei der Einweihung der Siegtalbrücke über das Bauwerk schoben, erinnert sich Wilfried Lerchstein aus Netphen noch gut: Als Kinder nahm er mit seinen Eltern an dem Fest teil. Das obige Foto vom Juli 1970 wurde übrigens in einer US-amerikanischen Publikation veröffentlicht, mit einem Hinweis auf die neue Brücke und ihre „Stabilität“.
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  • An die Massen, die sich bei der Einweihung der Siegtalbrücke über das Bauwerk schoben, erinnert sich Wilfried Lerchstein aus Netphen noch gut: Als Kinder nahm er mit seinen Eltern an dem Fest teil. Das obige Foto vom Juli 1970 wurde übrigens in einer US-amerikanischen Publikation veröffentlicht, mit einem Hinweis auf die neue Brücke und ihre „Stabilität“.
  • Foto: SZ-Archiv
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gmz/sz Siegen.Im Juli wurde in einem Artikel (auch auf dieser Homepage zu finden) an die Einweihung der Siegtalbrücke erinnert. Die A 45 mit ihrem „Prunkstück“ Siegtalbrücke hat das Leben in der Region verändert und positive Auswirkungen nicht nur auf die heimische Wirtschaft gehabt, sondern auch neue Möglichkeiten geschaffen, die Welt zu erkunden (und sei es nur die schnelle und unkomplizierte Fahrt nach Köln, Dortmund oder Frankfurt). Das ist eine allgemein akzeptierte Sicht der Dinge. Sie ist so selbstverständlich, dass man gar nicht danach fragt, woher diese Einschätzung kommt. Deshalb bot es sich an, einmal bei der der Industrie- und Handelskammer Siegen (IHK) nachzufragen, ob und mit welchen Zahlen sich dieses immer wieder wiederholte Fazit, der regionale Autobahnanschluss habe die Wirtschaft befördert, belegen lässt. Außerdem zeigen private Fotos und Erinnerungen, welche Bedeutung der Brückenbau für die Menschen der Region hat(te).
Klaus Gräbener, IHK-Hauptgeschäftsführer, und Stephan Häger, Leiter des Referats Konjunktur, Arbeitsmarkt und Statistik, haben beim Besuch der Heimatland-Redaktion jede Menge Zahlen parat, verweisen auch auf eine Studie zum Thema „Verkehrswege und Gewerbeflächen: Motoren der Beschäftigungsentwicklung“, die 2008 von der IHK herausgegeben wurde und die zu dem Schluss kommt, dass „zweifellos mit dem Bau der Sauerlandlinie und des Teilstückes der A 4 von Köln nach Olpe eine starke belebung der regionalen gewerblichen Wirtschaft einhergegangen“ sei. Was heißt das konkret? Klaus Gräbener verweist z. B. auf die Zahlen zur Entwicklung der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten: 1976, fünf Jahre nach der „Eröffnung“, der Freigabe der Strecke von Dortmund nach Gießen und im Jahr der Eröffnung der Kölner Strecke (A 4) bis zum Kreuz Olpe Süd, waren in den Autobahnanrainer-Gemeinden 21 911 Menschen beschäftigt. Im Jahr 2019 waren es 47 255 (ein Plus von 115,7 Prozent oder 25 344 Beschäftigten). In den nicht-Autobahnanrainer-Gemeinden lag die Steigerung bei „nur“ 34 Prozent. Zu den Autobahnanrainern zählen Olpe, Wilnsdorf, Burbach, Freudenberg, Wenden und Drolshagen.

