Ein entwurzeltes Pflänzchen

Hier kommt sie her, hier passt sie mit ihrer neuen Sprache nicht mehr hin: Eliza (Kristine Larissa Funkhauser, 3. v. r.) kehrt zurück in ihr einfaches Milieu, in dem ihr Vater Alfred P. Doolittle (Ersatzmann Michael Tews, vorn) seinen Junggesellenabschied feiert. Foto: zel
  • Hier kommt sie her, hier passt sie mit ihrer neuen Sprache nicht mehr hin: Eliza (Kristine Larissa Funkhauser, 3. v. r.) kehrt zurück in ihr einfaches Milieu, in dem ihr Vater Alfred P. Doolittle (Ersatzmann Michael Tews, vorn) seinen Junggesellenabschied feiert. Foto: zel
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zel Siegen. „Die Sprache macht den Menschen, die Herkunft macht es nicht.“ Was passiert, wenn man einem Blumenmädchen sein „Au!“ und „doooof!“ nimmt und ihm akzentfreies Englisch eintrichtert, konnten am Freitag und Samstag die Besucher im Apollo-Theater erleben: eine Entwurzelung der anrührenden Art nämlich. Das Pflänzchen, das eben noch Blumen am Opernhaus von Covent Garden angeboten hat, weiß nicht mehr, wohin es gehört. Es hat keinen Boden mehr, auf dem es gedeihen kann, sondern wird in der gehobenen Gesellschaft herumgewirbelt, ohne Halt, ohne Heim.

Mit dem Musical „My Fair Lady“ von Alan Jay Lerner (Buch) und Frederick Loewe (Musik) nach George Bernard Shaws Theaterstück „Pygmalion“ gastierte das Theater Hagen im zweimal ausverkauften Apollo-Theater. Schön, dass durch die Kooperation (die Siegener haben ihre Eigenproduktion „Gott des Gemetzels“ in Hagen gespielt) das Apollo wieder einmal Musiktheater erleben konnte. Manch ein Besucher warf in der Pause oder nach der Aufführung einen Blick in den Orchestergraben auf das Philharmonische Orchester Hagen unter der Leitung von Andreas Reukauf. Das nahm bereits die Ouvertüre, in der die noch folgenden Schlager angespielt werden, schwungvoll. Welche Vor-Freude!

Wie würden die Hagener die Geschichte bringen? Reduziert, mit Projektionsflächen, auf denen die Zuschauer ihre eigenen Bilder würden malen können? Würde der Müllkutscher Doolittle in der leuchtend orangefarbenen Uniform der Abfallentsorger auftreten? Die Blumenmädchen durch indische Rosenverkäufer ersetzt? Wäre die feine Gesellschaft beim Pferderennen in Ascot eine Armada der Besserverdienenden in grauen Business-Anzügen?

Es fällt einem – wie etwa jüngst Christian von Götz für das Staatstheater Kassel – einiges ein, das Musical ins Heute zu interpretieren, doch Regisseur Norbert Hilchenbach ging mit seiner Version kein Risiko ein. Alles war ganz so, wie es sein sollte: sehr ausgehendes 19. Jahrhundert, sehr englisch, konservativ gemacht.

Warum auch nicht? Denn so konnte man sich zurücklehnen in seinem Sessel und einfach nur schauen: Verschiedene gemalte Bühnenbilder (Peer Palmowski) fuhren auf und ab und wechselten mit Projektionen (Covent Garden, die Blumenauktionshalle), die Kostüme (Christiane Luz) waren sorgfältig zeitgenössisch entworfen und aufwendig gearbeitet – in Ascot, wo Eliza vorgeführt wurde und sich herrlich danebenbenahm, trug man in diesem Jahr Schwarz-Weiß und natürlich Wahnsinns-Hüte. Man konnte fröhlich mitsummen bei Hits wie „Wäre det nich wundascheen“, „Es grünt so grün“ oder „In der Straße, mein Schatz, wo du lebst“ und sich ein „Kleenes Stückchen Glück“ abholen, das drei Stunden dauerte.Die Besucher am Samstag sahen einen anderen Müllkutscher Doolittle als die am Freitag. Werner Hahn war über Nacht so krank geworden, dass Ersatz gesucht werden musste. Michael Tews, der die Rolle in Gelsenkirchen spielt, sprang kurzfristig ein und war ein Gewinn. Er sprach nämlich statt des Berlinerischen – bereits ein genialer Schachzug bei der Übertragung des Cockney-Englischen ins Deutsche – mit einem deftigen Hamburger Akzent, der die soziale Benachteiligung der Unterschicht – heute würde man sagen: Prekariat – ebenso sinnfällig charakterisierte. Die Sprache macht den Menschen, die Herkunft macht es nicht …Im Ensemble fand Tews gut seinen Platz, polterte fröhlich mit seinen Saufkumpanen herum und hielt eine atemberaubende Moralpredigt im Haus von Professor Higgins, der ihm seine Tochter Eliza für fünf Pfund abkaufen durfte. Und dann sein „Bringt mich pünktlich zum Altar“: Da lief der Opernchor zu Höchstform auf, tanzte und spielte was das Zeug hielt, und Tanzbär Doolittle mittendrin – sooo fröhlich.Kristine Larissa Funkhauser als Eliza – am Freitag spielte Tanja Schun – war wie erwartet süß, aufgedreht, kratzbürstig und stark, wenn es um verletzte Gefühle ging: Als die Herren Pickering (menschlich, galant und witzig: Thomas Weber-Schallauer) und Higgins (mit einiger Arroganz: Hartmut Volle) nach der gewonnenen Wette – Eliza ging auf dem Diplomatenball als Herzogin durch – auf- und sich nur um sich selbst drehten („Sie sind’s, der es geschafft hat“), stand sie wie eine Statue da – und jetzt? Trotzig sang sie (auf dem Golfplatz), wie es trotzdem weitergehen kann: „Ohne dich“. Golfschlägerbewehrt nahm man ihr das ab.Und doch heiratete sie nicht Freddy (einfach goldig, wie er in seiner Tonne wartete: Jeffery Krueger), sondern kehrte am Ende zurück zu ihrem Erschaffer Higgins (Volle hatte einen starken Auftritt beim „Ich bin gewöhnt an ihr Gesicht“) – schade. Hier wäre ein offenes Ende, wie es Shaw für seine „Pygmalion“ vorgesehen hat, spannender gewesen. Man wünscht Eliza, dass sie die Schulter findet, an die sie sich sanft aber dauernd lehnt, dass sie Halt findet, um wieder zu wurzeln. Zweifel sind berechtigt. Herzlicher, langer Applaus.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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