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Schüler müssen Stoff nachholen
Ein langer Weg zur Normalität

Wochenlang kein normaler Unterricht: Wie gut sind die Schülerinnen und Schüler durch die Corona-Zwangspause gekommen? Ein Experte befürchtet, dass die entstandenen Wissenslücken nicht so einfach zu beheben sein werden.
  • Wochenlang kein normaler Unterricht: Wie gut sind die Schülerinnen und Schüler durch die Corona-Zwangspause gekommen? Ein Experte befürchtet, dass die entstandenen Wissenslücken nicht so einfach zu beheben sein werden.
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  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

cs/thor Betzdorf/Siegen/Wenden. Exkursionen, Projekte, Filme schauen und ein Eis holen: So würde derzeit eigentlich traditionell das Schuljahr auslaufen – egal ob in Nordrhein-Westfalen oder Rheinland-Pfalz. Wenn der Dampf in Form des Leistungsdrucks aus dem Kessel gewichen ist und die Noten feststehen, darf es an den Schulen auch mal entspannter zugehen. Doch was ist in diesen Tagen schon traditionell oder gar normal? Hinter Schülern, Eltern und Lehrern liegen dreieinhalb Monate im Ausnahmezustand. Verbunden mit Herausforderungen, die zu Beginn des Jahres noch nicht einmal ansatzweise zu erahnen waren.

cs/thor Betzdorf/Siegen/Wenden. Exkursionen, Projekte, Filme schauen und ein Eis holen: So würde derzeit eigentlich traditionell das Schuljahr auslaufen – egal ob in Nordrhein-Westfalen oder Rheinland-Pfalz. Wenn der Dampf in Form des Leistungsdrucks aus dem Kessel gewichen ist und die Noten feststehen, darf es an den Schulen auch mal entspannter zugehen. Doch was ist in diesen Tagen schon traditionell oder gar normal? Hinter Schülern, Eltern und Lehrern liegen dreieinhalb Monate im Ausnahmezustand. Verbunden mit Herausforderungen, die zu Beginn des Jahres noch nicht einmal ansatzweise zu erahnen waren.

Unterschiedlicher Umgang seitens der Lehrer und Eltern 

Von der Grundschule bis zum Gymnasium: Überall wurde auf höchst unterschiedliche Art und Weise daran gearbeitet, die Schüler mitzunehmen. Keine Frage: Das gelang nicht überall gleich gut. Es gab Lehrer, die bei der geforderten Kreativität über sich hinauswuchsen, und es gab Lehrer, die plötzlich völlig überfordert waren. Und genauso groß war die Bandbreite in den Elternhäusern, was Unterstützung und Förderung anging. Die entscheidende Frage: Wo stehen Schulen und Schüler nach diesen dreieinhalb Monaten überhaupt? Die SZ hat sich umgehört.

Lernlücken nicht von der Hand zu weisen

Die befragten Schulen stoßen allesamt ins gleiche Horn. „Eine Lernlücke gibt es mit Sicherheit“, sagt etwa Julia Cruz-Fernandez, Leiterin der Gesamtschule Wenden. Der wochenlange Ausfall des Präsenzunterrichts sei eben nicht so einfach zu kompensieren. Auch deshalb gehe es im neuen Schuljahr erst einmal darum, die Schüler wieder aufzufangen. Petra Dors, Leiterin der Weidenauer Jung-Stilling-Grundschule, sagt, es werde sich in den ersten Wochen des neuen Schuljahres herausstellen, wo genau die entstandenen Lerndefizite lägen.

Elternhaus spielt große Rolle

Die Pädagogin verweist auf das „heterogene Einzugsgebiet“ ihrer Schule: So gebe es Kinder, die während der Corona-Zwangspause gewissenhaft zu Hause unterrichtet worden seien, während der Nachwuchs in sozial schwächeren Familien naturgemäß eher auf der Strecke geblieben sei. Julia Cruz-Fernandez und Petra Dors berichten außerdem, dass zurzeit Überlegungen hinsichtlich eines Förderunterrichts liefen.