Autobahn ist nur ein Faktor für die Wirtschaftsentwicklung

Bei der Interpretation der Zahlen ist allerdings zu beachten, dass die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten nicht nur durch die Autobahnnähe und die sich daraus ergebende bessere Erreichbarkeit angestiegen ist, sondern dass Wilnsdorf und Burbach z. B. große Gewerbegebiete ausgewiesen haben, in denen sich neue Firmen angesiedelt haben bzw. bestehende expandieren konnten.
Siegen hat in dem Zeitraum (von 1976 bis 2019) 6579 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte „verloren“ und zählte 2019 noch 51 564 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte (1976: 58 143). Das hat sicher auch mit dem Umzug einiger Firmen in die „neuen“ Gewerbegebiete zu tun, erläutert Klaus Gräbener.
Im gleichen Zeitraum entwickelte sich die Bevölkerungszahl bei den Autobahnanrainern von 93 009 (1976) auf 108 596 (2019), ein Plus von 16,8 Prozent. Die nicht-Autobahnanrainer verloren in den Jahren 1 Prozent, die Einwohnerzahl von Attendorn, Lennestadt, Finnentrop, Erndtebrück, Bad Laasphe, Kirchhundem, Kreuztal, Bad Berleburg, Hilchenbach, Neunkirchen und Netphen blieb also fast gleich (201 516 zu 199 533 Einwohnern).

Umsatz im verarbeitenden Gewerbe stieg

Auch der Umsatz im verarbeitenden Gewerbe ist in diesem Zusammenhang interessant. Zwischen 1996 (ältere Daten lagen der IHK nicht vor) und 2019 ist er in den Autobahn-Anrainer-Gemeinden und -Städten von insgesamt 1986,8 Millionen auf 4432,3 Millionen Euro gestiegen, in den nicht-Autobahnanrainer-Gebieten im gleichen Zeitraum von 5129,6 Millionen auf 10 572,9 Millionen. Also ein Plus von 123,1 Prozent im Vergleich zu 106,1 Prozent. Die Anzahl der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe stieg in der Zeit in den Autobahnanrainer-Gebieten von 14 541 Menschen (1996) auf 17 698 (ein Plus von 21,7 Prozent), in den nicht in Autobahnnähe gelegenen von 33 786 auf 39 300 (plus 16,3 Prozent).

Die genannten Zahlen seien, sagt Klaus Gräbener, natürlich nur „Indikatoren“, die aber „plausibel mit dem Autobahneinfluss“ zusammenhängen.

Andere Faktoren wie neue oder „volle“ Gewerbegebiete, Zuwachs von Stellen im Dienstleistungssektor (für Siegen ist der zum Beispiel mit der wachsenden Hochschule und allem „Drumherum“ erheblich) oder Veränderungen im Pendlerverhalten fallen natürlich auch ins Gewicht, werden bei diesen Daten aber nicht erfasst. Aber, so das Fazit, die Autobahn und der damit einhergehende „logistische Vorteil“ sei ein wichtiges Argument für Firmen, gerade diese Region als Standort zu wählen.

IPG Laser: Enormes Wachstum

Das bestätigen auch Telefongespräche mit Geschäftsführern von Firmen, die die Vorteile der hiesigen autobahnnahen Standorte zu schätzen wissen. Da ist zum Beispiel die Firma IPG Laser mit (einem) Sitz in Burbach, Weltmarktführer in Sachen Lasertechnik, Schneiden und Schweißen sowie Metall-3D-Druck. Ihre Standard-Laser schneiden und schweißen drei Zentimeter dicke Bleche (wie im Schiffsbau eingesetzt), ihre starken Laser (120 KW) schneiden – „alles“, sagt Mathias Beyer, European Controller von IPG, im Gespräch mit der SZ. Er führt aus, warum die Autobahnnähe für die Firma ein entscheidender Faktor ist. Zwei große Lastzüge gehen täglich mit empfindlichen Geräten zu den Kunden: Der kurze Weg zur Autobahn ist da sehr vorteilhaft. Auch sind die Wege für die Service-Mitarbeiter, die zu Kunden fahren, oder die Kunden, die die Firma besuchen, kurz und praktisch: Die Autobahnnähe verkürzt die Reisezeiten.
Mathias Beyer nennt noch einen weiteren Grund, warum die Firma von der guten Autobahnanbindung profitiert. Mit sechs oder sieben Angestellten habe man 1996 in Burbach angefangen, inzwischen sind fast 1300 Menschen bei IPG Laser am Standort Burbach beschäftigt. 1996 habe man ein Gebäude benötigt, heute seien es mehr als zwölf im Industriegebiet Burbach. Auch die Flächen, die Burbach anzubieten habe, seien ideal.
Die Firma ist weltweit aufgestellt, mit einer weiteren deutschen Niederlassung bei München und Standorten in Spanien, Tschechien, China, den USA … Qualifizierte Mitarbeiter zu bekommen sei „(über)lebenswichtig“ für IPG, so Beyer. Da helfe die schnelle Anbindung nach Siegen mit seinen (im Vergleich mit Burbach) vielfältigen kulturelle, Freizeit- und Shopping-Angeboten. Als Beispiel nennt er die zahlreichen Mitarbeiter russischer Herkunft, die bei IPG arbeiteten. Für sie sei es wichtig, zum Beispiel Litera, das russisch-deutsche Kulturangebot in Siegen, schnell über die Autobahn zu erreichen. Oder die Geschäfte. Oder …

