Ein neues Leben auf zwei Beinen

 Der Rollstuhl ist auf dem Autodach immer dabei, aber Ralph Werthebach nutzt ihn nur noch sporadisch. Dank der Orthese steht er wieder fest auf seinen Beinen – nur lange Wegstrecken legt er lieber auf zwei Rädern zurück. Fotos: ihm   Welch ein komplizierter Vorgang das Treppensteigen ist, merkt man erst, wenn die Beine nicht mehr gehorchen. Ralph Werthebach braucht den Treppenlift nicht mehr – dank seiner maßgefertigten Orthese.
  • Der Rollstuhl ist auf dem Autodach immer dabei, aber Ralph Werthebach nutzt ihn nur noch sporadisch. Dank der Orthese steht er wieder fest auf seinen Beinen – nur lange Wegstrecken legt er lieber auf zwei Rädern zurück. Fotos: ihm Welch ein komplizierter Vorgang das Treppensteigen ist, merkt man erst, wenn die Beine nicht mehr gehorchen. Ralph Werthebach braucht den Treppenlift nicht mehr – dank seiner maßgefertigten Orthese.
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ihm - Die Leidensgeschichte des Ralph Werthebach ist lang. Jahrelang. Der Fliesenlegermeister verunglückte 2012 auf einer Kundentreppe. Eigentlich eine Allerweltsverletzung: Patellasehne und Kreuzband kamen zu Schaden. Es folgten Operationen, Krankenhausaufenthalte, Rehabehandlungen. Die Schmerzen wurden schlimmer statt besser, ein Bandscheibenvorfall kam hinzu, weitere Operationen folgten. Ergebnis nach der letzten Reha: Das rechte Bein blieb gelähmt, Ralph Werthebach saß im Rollstuhl. Gehversuche scheiterten, Hüfte und Knie knickten weg, der rechte Fuß bewegte sich trotz aller Anstrengung nicht nach vorn.

Ein Desaster für Ralph Werthebach, der den alteingesessenen Fliesenlegerbetrieb Werthebach mit Fachgeschäft in Dreis-Tiefenbach führt. Baustellenbesichtigung im Rollstuhl? Möglich, aber schwierig. Kundengespräche auf Augenhöhe? Vorbei. „Ohne meine Familie und die Mitarbeiter hätte ich das nicht geschafft“, sagt der 43-Jährige. Mutter Rita, seit jeher die gute Seele des Betriebs, sprang während der langen Krankheitsphasen im Büro ein. Die Brüder Uwe und Dirk, als Steinmetzmeister im Schwesterbetrieb Länge tätig, halfen, wo sie konnten. Vor einem Jahr stellte Ralph Werthebach einen Fliesenlegermeister ein, der dem Chef nun vieles abnehmen kann. Aber Ralph Werthebach dachte nicht daran, sich mit einer Zukunft im Rollstuhl abzufinden. „Ich bin ein Kämpfer, aufgeben kommt für mich nicht in Frage.“ Mit seiner Frau fuhr er auf die Fachmesse Rehacare in Düsseldorf. Das inzwischen auf Handbetrieb umgebaute Auto sollte mit einem Rollstuhllift und einer Dachgepäckbox ausgerüstet werden, damit Ralph Werthebach seinen Rollstuhl ohne Hilfe auspacken und auch wieder auf das Autodach verfrachten kann.

Aber die Fachmesse bot mehr: Ralph Werthebach entdeckte einen Stand die Orthopädiefirma Rahm, die Orthesen für Gehbehinderte der Firma Otto Bock aus Duderstadt präsentierte. Orthesen sind medizinische Hilfsmittel, die zur Stabilisierung, Entlastung, Ruhigstellung, Führung oder Korrektur von Gliedmaßen oder des Rumpfes eingesetzt werden. Das Wort kommt aus dem Griechischen: „Ortho“ bedeutet „aufrecht“.

Nach umfangreichen Vermessungen kamen die Orthopädietechniker zu dem Ergebnis, dass eine Orthese der neuesten Generation für Ralph Werthebach tatsächlich den Abschied vom Rollstuhl bringen könnte. Er bekam eine Testorthese um das gelähmte Bein geschnallt. Und das Wunder geschah: Ralph Werthebach konnte selbstständig aus dem Rollstuhl aufstehen, aufrecht stehen, die Schwungphase des kranken Beins auslösen, sich hinsetzen (statt sich wie sonst in den Sitz fallen zu lassen) und sogar im Gehbarren gehen und dabei das Knie beugen. Wie brachte die Orthese den gelähmten Mann wieder auf die Beine? Alles eine Frage der Technik. Ralph Werthebachs inzwischen maßgefertigte Orthese umschließt das rechte Bein vom Oberschenkel bis zum Knöchel mit drei Gurten. An der Oberschenkelseite ist die Technikeinheit in einer schwarzen Tasche verborgen. Rita Werthebach amüsiert sich darüber, wenn die Kunden sagen: „Ach Herr Werthebach, Sie haben ja Ihr Werkzeug schon dabei!“

So falsch ist der Eindruck nicht, denn der Mikroprozessor in der Tasche ist in der Tat das Werkzeug, das das Bein des Gelähmten steuert. Im Schuh befindet das Fußteil, das mit Drucksensoren versehen ist. Durch Druck löst Ralph Werthebach die Gehbewegung aus. Der zweite Sensor in Kniehöhe misst die aktuelle Position des Gelenks und die Geschwindigkeit der Bewegungen.

Ralph Werthebach hat viel geübt mit seiner Orthese. Die Programmierung ist zugeschnitten auf die jeweils individuellen Voraussetzungen. Seit wenigen Wochen hat der Dreis-Tiefenbacher seine Hightech-Orthese zu Hause. Er trägt sie über der Jeans, das Fußteil steckt in den Sneakers. Vom Büro ins Besprechungszimmer sind es nur ein paar Schritte. Er setzt sie mit leichter Verzögerung, aber gleichmäßig. Später auf der Treppe muss er sich konzentrieren, aber dann geht es Stufe für Stufe hinunter – auch beim gelähmten Bein beugt sich das Knie. Draußen auf dem Bürgersteig sieht das Gehen flüssig, beinahe mühelos aus. Nicht allzu schnell, aber gleichmäßig setzt Ralph Werthebach seine Füße auf den Asphalt. Und er strahlt dabei: „Mir ist ein neues Leben geschenkt worden!“

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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