Ein kundiger Interpret

ars Weidenau. Daniel Beckmann aus Altenhundem wurde in diesem Jahr 29-jährig von Karl Kardinal Lehmann zum jüngsten Domorganisten Deutschlands an den Hohen Dom zu Mainz berufen. Dabei begann alles so, wie bei jungen Talenten üblich: In Attendorn erhielt er seinen ersten Orgelunterricht bei Helga Maria Lange und schloss in St. Joseph in Weidenau mit der C-Prüfung ab. Dann kam er als Jungstudent an die Hochschule für Musik in Detmold, legte die höheren Examina ab, ergänzte die universitäre Ausbildung durch Meisterkurse. Mit dem Orgelkonzert an der Orgel von St.-Joseph im Rahmen der 16. Siegener Orgelwochen, eingeladen von Helga Maria Lange, schloss sich der Kreis. Ein vorübergehend Heimgekommener brillierte mit einem hörenswerten und auf die hiesige Orgel zugeschnittenen deutsch-französischen Programm, das zwischen kammermusikalischen Kostbarkeiten und orchestral gedachten Großwerken wechselte und in Aufbau und Reihung überzeugte.

Marcel Dupré war ein konsequenter Erneuerer der französischen Orgeltradition. Aus seinem op. 7 spielte Beckmann einleitend das erste Präludium und die erste Fuge sehr aus- und raumgreifend, in einer Art und Weise, die die Binnenstruktur in einer fast didaktisch zu nennenden Manier sehr schön offenlegte und nachvollziehbar machte. Hier wie in den beiden weiteren französischen Kompositionen des Programms erschien das Klangergebnis sehr plastisch, wie materialisiert im Raum stehend.

Eindrücklich davon abgesetzt und dennoch "passend" interpretierte der junge Organist Johann Sebastian Bachs Fantasia et Fuga in g-Moll, BWV 542, phantasievoll-schweifend, farbenfreudig, sehr durchsichtig und irgendwie gelassen im Vergleich zu den bekannteren Präludien von Bach, die heutzutage häufig mit Überdruck gespielt werden. Auch die für die Zeit harmonischen Schöpfungen der Fantasie blieben eingebunden im Fluss des unaufgeregten Vorwärtsschreitens.

Nach Bachs Fuge stand den Zuhörern wieder ein abrupter Szenenwechsel bevor: Der blinde Gaston Litaize, Schüler von Dupré, schuf sich mit Präludium und Tanzfuge ein ganz eigenartiges Kino für die Ohren, einen sehr individuellen, auch bizarren Tonrausch mit einer wirklich tänzerischen, tänzelnden Fuge. Insgesamt ein Werk, das dem deutschen Verständnis von Frömmigkeit und Kirchenmusik nur wenig entgegenkam (obwohl die tiefe Gläubigkeit des Katholiken Litaize verbürgt ist).

Ein Werk von noch stärker konzertanter Haltung ist die Suite op. 5 von Maurice Duruflé, die mit ihren drei Sätzen Prélude, Sicilienne und Toccata vom Aufwand und Ausdruck her den kraftvollen Schlusspunkt des ungemein vitalen und spannenden Konzertes ausmachte. Beginnend wie eine Filmmusik, durchsetzt mit allen Finessen der differenzierten und ausgeklügelten Tonerzeugung, manchmal wie aus verschiedener Entfernung ans Ohr dringend, in den Ecksätzen ambitioniert und angespannt, dazwischen eine entspannte, fast weltverlorene Sicilienne, endend mit einem strahlend-flirrenden Aufschwung der Toccata, fast wie ein impressionistisches Gemälde, immer bunt, immer farbig, immer originell und immer auch ein wenig vordergründig.Nach diesem Abschluss wäre jede Zugabe Verwässerung gewesen. Aber zwischen Litaize und Duruflé hatte Beckmann noch Bach geschoben. Wie gehabt: eine ziemlich harte, aber deshalb auch desto aussagefähigere Fügung. Bachs 6. Triosonate in G-Dur, BWV 530, ist auch an konzertante Musik angelehnt, zwei schnellere Ecksätze umschließen einen langsamen, liedhaften Satz, eine wirklich lebhafte Wiedergabe tut ein Übriges, das Werk angenehm zu präsentieren. Die schlackenlose, kammermusikalisch feine, in sich runde und im Mittelsatz auch gemütvolle Interpretation ließ eine feinere, subtilere Weltlichkeit hören, die es, obwohl die Triosonaten nur Lehrstücke für den Sohn Wilhelm Friedemann waren, auch kompositorisch mit den groß gedachten Werken der Franzosen aufnehmen kann.Der kundige Interpret kannte nicht nur sein Repertoire, er kannte auch die Orgel und die Eigentümlichkeiten des Kirchenraumes von St. Joseph, weshalb den zufriedenen Konzertbesuchern die möglichen Härten des Orgelspiels, die überharten Klangkaskaden, die sich an Betonkanten unschön brechen, weitestgehend erspart blieben.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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