Eine „erstaunliche Gnade“

  Der in Eiserfeld beheimatete Projektchor Lebenszeichen führte im Gläser-Saal gemeinsam mit Streichern, Bläsern und Band das Stück „Amazing Grace“ auf. Im Bild: Johns große Liebe Polly (Verena Hucke). Foto: ba
  •  Der in Eiserfeld beheimatete Projektchor Lebenszeichen führte im Gläser-Saal gemeinsam mit Streichern, Bläsern und Band das Stück „Amazing Grace“ auf. Im Bild: Johns große Liebe Polly (Verena Hucke). Foto: ba
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ba - Eine Reise in vergangene Zeiten, eine Reise über stürmische Meere, eine Reise durch ein bewegtes und bewegendes Leben, das die „erstaunliche Gnade“ Gottes entdeckt – das alles konnte der Zuschauer am Sonntagabend auf beeindruckende Weise im ausverkauften Leonhard-Gläser-Saal in Siegen erleben. Denn der Projektchor Lebenszeichen erzählte, unterstützt von Solisten, Band, Bläsern, Streichern und Video-Einspielern, unter der musikalischen Gesamtleitung von Michael Utsch mit dem Chormusical „Amazing Grace“ die Geschichte vom Seefahrer John Newton, der als Kapitän Sklavenschiffe steuerte, dann den Weg zu Gott fand, später als Pfarrer die Abschaffung des Sklavenhandels massiv vorantrieb und mit „Amazing Grace“ der Nachwelt den heute wohl bekanntesten Gospelsong der Welt schenkte.

Eine faszinierende Geschichte, die vom norwegischen Komponisten und Arrangeur Tore W. Aas und dem für Drehbuch und Text verantwortlichen Autor Andreas Malessa, der es sich nicht hatte nehmen lassen, die Siegener Vorstellung zu besuchen, mitreißend umgesetzt wurde. Denn der Zuschauer wird förmlich in die Geschichte hineingezogen. Er leidet mit, wenn der kleine John (Dominik Lohse), der mit glasklarer Stimme „Papa ist nicht da“ singt und in inniger Zweisamkeit mit seiner geliebten Mutter (Tanja Fresen) betet, nach deren Tod von der Stiefmutter ins Internat verbannt und anschließend als Schiffsjunge „entsorgt“ wird. Wenn er durch ein unvorhergesehenes Wiedersehen mit seiner hübschen Cousine Polly (Verena Hucke) sein Ausbildungsschiff verpasst, da er „Liebe auf den ersten Blick“ empfindet und sich sicher ist: „Ich will morgen erst wissen, was ich heute verlor“ – nicht ahnend, was ihn durch die folgende Zwangsrekrutierung auf ein britisches Kriegsschiff tatsächlich erwartet.

Denn der Hass (Sonja Kring), die Angst (Laura Hoffmann) und später auch die Gleichgültigkeit (Ariane Fey) warten bereits als Dämonen darauf, von ihm Besitz zu ergreifen, so dass nach und nach aus dem unschuldigen Kind ein verwilderter Rohling wird. Gefühle, die auch heutzutage nicht fremd sind, die einen Bogen aus vergangenen Zeiten in die Gegenwart schlagen. So wird John Newton (Alex Haßler) vor weiteren Aufgaben des Sklavenhändlers (Moritz Hering) gerettet und übersteht durch die „erstaunliche Gnade“ Gottes immer wieder bedrohliche Situationen. Er überlebt nicht nur die Zeit der Verwahrlosung, sondern auch einen verheerenden Orkan, als er mit dem Schiff „Greyhound“ über den tobenden Ozean nach Hause fährt, bevor er sein Glück in der Liebe zu Polly findet.

Doch die Vergangenheit lässt sich nicht einfach abstreifen. „Nobody Knows The Trouble I’ve Seen“ drückt aus, wie sehr ihn die Erlebnisse berührt haben. Und immer noch will er seine Tüchtigkeit beweisen, führt drei Sklavenschiffe als Kapitän von Westafrika in die Karibik. Erschüttert vom Tod zahlreicher Sklaven auf den Überfahrten und bewegt von ihren Gesängen, wendet er sich anschließend endgültig vom Menschenhandel ab und wird nach einer unfreiwillig langen Zeit des Wartens Pfarrer. In dieser Position unterstützt er den hochbegabten, aber übersensiblen Musiker William Cowper, der sich in der Silvesternacht 1772/73 das Leben nehmen will, aber gerettet werden kann. Newton verfasst unter dem Einfluss dieses Geschehens die Worte, die als Gospelsong bis heute berühren. „Amazing Grace, how sweet the sound …“ Süße Klänge, die an diesem gelungenen Musicalabend durch schwungvolle Songs und emotionalen Gesang mit Gänsehautpotential ergänzt wurden. So überzeugten nicht nur die hervorragenden Darsteller-Solisten, sondern ebenso das solistisch besetzte Gospelquartett mit Tanja Weiß, Christine Neef, Julian Hoffmann und Rüdiger Czycholl sowie natürlich der Chor.

Und was braucht eine gelungene Geschichte zum Abschluss? Natürlich ein Happy End, das John Newton dadurch verwirklichte, dass er gemeinsam mit dem Politiker Wilberforce (Matthias Richter) zur Abschaffung der Sklaverei beitrug, das der Projektchor dadurch erreichte, dass nicht nur auf der Bühne fröhlich gesungen wurde, sondern auch das Publikum begeistert tobte, und das für das „Happy Home“ in Bangladesch, das sich für eine Kindheit ohne Sklaverei einsetzt, dadurch wahr wird, dass es sich über den Erlös eines begeisternden Konzerts freuen kann.

Und weil der Abend so schön war und Musik die Herzen bewegt, gibt es am 31. Januar 2016, 19 Uhr, ein Zusatzkonzert im Leonhard-Gläser-Saal in Siegen. Der Vorverkauf läuft, Tickets gibt es u. a. an der SZ-Konzertkasse, Tel. (02 71) 59 40-3 50.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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