Weber Haus fand idealen Standort

 Da ist zum Beispiel auch die Firma Weber Haus in Wenden, die an der A 45 liegt, zwischen der Autobahnabfahrt Freudenberg und dem Kreuz Olpe Süd. Die Firma mit Stammsitz in Rheinau-Linx (in der Nähe von Offenburg) suchte in den 1970ern eine Fläche für ein weiteres Werk, von dem aus die Kunden in NRW und den umliegenden Gebieten beliefert werden konnten. Firmenchef Hans Weber, der in den 1960ern mit einem Ein-Mann-Betrieb begonnen, die Firma aufgebaut und dann schnell expandiert hat, war auf dem Weg nach Wuppertal, wo es seit Mitte der 1970er eine Musterhaus-Ausstellung gab. Die A 45 war gerade fertig, und Hans Weber wollte sie ausprobieren, um nicht die Rheinstrecke und die „Ruhrgebietsquerung“ nach Wuppertal (wie bis zum Bau der A 45) nehmen zu müssen.
Auf der Fahrt, erzählt Andreas Bayer, Geschäftsführer von Weber Haus im Gespräch mit der SZ, fiel ihm unweit der Abfahrt Freudenberg das Gelände an der Autobahn auf, das Hans Weber als ein idealer Firmenstandort zur Produktion und Auslieferung der Weber Fertighäuser für NRW und die angrenzenden Gebiete schien.

Die Lage an der Autobahn erweist sich als ideal für die Firma Weber Haus: kurze Wege in alle Richtungen!
  • Die Lage an der Autobahn erweist sich als ideal für die Firma Weber Haus: kurze Wege in alle Richtungen!
  • Foto: Weber Haus
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Er erkundigte sich bei der Gemeinde Wenden nach dem Terrain – und seit 1978 fertigt die Firma dort Ein- und Zwei-Familienhäuser, Verwaltungsgebäude und Wohn-Mietobjekte in Fertigbauweise mit einem Jahresumsatz von 75 Millionen Euro an diesem Standort. Ideal sei die Autobahnanbindung für den Transport der Häuser, zehn Minuten bis zur Autobahn nach Süden, zehn Minuten bis zur Autobahn in Richtung Norden und ins Ruhrgebiet. Auch die vielen Lkw mit den Materiallieferungen hätten kurze Wege von der Autobahn, so Bayer. „Eine bessere Anbindung für diese Region gibt es kaum“, resümiert er.

Ausstellung zur Brücke im Frühjahr

Die Heimatgruppe Niederschelden hat eine große Ausstellung mit Fotos und Texten zum Bau der Brücke vorbereitet, die ja zu einem Drittel auf Niederschelder Gemarkung liegt. Wegen Corona muss sie auf das Frühjahr 2021 verschoben werden, sagt Vorsitzender Friedrich Schmidt.

