SZ

Depression in der Pandemie
Eine Betroffene im Gespräch mit der SZ

Graue Novembertage, graue Gedanken. Wenn Winterdepression und Corona-Blues aufeinandertreffen, kann das schnell an der mentalen Gesundheit kratzen. Vor
allem bei Menschen mit Vorerkrankungen verstärkt
Corona das Leiden scharf.
  • Graue Novembertage, graue Gedanken. Wenn Winterdepression und Corona-Blues aufeinandertreffen, kann das schnell an der mentalen Gesundheit kratzen. Vor
    allem bei Menschen mit Vorerkrankungen verstärkt
    Corona das Leiden scharf.
  • Foto: sabe
  • hochgeladen von Katja Fünfsinn (Redakteurin)

sabe Siegen. 30 Prozent mehr psychische Erkrankungen im Vergleich zum Vorjahr im Kreis Siegen-Wittgenstein. Zahlen rauschen in ihrer Nüchternheit oft so eindruckslos an uns vorbei. Was aber ist mit den Geschichten hinter der Statistik?Laura F. (Name von der Redaktion geändert), 27, Studentin an der Uni Siegen, hat ihre der SZ erzählt. Das kostet sie Überwindung, man sieht es ihr an. Aus der Anonymität heraus traut sie sich noch nicht. „Obwohl das eigentlich Quatsch ist, ich weiß.“ Eigentlich, sagt sie, wolle sie sich nicht dafür schämen, dass sie „durchhängt“, an manchen Tagen nicht einmal die Waschmaschine angestellt bekommt. Wie, fragt sie, könne sie Gesicht zeigen in einer Gesellschaft, die überwiegend über Leistung funktioniere. „Gerade fühle ich mich einfach nur down.

sabe Siegen. 30 Prozent mehr psychische Erkrankungen im Vergleich zum Vorjahr im Kreis Siegen-Wittgenstein. Zahlen rauschen in ihrer Nüchternheit oft so eindruckslos an uns vorbei. Was aber ist mit den Geschichten hinter der Statistik?Laura F. (Name von der Redaktion geändert), 27, Studentin an der Uni Siegen, hat ihre der SZ erzählt. Das kostet sie Überwindung, man sieht es ihr an. Aus der Anonymität heraus traut sie sich noch nicht. „Obwohl das eigentlich Quatsch ist, ich weiß.“ Eigentlich, sagt sie, wolle sie sich nicht dafür schämen, dass sie „durchhängt“, an manchen Tagen nicht einmal die Waschmaschine angestellt bekommt. Wie, fragt sie, könne sie Gesicht zeigen in einer Gesellschaft, die überwiegend über Leistung funktioniere. „Gerade fühle ich mich einfach nur down. Und davon dann wieder gestresst.“
Jetzt, im November, da sei es nichts ungewöhnliches, dass sie mal eine „depressive Phase“ habe. Aber: „Ich bin da bisher immer wieder rausgekommen.“ Schillernde Hochphasen, dunkelgraue Tiefphasen, dieser Verlauf ist ihr nicht fremd.

Wendepunkt mit Anfang 20

Zu ihrer Jugendzeit gehört ein mehrwöchiger Aufenthalt in einer Klinik. „Magersucht“, sagt sie. Dann der Wendepunkt mit Anfang 20. Sie fängt an, in Siegen zu studieren. Sie liebt die Uni – den Umgang, das „leichte Leben, die vielen Kontakte, jeden Tag Neues lernen.“ Die ehemalige Bielefelderin lebt sich blendend ein. „Irgendwie wurde das hier wie eine richtige Heimat für mich. Nicht zu groß, nicht zu klein. Die Natur direkt nebenan. Ich liebe meine kleine Dachgeschosswohnung.“ Auch das Studium läuft gut. Ihren Bachelor in Medienwissenschaften macht sie mit 1,8. Den Master hängt sie gleich dran.
2019 sei ein Jahr gewesen, das sie zu sich selbst gebracht habe. Daran habe sich auch 2020 nicht viel geändert – zumindest in den Anfängen. „Ich habe mich mental so fit gefühlt, den ersten Lockdown wirklich gut überstanden.“ Im Sommer, sagt sie, habe sie sogar ihre Tabletten ausschleichen können. „Das waren eh nur noch ganz leichte Stimmungsaufheller.“

