Ein Friedhof für Tausende Siegener

 Über die Toten vom Siegener Schlosspark wollen die Archäologen noch viel mehr erfahren: Waren es alles Siegener? Oder wurden hier zwischen 1843 und 1907 auch Zugereiste beerdigt? Foto: Michael Roth
  • Über die Toten vom Siegener Schlosspark wollen die Archäologen noch viel mehr erfahren: Waren es alles Siegener? Oder wurden hier zwischen 1843 und 1907 auch Zugereiste beerdigt? Foto: Michael Roth
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mir - Der erste Tote war ein Säugling: Adolph Schmoll, beigesetzt am 21. Februar 1843 auf dem damaligen Hang-Friedhof am Schlosspark. Ludwig Burwitz, der Siegener Archivar, hat das parallel zu den augenblicklichen Ausgrabungen recherchiert. Wo einst die Jugendherberge stand und in Bälde der zweite Teil des Schlossparks entstehen soll, hat das Archäologen-Team um Dr. Eva Cichy (LWL-Außenstelle Olpe) und Thies Evers (Fachfirma Eggestein) seit vier Wochen ganze Arbeit geleistet. Am Freitag steht der letzte Ausgrabungstag an, am Donnerstag zogen die Experten bereits eine vorläufige Bilanz. Und die kann sich sehen lassen: 23 Grabgruben haben die Forscher nachgewiesen, 15 sind komplett geborgen worden. Teils liegen die Gräber nur in einer Tiefe von 60 bis 80 Zentimetern. Ungewöhnlich, aber den Bedingungen geschuldet: „Das Gelände war und ist steinig, mit Schieferstrukturen durchsetzt. Da konnte nicht tiefer gegraben werden“, hat Evers durchaus Verständnis.

Auffälligkeiten gibt es zuhauf: Die Toten liegen zum Teil dicht an dicht, zuweilen im Abstand von einem halben Meter. Evers: „Der Friedhof muss sehr intensiv genutzt worden sein. Hier liegen Tausende Siegener begraben.“ Und das trotz der relativ knappen Belegungszeit von 1843 bis 1907. Auch am Donnerstag noch arbeiteten die Archäologen mit aller Vorsicht an den Gräbern. Mit Mini-Schäufelchen und Pinseln legten sie Rippen und Beckenknochen frei, in einem Fall stießen sie auf eine dicke Wurzel, sie hatte sich durch einen Brustkorb gebohrt. Ein recht großes Skelett lässt selbst den Laien erkennen, der Mann hatte zu Lebzeiten offenbar einen Hüftschaden.

Die Archäologen erhoffen sich noch mehr Erkenntnisse: Sie haben Zähne und andere prägnante Körperteile für weitergehende Laboruntersuchungen entnommen. Wie alt waren die Verstorbenen? Mann oder Frau? Unter welchen Krankheiten litten die Menschen? Cichy und ihre Kollegen wollen viel mehr erfahren: „Waren es alles Ur-Siegener? Oder finden sich unter den Toten auch zugewanderte Menschen?“ Alles spannende Fragen. Rund um die Toten haben die Ausgräber nur spärlich mehr gefunden. Grabbeigaben waren und sind nicht üblich. Trotzdem hat es ein paar interessante Funde gegeben: Rosenkränze zum Beispiel. Oder Weihwasserfläschchen. Dieser Friedhofsteil direkt oberhalb des bisherigen Spielplatzes war offensichtlich katholischen Siegenern unter den vielen Protestanten vorbehalten.

Natürlich tauchten bei den Ausgrabungen auch Metallhalterungen von Holzsärgen auf. Außerdem stießen die Suchteams immer wieder auf Schlackenreste, überall auf dem weitläufigen Areal verstreut. Die eine, große Schlackenhalde hat es allerdings nicht gegeben, wie man sich das erhofft hatte. Evers: „Tatsache ist aber, dass es eine intensive Erzverhüttung gegeben haben muss.“ Dass auch Pfeifenstücke bei der Suche aufgetaucht sind, ist für die Archäologen keine Besonderheit. Eine geordnete Müllabfuhr, wie heutzutage üblich, gab es damals nicht. Evers: „Die Siedlungsabfälle wurden im Mittelalter vor die Tore der Stadt gebracht und dort verteilt.“ Am Freitag packen die Archäologen ihre Sachen zusammen, die Gräber werden nach einer umfassenden Dokumentation aller Details wieder zugeschüttet und der Nachwelt überlassen. Dr. Cichy: „Wir respektieren die Totenruhe.“

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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