Ein Cello zum Träumen

Julian Steckel spielte Joseph Haydns D-Dur-Konzert op. 101 mit unglaublich leichter Hand.  Foto: aww

aww Siegen. Schön, dass auch im Jahr 1 nach dem Haydn-Jahr die Musik des Österreichers en vogue ist. Manch einer wird vielleicht bedauern, dass Joseph Haydn vielfach zu Beginn eines Programms gespielt wird, als Appetithäppchen sozusagen, als „leichte“ Einstimmung auf Größeres, was noch kommen soll. Doch den Vater der Wiener Klassik darauf zu beschränken, griffe bei weitem zu kurz. Überdeutlich wurde das beim Sinfoniekonzert der Philharmonie Südwestfalen am Freitagabend im bestens besuchten Apollo-Theater in Siegen.

Dafür sorgte das an sich atemberaubende Konzert für Violoncello und Orchester op. 101 D-Dur Hob. VIIb: 2 von 1783 wie auch die mitreißende, packende Interpretation des jungen Cellisten Julian Steckel, Jahrgang 1982, der mit einem großen Farbenreichtum in der Tongebung, schönen dynamischen Schattierungen und einer immer dem Ausdruck untergeordneten Virtuosität gefiel. Mit luftiger Leichtigkeit ließ Steckel die Finger hauchzart, in hohem Tempo über die Saiten fliegen, zum Teil „wischen“ – so eingesetzt ein interessantes Stilmittel –, ohne dabei an Genauigkeit zu verlieren. Das wirkte hier und da fast übermütig leicht und spielerisch – und war herrlich anzuhören und anzusehen. Das Adagio in seiner bittersüßen Melancholie „weinte“ Steckel mit seinem Cello regelrecht dahin – diese Musik war die ergreifendste, berührendste, die an diesem Abend zu hören sein sollte.

Der Solist durfte sich freuen über einzelne „Bravos“ und über sehr langen Applaus. Das Publikum wollte offensichtlich mehr hören. Steckel beschenkte es mit Johann Sebastian Bachs Sarabande aus aus der 3. Suite C-Dur für Cello solo. So ein Cello bringt zum Träumen.

Davor waren die Philharmoniker unter der Leitung von David Afkham mit Haydns Sinfonie Nr. 101 D-Dur („Die Uhr“) Hob. I: 101 in den Abend gestartet. Der 1983 geborene Gastdirigent hatte das Orchester, das – von kleinen Unexaktheiten im ersten Satz abgesehen – präzise spielte, gut im Griff. Afkham leitete die Musiker an mit fließenden Bewegungen, einem von großer Ruhe und Bedachtsamkeit geprägten Dirigierstil, der auch bei größerem Krafteinsatz – später bei Franz Schuberts „Unvollendeter“ und Gustav Mahlers Adagio aus der ebenfalls unvollendeten Zehnten – stets distinguiert und sehr sachlich wirkte.

In Schuberts Siebter h-Moll D 759 arbeitete das Orchester den dramatischen Grundton gut heraus, gestaltete aber auch die lyrischen Momente so, dass sie berührten. Keine leichte Aufgabe hatten die Hilchenbacher mit dem Mahler-Adagio aus der Fis-Dur-Sinfonie, diesen vielgestaltigen, weiten Klanglandschaften, die stete Aufmerksamkeit der Spieler auf die Aufrechterhaltung des Spannungsbogens fordern. Afkham und seine Musiker lösten das ansprechend ein.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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