Mit dem „Paderborner“ nach Siegen / Erinnerungen an die 1950er und 1960er
Einkaufen „e d‘r Stadt“ war etwas Besonderes

An der Stadtmauer unterhalb des Unteren Schlosses konnte man bei Karl Beyer Obst, Gemüse und Delikatessen erwerben.
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  • An der Stadtmauer unterhalb des Unteren Schlosses konnte man bei Karl Beyer Obst, Gemüse und Delikatessen erwerben.
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sz - Ein Highlight des Einkaufs-Ausflugs: der Besuch im Café Harr.
sz Erndtebrück.Marianne Seelbach berichtete kürzlich an dieser Stelle über das Einkaufen in den 1950er- und 1960er-Jahren. Hier die Fortsetzung.
Zweimal im Jahr fuhren meine Mutter und ich nach Siegen zum Einkaufen, einmal im Frühjahr und einmal im Herbst. Mama zog den Sonntagsmantel an, setzte ihr Hütchen auf, nahm die große Ledertasche und ging mit mir zur Bushaltestelle an der Benfebrücke. Wir stiegen in den roten Bus, der auch „Paderborner“ genannt wurde, weil es damals noch eine durchgehende Verbindung von Paderborn nach Siegen gab. Die kurvenreiche Strecke zwischen Lützel und Afholderbach strapazierte meinen Magen heftig, aber es ist immer gutgegangen. An Henner und Frieder vorbei gingen wir in die Oberstadt. Durch die Bahnhofstraße und die Kölner Straße rollte damals noch der Verkehr, und Mama nahm mich anfangs fest an die Hand …
Wenn Mama neue Kleidung brauchte, gingen wir zu Esders in der Marburger Straße. Als Zugabe erhielt man beim „größeren „Einkauf einen soliden Kleiderbügel aus Holz mit dem Namen des Geschäfts. Noch heute gibt es Beweisstücke aus dieser Zeit in unserem Kleiderschrank.

Kinderparadies: Stoffgeschäft

Kleidung für mich nähte meine Mutter selbst, und so stand bei jeder Fahrt nach Siegen auch der Einkauf von Stoffen auf dem Programm. Ein Geschäft in der Löhrstraße bot davon eine reichliche Auswahl. Ich war jedes Mal fasziniert von der Fülle der Farben und Muster, und vor allem die Schublädchen mit den Knöpfen hatten es mir angetan. Meine Mutter kaufte immer reichlich Stoff, denn die Röcke und Kleider wurden auf „Zuwachs“ genäht: Sie erhielten einen breiten Saum, so dass man den Rock bei Bedarf verlängern konnte.
Ende der 60er-Jahre änderte sich das schlagartig. Der Minirock kam in Mode, und ich hatte alle paar Monate das Gefühl, dass meine Röcke und Kleider viel zu lang waren und dringend gekürzt werden müssten. Anfangs kam meine Mutter meinen Wünschen nach, aber dann hatte sie genug von den ständigen Änderungen, und ich musste meine Röcke selbst kürzen.
 Von den Stoffen blieb meistens etwas übrig. Als ich noch mit Puppen spielte, war ich stolz, wenn meine Puppe ein Kleid aus dem gleichen Stoff hatte wie ich. Auch die Puppenkleidung wurde zu Hause genäht und gestrickt, nur Schuhe und Strümpfe und Strampelhosen wurden gekauft. So gab es denn meistens auch einen Abstecher zu „Mehr am Markt“. Schon die Auslagen im Schaufenster waren beeindruckend, aber die Auswahl im Geschäft war überwältigend. Eine Kleinigkeit durfte ich mir aussuchen, größere Teile fand ich später unter dem Weihnachtsbaum. Wie war denn das zugegangen?

Highlight der Einkaufstour: Besuch im Café Harr

Auf dem Rückweg zum Bahnhof kamen wir am Café Harr vorbei. Wenn die Zeit reichte, aßen wir dort ein Stück Kuchen und tranken Kaffee und Kakao. Mit der vollen Ledertasche und mit sorgfältig in Karton gepackten oder in Packpapier gewickelten und mit Kordel verschnürten und mit Tragegriffen aus Draht und Holz versehenen größeren Teilen an der Hand stiegen wir wieder in den roten Bus und fuhren müde und zufrieden nach Hause.
Erste Erfahrungen mit dem Versandhandel machten wir Ende der 50er-Jahre. Meine Tante hatte sich von einem der großen Versandhäuser einen Katalog kommen lassen. Wir waren beeindruckt von dem Warenangebot und bewunderten den Chic der Damenbekleidung. Doch meine Mutter war skeptisch: Ob das auch wirklich alles so war, wie die Bilder zeigten? Da konnte man die Qualität der Stoffe doch nicht prüfen. Und ob die bestellte Größe passen würde, wusste man auch nicht. Wir wagten einen Versuch,von dem nur ein blau-weißes Teeservice aus Porzellan für meine Puppen geblieben ist. Im Setzkasten ist es heute ein hübscher Blickfang in unserer Küche.

An der Stadtmauer unterhalb des Unteren Schlosses konnte man bei Karl Beyer Obst, Gemüse und Delikatessen erwerben.
In den 1960ern ging noch viel „über die Ladentheke“. Selbstbedienungsmärkte setzten sich erst später durch.
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