Förderunterricht an Samstagen

Während Dors dessen Durchführung an Samstagen kategorisch ausschließt, gibt sich Cruz-Fernandez zurückhaltender und gibt zu bedenken, dass es mit vielen Hindernissen verbunden sei, den Sonnabend zum Schultag zu erklären. Beide Schulleiterinnen sind jedenfalls optimistisch, durch gezielte Förderung die Lernlücken ihrer Schüler rasch schließen zu können. „Am Engagement der Lehrerinnen und Lehrer wird es jedenfalls – wieder einmal – nicht scheitern“, wehrt sich Cruz-Fernandez gegen die übliche Kritik an dem Berufsstand. Auch Petra Dors meint: „Das lächeln wir weg.“

Auf Fächer verzichten

Für Heiko Schnare, Direktor des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums Betzdorf/Kirchen, steht fest, dass von den letzten vier Monaten etwa zwei verloren wurden, was den „Stoff“ angeht. Das habe auch die eigene Lernstandserhebung ergeben. Für Schnare ergibt sich daraus die Konsequenz, dass man – quer durch alle Fächer – im nächsten Schuljahr auf einige Themen verzichten müsse. „Im Optimalfall glaube ich dann, dass wir nach einem Jahr wieder relative Normalität haben.“ Aber nur dann, wenn es zu keinem erneuten Lockdown komme. Der Schulleiter verteidigt die Strategie, dass man zunächst die Abschlussklassen wieder in die Schulen geholt habe: „In der Mittelstufe ist das Problem noch am geringsten. Hier kann am ehesten der Stoff nachgeholt werden.“

Keine Nachteile für Abiturienten

Viele Sorgen hat Schnare von Eltern der angehenden Abiturienten gehört. „Ich gehe aber davon aus, dass diese keine Nachteile erleiden werden.“ Wobei der Direktor bei den zentralen Aufgaben auch auf ein Entgegenkommen des Landes hofft. Mainz müsse auch berücksichtigen, dass in der Jahrgangsstufe 12 auf die Kursarbeiten verzichtet worden sei. Schnare sieht aber durch Corona auch die Chance, „Schule neu zu entwickeln“. Denn die Defizite in der Digitalisierung seien offensichtlich geworden. Für das Betzdorfer Gymnasium wünscht er sich dann auch endlich einen schnellen Internet-Anschluss.

Nur wenige Ausreißer

Das größte Lob kurz vor den Ferien geht in Niederfischbach an die Eltern. „Die haben das sehr gut hingekriegt“, sagt Klaus-Werner Mays, Leiter der W.-E.-Ketteler-Grundschule. „Wir haben über die verschiedenen Kanäle alle Kinder erreicht.“ Es habe nur wenige Ausreißer gegeben. Die Schüler hätten je nach Alter adäquate Aufgaben erhalten, deshalb gebe es auch zwischen den Jahrgangsstufen keine Unterschiede: „Ich habe nicht die Befürchtung, dass da große Löcher entstanden sind“, so Mays. Als Glücksfall habe sich das Arbeiten in Kleingruppen durch die geteilten Klassen erwiesen. Dort sei sehr intensiv gearbeitet und vieles nachgeholt worden. Der Schulleiter geht deshalb relativ beruhigt in die Ferien und hat auch wenig Bedenken, anschließend zum Regelbetrieb zurückzukehren.

Experte: Schere geht weiter auseinander

Der Lehrerschaft könne man in der Tat kaum einen Vorwurf machen, stellt auch Dr. Michael Schuhen von der Uni Siegen fest. „Als Wissenschaftler wäre ich aber eher skeptisch, ob sich die Lernlücken so einfach aufholen lassen“, meint das Mitglied im Corona-Expertenpool der heimischen Hochschule weiter. Der wochenlange Unterrichtsausfall werde zur Folge haben, dass die Schere zwischen (sozial) starken und schwachen Schülern noch weiter auseinander gehen werde. Der Geschäftsführer des Zentrums für ökonomische Bildung in der Krönchenstadt bedauert es außerdem, dass man nicht rechtzeitig vor den Sommerferien an den Schulen flächendeckende, unbenotete Tests hat durchführen lassen. „Das hätte verpflichtend sein müssen. Dann hätte man den Schülern individuelle Aufgaben mit in die Ferien geben können“, so Dr. Schuhen.

Autor:

Redaktion Siegen aus Siegen

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