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Hunde können Corona-Infizierte erschnüffeln
Ein Näschen fürs Virus

Otto hat den richtigen Riecher. Gezielt steuert der Rüde eine Öffnung in der Versuchsapparatur an, unter der sich eine Probe mit dem Geruch einer infizierten Person befindet.
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  • Otto hat den richtigen Riecher. Gezielt steuert der Rüde eine Öffnung in der Versuchsapparatur an, unter der sich eine Probe mit dem Geruch einer infizierten Person befindet.
  • Foto: Dr. Twele/TiHo Hannover
  • hochgeladen von Alexander W. Weiß (Redakteur)

goeb Hannover/Siegen. Für den Hund ist der Tod von Frauchen oder Herrchen womöglich längst Gewissheit, obgleich er noch bevorsteht. Horst Stern stellte diese Überlegung in seinem mittlerweile als Klassiker geltenden Buch „Bemerkungen über den Hund“ an. Mit Magie hat das natürlich nichts zu tun, sondern mit dem enorm entwickelten Geruchssinn unserer lieben Haustiere. Sie können erkennen, wenn ein Mensch Stress hat, und auch Krankheit äußert sich in der Physiologie – im Atem, im Schweiß, im Geruch.
Warum soll der Hund, der der Polizei beim...

goeb Hannover/Siegen. Für den Hund ist der Tod von Frauchen oder Herrchen womöglich längst Gewissheit, obgleich er noch bevorsteht. Horst Stern stellte diese Überlegung in seinem mittlerweile als Klassiker geltenden Buch „Bemerkungen über den Hund“ an. Mit Magie hat das natürlich nichts zu tun, sondern mit dem enorm entwickelten Geruchssinn unserer lieben Haustiere. Sie können erkennen, wenn ein Mensch Stress hat, und auch Krankheit äußert sich in der Physiologie – im Atem, im Schweiß, im Geruch.
Warum soll der Hund, der der Polizei beim Schnappen von Drogenkurieren hilft, der Diabetikern eine Warnung gibt, wenn eine Unterzuckerung droht, der Ärzten Hinweise auf eine Krebserkrankung beim Patienten liefert, warum sollte der Hund, dieses fleischgewordene „Witterungswunder“, nicht auch helfen bei der Identifizierung von Corona-Infizierten?

Training mit Bundeswehr-Hunden

Dass es funktioniert, hat die Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) unter Beweis gestellt. „Wir haben vor einem Jahr damit begonnen“, berichtete Dr. Friederike Twele der Siegener Zeitung. Bereits die erste Studie, die im Sommer veröffentlicht wurde, lieferte dahingehend mutmachende Ergebnisse. Sogar beim Speichel von asymptomatisch Erkrankten schlugen die Hunde an.
Eine weitere Studie vom Dezember/Januar werde demnächst publiziert. „Auch hier gibt es wieder positive Ergebnisse“, so die Tierärztin und wissenschaftliche Mitarbeiterin weiter.
Trainiert haben die Tierärzte aus Niedersachsen mit den Tieren der Diensthundeschule der Bundeswehr in Ulmen (RLP). „Die waren natürlich schon vorausgebildet bei der Suche nach Minen und Sprengstoff“, so die Veterinärin. Das verschaffte den Wissenschaftlern einen zeitlichen Vorsprung. Binnen einer Woche seien sie so weit gewesen. „Prinzipiell kann man das aber jedem Hund beibringen. Es dauert eben nur länger.“

Büroklammer im Trümmerfeld

Uschi Loth, die Leiterin des Hundezentrums Siegerland auf der Lipper Höhe, lässt gewisse Hunde im Rahmen ihrer Ausbildung eine in einem Trümmerfeld versteckte Büroklammer suchen – und finden (Zielobjektsuche). Rund 500 Hunde bildet sie in normalen Jahren aus. „Darunter sehr viel Diabetiker-Warnhunde“, erzählt sie am Telefon. Uschi Loth hat die Aktivitäten in Hannover mit Interesse verfolgt und ist überzeugt, dass Hunde das leisten und sie im Screening effizient eingesetzt werden können. „Diese Forschung sollte natürlich an den Universitäten bleiben.“ Der Umgang mit dem Virus stelle immer ein Risiko dar.

Versuchshündin Seven

Hunde erschnüffeln veränderten Stoffwechsel

Natürlich erschnüffeln die Hunde nicht das Virus an sich, das ist nicht möglich, Viren gehören strenggenommen nicht einmal zu den Lebewesen. Aber das, was SARS-CoV-2 in Lebewesen anrichtet, schlägt sich in Schweiß, Urin, Speichel und Geruch nieder. Und genau bei diesen Stoffwechselveränderungen reagiert die Hundenase.
„Alle zehn Jahre gibt es ganz neue Einsatzmöglichkeiten des Hundes“, berichtet der Gebhardshainer Zoologe Dr. Frank Wörner (Gesellschaft für Haustierforschung). Der Wolf- und Hundeexperte, Mitorganisator des jährlich stattfindenden Hundesymposiums in Wissen, berichtet von Suchhunden, die in Schweden Schimmelpilze an Telegraphenmasten erschnuppern. Mit dem punktgenauen Selektieren der im Erdreich vom Pilz befallenen Masten spart der Staat jedes Jahr Millionen. „Eine aktuelle Studie zeigt, dass Hunde mit hoher Sensitivität Proben erkennen, die während eines epileptischen Anfalls eines Menschen gewonnen wurden“, zeigt der Zoologe auf. Auch sie könnten Betroffene als tierisches Frühwarnsystem nutzen.

„Uns fehlt da ein bisschen der politische Wille“

Zurück nach Hannover: Dort hofft man, dass die Ergebnisse endlich in einen Feldversuch münden. Nach nur einer Woche Training – „alles mit positiver Bestärkung“, wie Friederike Twele versichert – erreichten die Tiere eine mittlere Detektionsrate von 94 Prozent.

Schaut man sich um, zeigt sich, dass andere Länder weiter sind, zum Beispiel Finnland, wo „Corona-Hunde“ am Flughafen in Helsinki Erkrankte erkennen können. Ebenso in Dubai und in den USA. Prof. Dr. Volker Holk, der Leiter der Klinik für Kleintiere der TiHo, könnte sich den Hund als zusätzliche Testmethode gut vorstellen, etwa bei Massenveranstaltungen. Als tierischer Vertreter im Zusammenspiel mit Antigen-Schnelltests und PCR-Testverfahren wäre der Corona-Hund eigentlich perfekt. Mit Bordmitteln ließe sich das natürlich nicht stemmen. Die Regierung ist gefragt. „Uns fehlt da ein bisschen der politische Wille“, bedauerte Dr. Twele abschließend.

Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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