Ein verhaltener Aufbruch

Bis zum 7. Juni zeigt Gabriele Irle in der Art Galerie Siegen sehr persönliche Arbeiten – Tusche-Zeichnungen und Monotypien. Foto: ciu
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ciu Siegen. Die Begegnung ist flüchtig, zeitlich begrenzt, beinahe beliebig und doch ist sie tief. Da stellt sich ein Mensch dem anderen vor, der ihn sieht, ansieht und dann weitersieht. Tiefer, aber nicht in den anderen hinein, sondern ins eigene Innere. Ein Blick, eine Bewegung, die Art sich zu geben, löst etwas aus. Eine Assoziation, ein Gefühl, die Erinnerung. Wenn das geschieht, bricht sich Empfundenes Bahn. Plötzlich, gelegentlich ungestüm, spontan, aber nicht ungeordnet. Mit beiden Händen, links braune Tusche, rechts helle Pastellkreide, entsteht in Windeseile auf dem Papier ein Porträt. „Ich arbeite diese Emotion dann ab“, sagt Gabriele Irle. Die in Niederschelden aufgewachsene, heute bei München lebende Künstlerin zeigt seit Freitag (und bis zum 7. Juni) in der Art Galerie Siegen „Anonyme Begegnungen“, ungewöhnliche Porträts und Körperstudien, durchweg 2008/09 geschaffen, in denen sich das, was Gabriele Irle in oder an ihren Modellen wahrnimmt, und das, was eben das mit ihr selbst macht, spiegelt. So erzeugt die vordergründige Anonymität ganz viel Nähe – die zu spüren ist.

Ein Beispiel: die Frau mit dem Faltenrock. Eine Fremde. Doch deren Kleidung, der Knoten im Haar, dieses absolut korrekte Auftreten ruft bei Gabriele Irle ein anderes Bild hervor. Das der Oma, einer energiegeladenen Frau, die sich nicht hat unterkriegen lassen vom Leben, die – sicher auch durch manche Verluste – im Spiel nicht verlieren mochte. Auf dem Papier hat sie einen Würfel in der Hand. Mit der Fünf darauf, einer ziemlich guten Zahl! Ein anderes Beispiel: dieser „Vater-Mann“, wie Gabriele Irle sagt. Groß und stark, das Bildformat sprengend, für einen Moment von der Arbeit ruhend, auf sein Werkzeug (eine Schaufel, eine Hacke, einen schweren Besen?) gestützt, den Blick nach innen gerichtet, nachdenklich, vielleicht auch besorgt. Etwas scheint ihn zu drücken, denn Blick und Haltung weisen nach unten. Aber nur für den Augenblick; gleich wird er fortsetzen, was er begonnen hat. Eine verlässliche Figur, ein sehr persönliches (aber nicht konkretes!) Vater-Bild. Auch hier hat ein Modell in der Künstlerin etwas bewegt. Aus einer „Auslösersituation“ entstand eine konstrastreiche Zeichnung, in der das Dunkle der Tusche und das Leichte der Kreide der Form eine zusätzliche Dimension gibt.

Neben den Tusche-Kreide-Arbeiten zeigt Gabriele Irle in der Art Galerie eine Auswahl von Monotypien. Zu sehen sind Menschen, allein oder zu zweien, oft in (ab-)wartender Haltung, in der meist verhaltener Aufbruch keimt. Spannend, dass „auf die Schnelle“ Bilder von großer Ruhe entstanden sind!

Gabriele Irle hat nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Universität Siegen 2001 promoviert, in den Jahren 2002 bis 2006 regelmäßig die Europäische Kunstakademie in Trier besucht und 2007/08 am Pacific Northwest College of Art in Portland (USA) Kunst studiert. „Anonyme Begegnungen“ ist ihre erste Einzelausstellung.

Die Art Galerie Siegen zeigt parallel zu Gabriele Irles Arbeiten eine Werk-Auswahl von Kristian Kosch, gleichfalls abstrahierte Porträts, allerdings im Format recht groß und in der Darstellung expressiv farbig. Kristian Kosch wurde jüngst mit dem Kunstförderpreis des Kunstvereins Siegen ausgezeichnet.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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