Einander verwandte Seelen

Der Bach-Chor Siegen eröffnete das Mozart-Festival

ciu Weidenau. Mozart hat ihn gekannt, diesen vielstimmigen Aufruf zum Gotteslob, in dem sich die unterschiedlichsten stimmlichen Führungen zu einem vollkommenen Ganzen fügen: Johann Sebastian Bachs (1685–1750) beinahe spektakulär zu nennende Motette »Singet dem Herrn ein neues Lied« (BWV 225). Bei einem Besuch in Leipzig sah Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) die Partitur dieses kompositorischen Meisterwerks, hörte die Musik, war tief beeindruckt – und geriet in der Zeit danach in eine leichte Schaffenskrise. Mozarts »Begegnung« mit Bach (diese Leipziger Erfahrung war nicht die einzige, denn natürlich spielte Mozart regelmäßig Bach – und Händel auch) blieb nicht folgenlos; sie spiegelt sich in seinen Werken wider. Auch und vor allem in der (unvollendet gebliebenen) Großen Messe in c-Moll KV 427.

Mozart und Bach, die Große Messe und die »Singet«-Motette stellten Bach-Chor und -Orchester Siegen am Samstag in der Haardter Kirche nebeneinander. Wie verwandte Seelen, die in ihrer Verschiedenartigkeit doch ohne einander kaum sein können. KMD Ulrich Stötzel gab zu Beginn dieses Konzerts, das das Siegener Mozart-Festival feierlich eröffnete, eine knappe, hilfreiche Einführung in das Thema »Mozart meets Bach« und weckte die Lust, sich von der genialen Inspiration anstecken zu lassen.

Zunächst also Bach, dessen Motette das Collegium vocale mit sehr frischem Schwung sang. Allein der Choral »Wie sich ein Vater«, verschränkt mit dem ariosen »Gott, nimm dich ferner an«, wirkte wie ein ruhender Pol in diesem prächtigen Lobgesang, bewegte sich gleichwohl fernab aller satten Schwere. Alles ist leicht in diesem Stück, alles weist himmelwärts.

Eine Blickrichtung, die Mozarts Große Messe c-Moll beibehält. »Osanna in excelsis« jubelt der nun große Bach-Chor und das um Pauke und Trompeten und weiterem Instrumentarium ergänzte Orchester dem Herrn in der Höhe zu, und auch das glaubensgewisse »Credo« trägt durchaus Bach’sche Züge. Und doch ist dieses Werk zweifellos vor allem Mozart – es schöpft aus dem gesamten stilistischen Fundus seiner Zeit, gibt Pracht und Seele Raum. Zum Beispiel in der klanglichen Fülle des »Kyrie« oder in der sehr kurzen, aber umso intensiver leuchtenden Chorpassage »Jesu Christe«. Oder in der von Mezzosopranistin Alison Browner wunderschön interpretierten Arie »Laudamus te«, die die Herrlichkeit Gottes so herrlich besang. Zweifellos war das einer der ganz besonderen Momente in diesem Konzert. Ähnliches gilt für Sabine Szameits virtuoses Sopransolo »Et incarnatus est«. Diese Musik – sehr reduziert instrumentiert und mit starkem Akzent auf der Flöte – wirkte friedvoll, still und rein.

Immer bestimmt der Inhalt die Form und die Form des Ausdrucks. So scheint der Chor fast schamhaft zu verstummen, als er angesichts der schweren Sünden der Welt (»peccata mundi«) um Erbarmen fleht. Wissend, dass der Mensch auf den gnädigen Gott angewiesen ist, und zugleich glaubend, dass es Hoffnung gibt. Weshalb am Ende ein »Hosianna« stehen kann, das Gotteslob aus dem Mund des Einzelnen (hier: des Solistenquartetts der beiden Sängerinnen sowie Tenor Nicolaus Borchert und Bass Achim Rück) und der Gemeinde (hier: des großen Chores). Diese musizierte Freude am Herrn steckte an: Das Publikum in der gut besuchten Kirche applaudierte dankbar und lange – und nahmen das »Osanna in excelsis«, noch einmal zugegeben, mit auf den Weg.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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