 Sonntagsausflug zur Baubesichtigung

Für die Menschen der Region war der Ausflug zur Brücke und zur Baubesichtigung offensichtlich ein fester Ausflugspunkt in der Bauzeit:  Non Franz-Rudolf Arndt aus Steineroth stammt diese Aufnahme, die zeigt, dass er im Oktober 1967 mit seinem Auto von der Morgenröthe aus den Baufortschritt beobachtet hat. Auch Kurt Becker aus Kreuztal erinnert sich an diese Fahrten. Er kam nicht mit dem VW 1500 (wie auf dem Foto), sondern mit einem grauen VW Käfer, seinem ersten Auto, mit dem er, seinen Vater auf dem Beifahrersitz, nach Eiserfeld gefahren ist, um sich den Bau der Brücke anzusehen.

Ein VW 1500 und eine Brücke im Bau: Die Aufnahme stammt von  Franz-Rudolf Arndt aus Steineroth.
  • Ein VW 1500 und eine Brücke im Bau: Die Aufnahme stammt von Franz-Rudolf Arndt aus Steineroth.
  • Foto: privat
  • hochgeladen von Redaktion Kultur

 Erhard Siebel aus Freudenberg erinnert sich aus „beruflicher Sicht“ an den Bau der Siegtalbrücke:Von 1964 bis 2014 war ich Kraftfahrer bei der Spedition Gebrüder Hähner in Freudenberg. Wir fuhren damals unter anderem Hüll-Wellrohre der Metallschlauchfabrik Pforzheim für den Spannbeton für fast alle Brücken der Autobahn 45, auch für die Siegtalbrücke. Als die erste Fahrbahn der Siegtalbrücke mitten über dem Tal war, war ich mit meinem Lkw auf der Brücke. Ich habe damals ein Foto von der Brücke ins Tal runter gemacht: Das war schon beeindruckend. Leider ist mir das Bild abhanden gekommen …"

Dass für dieses große Bauwerk viel Material benötigt wird, wie Erhard Siebel oben schreibt, liegt auf der Hand!
  • Dass für dieses große Bauwerk viel Material benötigt wird, wie Erhard Siebel oben schreibt, liegt auf der Hand!
  • Foto: Sammlung Wolfgang Joerg
  • hochgeladen von Redaktion Kultur

Zum Feuerwerk gab es einen Stau von der Sandstraße an

 Und auch die Eröffnung der Brücke mit Feuerwerk brachte die Region auf die beine: Thorsten Krafft aus Eckmannshausen, heute in der Nähe von Unna lebend, erinnert sich:„Ich war an dem Tag acht Jahre alt und wohnte in Eckmannshausen. Meine Tante und mein Onkel hatten versprochen, mit mir zum großen Feuerwerk zu fahren. Ich glaube, wir sind nicht einmal bis zur Sandstraße in Siegen gekommmen, dann ging im Stau gar nichts mehr. Ich saß tieftraurig auf der Rückbank des VW-Käfers.“ – Wie ist ein Leben ohne die HTS überhaupt möglich gewesen, fragt er sich im Rückblick, auf der man verhältnismäßig staufrei fahren kann? – „Aber zum Glück gab es einen,Plan B‘“, erinnert er sich weiter. „Meine Großeltern wohnten in Weidenau in der Oberstraße.Vom dortigen Küchenfenster hatte man einen herrlichen Blick auf das Siegtal, und da es ein klarer, schöner Sommerabend war, habe ich doch noch einen Logenplatz für das Höhenfeuerwerk gehabt. – Später konnte ich von diesem Fenster aus auch den Bau der Gesamthochschule und der HTS beobachten. Es hat sich was getan im Siegerland in den letzten 50 Jahren“, beschließt er seine Erinnerungen aus der Ferne.

Autor:

Dr. Gunhild Müller-Zimmermann (Redakteurin) aus Siegen

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