Ein Geschehen und zwei Versionen

Vergewaltigungen vor Gericht / 20-Jähriger bestreitet Tat / 39-Jährige bestreitet Beziehung

pebe Siegen. Irgendwann brach die Zeugin in Tränen aus. Die Anspannung, die bittere Erinnerung und das insistierende Fragen des Gerichts ließen die Selbstbeherrschung der 39-Jährigen in sich zusammenfallen. »Was wollen Sie denn noch von mir wissen? Er ist anschließend auf die Toilette gegangen, und ich lag auf der Couch. Wie immer«, fügte sie hinzu, und in den Worten lagen Verletzung und Resignation. Die Brasilianerin musste gestern als Zeugin in einem Verfahren vor dem Siegener Landgericht gegen einen 20-jährigen Landsmann aussagen. Ihm wirft Staatsanwalt Wolfgang Weiß mehrfache Vergewaltigung vor.

Der 20-Jährige soll sich im vorigen Jahr im Siegerland als Gast bei der Frau aufgehalten und sie »unter Missbrauch des Gastrechts kontrolliert und terrorisiert« haben. Während seines Aufenthalts habe er seine Gastgeberin an zwei Tagen trotz heftiger Gegenwehr der Frau vergewaltigt. Schon vorher sei er »mehrfach gewalttätig« gewesen. Der Angeklagte, der seit Juli vorigen Jahres in U-Haft sitzt, bestreitet die Taten. Vielmehr habe er bereits in Brasilien ein Verhältnis mit der ihm vorher unbekannten Frau gehabt, das sie initiiert habe, ließ er dolmetschen. Das mutmaßliche Opfer hingegen sagte aus, sie kenne die Familie des Angeklagten bereits seit vielen Jahren und habe nie ein Verhältnis mit ihm gehabt.

Kein leichter Fall für die 2. große Strafkammer unter Vorsitz von Richter Friedhelm Glaremin, die als Jugendkammer tätig wird. Im Gegenteil: Zäh zog sich die Verhandlung durch den Freitag, ausgefüllt mit langen Ausführungen zur Vorgeschichte der angeklagten Taten. Dabei stellt der komplette Widerspruch zwischen den Aussagen der beiden Hauptbeteiligten eine harte Nuss für das Gericht dar, denn weitere Tatzeugen, außer der 39-Jährigen, gibt es nicht.

Sehr ausführlich schilderte der Angeklagte, wie sich die 39-Jährige um ihn bemüht habe. Aus Anrufen seien Treffen geworden, aus Treffen eine sexuelle Beziehung und aus der Beziehung eine Lebensgemeinschaft. Als die Frau aus privaten Gründen nach Deutschland zurückgekehrt sei, habe sie ihm vorgeschlagen, er könne nachkommen und arbeiten.

Den ersten Aufenthalt habe er wegen ihrer privaten Probleme beendet – im Laufe der Verhandlung stellte sich heraus, dass an seinem Abreisetag die Polizei auftauchte –, er sei aber bald wiedergekommen. Es sei in der Folgezeit zu Auseinandersetzungen gekommen, weil er das Gefühl gehabt habe, sie sei nicht aufrichtig ihm gegenüber. Da habe er überlegt, sie zu verlassen. Weil er aber nicht gewusst habe, wohin er gehen sollte, sei er geblieben. Die Vorwürfe der Anklage stimmten nicht.

Daraufhin wollte Glaremin wissen, warum er der 39-Jährigen dann aus dem Gefängnis einen Brief geschrieben habe, in dem er sich von seinem »Schlagen« distanziert habe. In der Verhandlung stellte sich nun ein weiteres Problem: die Übersetzung. Musste es nun »schlagen« heißen oder »verletzen« oder »schubsen« (vor einer Vergewaltigung soll der Angeklagte die Frau aufs Bett geschubst haben)?

Eine ganz andere Version präsentierte die 39-Jährige. Sie kenne die Mutter des Angeklagten noch aus ihrer Jugend, berichtete sie. »Hatten Sie in Brasilien eine sexuelle Beziehung zum Angeklagten?« fragte Glaremin. »Nein, nie!« bestritt die Zeugin vehement. Obwohl es ihr nach einer furchtbaren privaten Enttäuschung sehr schlecht gegangen sei, habe sie eingewilligt, den jungen Mann für zwei Monate zu beherbergen. »Alle wollen Europa kennen lernen.« Und sie sei froh gewesen, dass »jemand aus meinem Land kam«.

Doch der junge Mann habe schnell andere Seiten an den Tag gelegt und begonnen, sie zu terrorisieren. Das Ende seines ersten Aufenthalts habe sie mehr oder weniger erzwungen. Weil es ihr weiter schlecht ging, sei die Schwester des Angeklagten zu ihrer Unterstützung nach Deutschland gekommen. Später dann auch wieder der Angeklagte, der anschließend beiden Frauen gegenüber aggressiv aufgetreten sei. Sie selbst sei vom Angeklagten mit Hinweis auf ihre Sozialhilfe immer wieder »erpresst« worden.

Später berichtete die Zeugin aufgewühlt, dass sie mehrfach vergewaltigt worden sei. Über ihre Kraft ging aber das konkrete Nachfragen des Gerichts, Pausen wurden nötig. Der Angeklagte, der sich über die Schilderungen zu amüsieren schien, musste von Glaremin eindringlich ermahnt werden. Der Prozess wird fortgesetzt.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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