Mit dem zweiten Lockdown kommt der Rückfall

Mit dem zweiten Lockdown und der Novemberdunkelheit kommt der Rückfall. „Irgendwie fühlt es sich gerade so an, als sei die Hoffnung aufgebraucht.“ Lange Zeit habe sie es geschafft, sich immer wieder zum Durchhalten zu überreden. Dann fiel der Job in der Gastro weg, danach der Präsenzunterricht in der Uni. Ihren Freund kann Laura nur am Wochenende treffen – „Fernbeziehung.“ Die Familie in Bielefeld sieht sie momentan gar nicht. „Mein Vater ist Risikopatient, das ist mir zu heikel.“ Die soziale Interaktion also auf null gesetzt, die Tage gleichförmig, ermüdend. „Wofür aufstehen und fertig machen? Für eine Zoom-Vorlesung oder die Menschen, die ich mal wieder nicht treffen kann?“Auf Lauras Vorgeschichte setzen sich Isolation und Existenzangst. Mit dem Winter kommen noch Kälte und Dunkelheit dazu. „Ich habe gerade das Gefühl, einfach nicht mehr klarzukommen. Ich schlafe keine Nacht durch.“ Die einfachsten Dinge gingen ihr nicht mehr von der Hand „Aufstehen, Frühstücken, Zähneputzen...“. Durch den psychischen Stress entwickelt Laura gesundheitliche Probleme, „Jeden Tag Bauchschmerzen, weil ich denke ,ich muss doch funktionieren. Wieso kriegen andere das gerade hin?’“

Psychologe aus der Heimat hilft

An einem Tag, an dem sie mal wieder in ihren sonst so geliebten und jetzt so gehassten kleinen vier Wänden – „mir kommts vor wie in einer Gummizelle“ – nicht mehr vollbracht hat, „als von der Küche zum Bett und wieder zurückzuschlurfen“, habe ihr Vater via „FaceTime“ angerufen. „Das hat er das erste Mal ausprobiert. Er wollte unbedingt mein Gesicht sehen“, sagt Laura F. und lächelt. In seinen Zügen habe sie dann aber gesehen, wie erschrocken er geschaut habe. „Laura, gehts dir gut?“, so habe er „richtig erschüttert“ gefragt. Und obwohl sich ein „Ja, sicher, alles okay!“ schon aufgedrängt hatte, habe irgendetwas in ihr sie zur Ehrlichkeit gezwungen. „,Ganz und gar nicht’, habe ich dann geantwortet.“ Das sei der erste Schritt zur Einsicht gewesen – und zur Akzeptanz. Noch am selben Tag habe sie ihren Psychologen aus der Heimat angerufen. „Er kennt mich gut, hat mich aus meiner Blase herausgeholt.“ Vielen Menschen ginge es gerade wie ihr, habe er ihr gesagt. „Du kommst da auch dieses Mal wieder raus.“ Jetzt telefoniert sie zwei mal pro Woche mit ihm.

Techniken und Tricks, die helfen

Ausgangsbeschränkungen, Abstandsregeln, Studieren von zu Hause – dass das irgendwann wieder verschwinden wird und auch der Winter nicht für immer bleibt, habe an manchen Tagen mehr, an manchen weniger Platz in ihrem Kopf. „Jeder von uns hat ja gerade eine Liste mit Faktoren im Kopf, die stressen. Die einen mehr, die anderen weniger.“ Es gebe ein paar Techniken, ein paar Tricks, sich selbst runter zu bringen. „Die helfen schon ganz gut.“ Ihre Medikamente nimmt sie gerade trotzdem wieder. „Letztendlich ist es ja nur ein Ungleichgewicht an Neurotransmittern und Botenstoffen, rede ich mir dann selbst ein – und manchmal hilft das.“

Tagesstruktur das A und O
Autor:

Sarah Benscheidt (Redakteurin) aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

5 folgen diesem Profil
Themenwelten
Die Siegener Zeitung begrüßt den Lenz mit einem Sonder-Abo: Sparen Sie drei Monate lang mit unserem Frühlings-Abo.

SZ+ informiert schnell und gut
Mit dem Frühlings-Abo drei Monate sparen

Der Frühling hat - kalendarisch- begonnen und die Siegener Zeitung begrüßt den Lenz mit einem Sonder-Abo: Sparen Sie drei Monate lang mit unserem Frühlings-Abo. Verlässliche Informationen trotz unruhiger Corona-LageIn diesem einmal mehr besonderen Jahr sehnen sich viele Menschen noch mehr nach den ersten Frühlingsboten. Ist doch mit den steigenden Temperaturen, den kräftiger werdenden Sonnenstrahlen und dem Aufblühen der Natur im zweiten Jahr der Corona-Pandemie noch mehr Hoffnung verbunden als...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen