Eine Sinfonie des Zorns

 Enoch Freiherr zu Guttenberg ist kein Freund des Glacéhandschuhs. Zurzeit trägt er Fehdehandschuh. Den warf er am Freitag den Befürwortern der Windkraftenergie vor die Füße. Foto: goeb
  • Enoch Freiherr zu Guttenberg ist kein Freund des Glacéhandschuhs. Zurzeit trägt er Fehdehandschuh. Den warf er am Freitag den Befürwortern der Windkraftenergie vor die Füße. Foto: goeb
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goeb - In Deutschland wird noch jeder ins Gefängnis oder in die Psychiatrie gesteckt, der in der Alten Pinakothek in München Salzsäure über ein Landschaftsbild von Albrecht Altdörfer gießt. Gewachsene Kulturlandschaften mit 200 Meter hohen Windkraftanlagen zu verheeren, das hingegen gilt als fortschrittlich und zeitgemäß. – Paradoxien wie diese gab es zuhauf am denkwürdigen Freitagabend in der vollbesetzten Mehrzweckhalle von Friesenhagen, als die BI Wildenburger Land  den mit viel Spannung erwarteten „zornigen alten Mann“ zu Wort kommen ließ: Enoch Freiherr zu Guttenberg.

Dem einstigen Mitbegründer des BUND und verlorenen Sohn (Austritt 2012 nach 37 Jahren), dessen aktuelles Führungspersonal er nun bekriegt wie eine auf frischer Tat ertappte Bande von Kriminellen, geht es auf der letzten Wegstrecke seines erfüllten Lebens nicht mehr um Rüffel, Rüge oder Anranzer, ihm geht es – daran ließ er nicht den Hauch eines Zweifels – um nichts weniger als den vernichtenden Schlag. Er versuchte in Friesenhagen mit geschliffener Rhetorik die BUND-Nomenklatura als „Hure der Windkraftindustrie“ zu diskreditieren, als gedungenen Vasall eines ökotechnokratisch-grünpolitischen Komplexes mit Sitz in Mainz und Stuttgart und Berlin. Dass es spitz auf knopf steht, zeigt auch der Umstand, dass er sich mit dem BUND-Vorsitzenden Dr. Hubert Weiger in den kommenden Wochen vor Gericht treffen wird. Es geht um Verleumdung und Unterlassung.

Groß zu beeindrucken scheint das den Musiker, Dirigenten und Schlossbesitzer allerdings nicht. Er ließ keinen Zweifel daran, dass er die Energiewende, wie sie sich augenblicklich darstellt, für einen Irrweg hält, der die Deutschen teuer zu stehen kommt – ökonomisch wie ökologisch. „Ich hätte mir nie träumen lassen, einmal gegen den von mir mitbegründeten Verein zu Felde ziehen zu müssen“, ließ er sein Publikum wissen. Und man nahm ihm das sogar ab, denn der Freiherr schien nach einer Art Güterabwägung zu diesem Schluss gekommen zu sein. Als Förderer der Windenergie hat der BUND für von Guttenberg jedenfalls jeden Kredit verloren.

Seine mit intensivem Gestus und Emphase vorgetragene Rede (man wähnte zeitweise einen Shakespeare-Mimen auf der Bühne) schlug einen weiten Bogen über die Wälder seiner Kindheit, die kühnen Unternehmungen der Mitkämpfer Bernhard Grzimek und Hubert Weinzierl zum Schutz der Naturparadiese bis in die Jetztzeit, für Guttenberg ein Horror-Zeitalter, wo die letzten natürlichen Landschaften auf dem Altar der Ökonomie geopfert werden. „Und kein Pfarrer, kein Bischof steht auf.“ Gemäß Guttenberg werden die „Erneuerbaren“ kein Jota zur Klimarettung beitragen. Vier Fünftel des Kohlendioxid-Ausstoßes im Land entstammten der Wärmegewinnung und der Mobilität, argumentierte er. „Die bleiben unangetastet.“ Windkraft und Sonnenenergie seien indes hochsubventionierte, steuerfinanzierte Ausgeburten des Zeitgeists, unrentierlich und ineffizient, dazu krankmachend für Mensch und Natur. Guttenberg: „Wer bestreitet, dass Windkraftanlagen Landschaften zerstören, ist entweder unintelligent, verlogen oder gekauft.“ Es dürfe in der Energiefrage keinen deutschen Sonderweg geben. Auch in den Genuss eines kleinen sprachtheoretischen Exkurses kamen die Gäste, als der Windkraftgegner Begriffe wie „Solar-Park“, „Öko-Strom“ oder „Ausgleichsmaßnahme“ sezierte und als Orwell’schen Neusprech zu entlarven trachtete. Die Namen der „ehrbaren Leute“ hatte er schnell bei der Hand. Verschont blieben weder Politiker wie Eveline Lemke, Jürgen Trittin oder Sigmar Gabriel noch die lokalen Nutznießer der „sogenannten Energiewende“.

Nachdem BI-Sprecher Udo Otterbach den aktuellen Planungsstand zur Windkraft im Wildenburger Land dargelegt hatte (18 WKA, davon zwölf im Raum Steeg, zwei in Friesenhagen und vier in Morsbach), nahm der Oberfranke das Haus Hatzfeldt ins Visier. Zwar sagte Guttenberg das nicht expressis verbis, aber er suggerierte zumindest, dass ein Jahr vor Bekanntwerden der Pläne von diesen Altholzbestände eingeschlagen und Horstbäume von Rotmilanen und Schwarzstörchen gefällt worden seien. Das habe er sogar in Bayern gehört. Eine große Familie des alten Europas mit solchem Eigentum habe eine Verpflichtung. „Auf schlechtem Weg verdientes Geld“, ätzte Baron Guttenberg in Richtung Schönstein, „wahrhaft windiges Geld also hat noch immer zurückgeschlagen.“ Das war der einzige Moment des Abends, an dem man ein, zwei Pfiffe hörte.

Guttenberg schloss seine Rede, mit den Tränen kämpfend, während sich das Publikum von den Stühlen erhob, mit Dichterworten von Botho Strauß über vergewaltigte und verlorene Landschaften und fragte: „Werden wir bald ins Museum gehen müssen, um schöne Landschaften zu betrachten?“ Andreas Goebel

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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