Eine Welt aus purer Farbe

„Marktschwaben“ und „Winterberge“ heißen diese beiden Bilder, die Galerist Wolfgang Weiss unter anderem in der Ausstellung „Joseph Loher – Expressiver Realismus“ zeigt.  Foto: gmz
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gmz Siegen. Die Äste des blaustämmigen Baumes scheinen förmlich in Grau und Violett zu explodieren. Das lilafarbene Dach des Gebäudes im Hintergrund wird in seiner gewagten, ursprünglich verstandenen Diskretion nur von dem knalligen Orange der Wand darunter übertroffen („Marktschwaben“). Der blau-gelbe Fensterrahmen scheint völlig losgelöst von der und in der Wand zu schweben, die sich in purer farblicher Anarchie, allerdings angelehnt an den Farbkreis, auflöst („Stube“). Die orange-gelbliche Kommode und der grün-blaue Rock der Lesenden passen genau in das Lehrbuchschema der Farbkontraste, sind auch ungeheuer stark und gewagt, aber sie harmonieren wunderbar („Lesende“).

Joseph Lohers Arbeiten werden mit dem Begriff des „expressiven Realismus“ des Marburger Kunsthistorikers Rainer Zimmermann treffend charakterisiert. Unter diesem Titel sind auch die Ölbilder und Kreidezeichnungen des Malers der „verschollenen Generation“ im Kunsthandel Wolfgang Weiss zu sehen, heute ab 19 Uhr.

Trotz dieser starken, expressiven Farben und dem oft raschen, sehr bewegten Pinselstrich („Mädchen“) sind die Bilder – Landschaften und Interieurs, Gesprächsszenen und Portraitszenen – durch große Ruhe und Ausgeglichenheit gekennzeichnet. Die farblich ebenso lebendige wie strenge Komposition trägt dazu bei: Sie ist klug durchdacht, der stringente Bezug der Farben aufeinander hält die frischen Farben trotz ihrer Sprengkraft zusammen, die ruhigen Anordnungen der Gegenstände tun ein Übriges, um den Zusammenhalt zu betonen.

Seine Motive fand Joseph Loher, der 1938 wegen „unbotmäßiger Äußerungen“ über die Reichsregierung und Hitler ins Visier der Gestapo geriet und einer Internierung in Dachau nur knapp entging, in seiner unmittelbaren Umgebung. Zusammen mit seiner Frau Gretel Loher-Schmeck, ebenfalls Künstlerin, deren Vater aus Siegen stammte, und dem kleinen Sohn Martin zog sich Joseph Loher 1940 aufs Land bei München zurück (Martin Loher wird auch bei der Eröffnung anwesend sein). Dort lebte die kleine Familie auf einem alten Hof, der große Garten und die Kleintierhaltung sorgten für den nötigsten Unterhalt. In dieser Welt hatte die Familie ein Refugium gefunden, wo sie unbehelligt leben konnte, aber gleichzeitig natürlich dem Kunstbetrieb und seiner Aufmerksamkeit entrückt war.

Dort malte Joseph Loher, oft nach Zeichnungen seiner Frau, das, was ihn umgab: Die Heumandln auf den Feldern, die Dorfstraße, die Berge (teils auch in Italien, wohin sie Reisen unternahmen), die Lesende in der Stube, die Unterhaltung der Menschen. Stille, zeitlose Motive. Motive, die durch ihre ungewöhnliche Umsetzung keine Spur von Weltfremdheit zeigen.In seiner früheren Schaffensphase sind Joseph Lohers Werke durch die konturenschaffenden Linien gekennzeichnet, in den späteren stehen die Konturierungen durch Farbflächen im Vordergrund. Obwohl die Motive sichtbar realistisch sind, verändert die ungewöhnliche Farbgebung die „normale“ Realität, schafft eine neue, die sich dem Betrachter ebenso entzieht wie sie zur Entdeckung einlädt!

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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