Eine Art aktiver Dialog der Elemente

Rot war seine Lieblingsfarbe: Rupprecht Geigers Arbeit „OE 299/ 59“ weist zwei große Farbräume – einer violett-schwarz, einer rot – auf. Das Werk aus dem Jahr 1959 ist das „Kunstwerk des Monats“ im Museum für Gegenwartskunst. Foto: Museum
  • Rot war seine Lieblingsfarbe: Rupprecht Geigers Arbeit „OE 299/ 59“ weist zwei große Farbräume – einer violett-schwarz, einer rot – auf. Das Werk aus dem Jahr 1959 ist das „Kunstwerk des Monats“ im Museum für Gegenwartskunst. Foto: Museum
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sz Siegen. „OE 299/59“ lautet ganz sachlich der Titel des intensiv farbigen, ungegenständlichen Ölgemäldes aus der Siegener Privatsammlung Lambrecht-Schadeberg, das das Museum für Gegenwartskunst als „Kunstwerk des Monats“ vorstellt. Gemalt wurde es 1959 von dem Münchner Maler und Architekten Rupprecht Geiger, der Ende vergangenen Jahres im hohen Alter von 101 Jahren verstarb und der zu den Hauptvertretern einer abstrakten Farbmalerei in Deutschland gehört.

Aufgrund seines konsequenten Umgangs mit dem Thema und Medium „Farbe“ nimmt der Künstler eine herausgehobene Position innerhalb der Geschichte der Kunst ein. Die Farbe Rot wurde zu Geigers bevorzugtem Untersuchungsgegenstand, seine leuchtenden, pink-roten Gemälde zu seinem künstlerischen Markenzeichen. Rot bedeute für Geiger Energie, Liebe, Wärme und Kraft. Seine von allen Gegenstandsassoziationen befreiten Farbgemälde lassen die Betrachter einen Farbraum visuell erfahren.

Zwei große Farbräume unterschiedlichsten Charakters nimmt das Auge bei der Betrachtung von „OE 299/59“ wahr. Der größte Farbraum wird gebildet von einer violett-schwarzen Farbfläche, er macht mehr als die obere Hälfte des gesamten, annähernd quadratischen Bildformates aus. Ihre insgesamt leicht bogenförmige Begrenzung weist unten links eine kleine Abtreppung auf. Darunter, lediglich unterbrochen von einer horizontal gelagerten, schmalen weißen Keilform, die am rechten Bildrand ansetzt und nach links zur schwarzen Abtreppung hin ausläuft, folgt der Rot-Raum der unteren Bildzone. Räumlichkeit entsteht durch feinste Farbmodulationen innerhalb der beiden großen Farbflächen: In einer stufenlosen Entwicklung durchläuft die obere Farbform von oben nach unten ein Spektrum von tiefem Rotviolett bis hin zu gesättigtem Tiefschwarz.

Die untere Farbform ist von einem kühleren, dunkleren Rot-Ton hin zu einem warmen, helleren Rot-Ton moduliert. Dort, wo die Farbformen aufeinandertreffen, versammeln sich auf engstem Raum eine Vielzahl an Farb- und Formereignissen: Während die weiße Keilform nach oben hin zur Schwarzzone exakt abgegrenzt ist, wird ihr unterer Rand von Farbspritzern gestaltet, das Rot zerfranst und endet weich vor dem harten Weiß. Wenige schwarze Farbspritzer bilden einen zusätzlichen Akzent.

Auch umspielen alle Formen jeweils die Mitte: Die beiden Farbfelder teilen das Bild nicht horizontal in zwei gleiche Hälften, sondern sie übergehen die Mitte, so dass der obere, dunkle Teil zusätzlich schwerer wirkt. Gleichfalls wird die Mittelachse übergangen. Die Spitze des weißen Keils und die schwarze Ecke sind vom Zentrum verschoben. Damit entsteht eine Spannung im Bild, eine Art aktiver Dialog der Elemente. „OE 299/59“ gehört noch zum Frühwerk Rupprecht Geigers, es steht zwischen den teils noch gegenständlichen, teils bereits abstrakten, an Landschaftsbilder erinnernden Gemälden der späten 1940er Jahre und den monochromen Werken seines Hauptwerkes ab den 1960er Jahren. Was die Farbe betrifft, so arbeitete Geiger in den 50er Jahren mit zwei bis drei Farben. Variationen innerhalb einer Farbfläche, die durch Farbverläufe, Tönungen, Rhythmisierungen oder Oberflächenstrukturen erreicht werden können, finden sich auch in dem hier vorgestellten Bild.Der Bildtitel entspricht der Nummerierung, die der Künstler für seine Arbeiten vorsah. Geiger versah sie pragmatisch mit Buchstaben und Zahlen. Die Buchstaben OE beziehen sich auf die Bildtechnik und stehen für „Ölgemälde“, die Zahlen 299/59 bezeichnen die chronologische Bildeinordnung und das Entstehungsjahr, also 299. Ölgemälde, entstanden 1959.Rupprecht Geiger wurde 1908 in München geboren. Nach einer Ausbildung zum Architekten und seinem Wehrdienst als Kriegsmaler wandte er sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ganz der Malerei zu. Er schloss sich mit Künstlerkollegen wie Willi Baumeister und Fritz Winter zusammen und gründete 1949 in München die Gruppe „Zen 49“ mit dem Ziel, der ungegenständlichen Malerei in Deutschland zum Durchbruch zu verhelfen.Geiger nahm an zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland teil. Im gleichen Jahr der Entstehung von OE 299/ 59“ nahm er als ein nationaler Hauptvertreter der abstrakten Kunstrichtung an der ersten documenta in Kassel teil. 1964, 1968 und 1977 war er erneut auf der wichtigsten Kunstausstellung zeitgenössischer Kunst vertreten. 1992 erhielt er mit dem Siegener Rubenspreis eine der renommiertesten nationalen Auszeichnungen für sein Lebenswerk.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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