„Einmal spiel ich’s noch!“

Isabella Leicht („Die kleine Hexe“) spielte das kunstseidene Mädchen im Apollino – mit ganz viel Glanz! Foto: ciu
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ciu Siegen. Sie will ein Glanz sein und ist ein Abglanz nur, will hoch hinaus und fällt tief, träumt von kostbaren Kleidern und bleibt ein „kunstseidenes Mädchen“. Doris. Ihr Glück ist immer nur von kurzer Dauer. Flüchtig, zerbrechlich. Aber warum nur? Vielleicht, weil sie zu spät merkt, dass ein Mann als Mittel zum Zweck letztlich nicht taugt – und dass sie oft genug für „ihre“ Männer ein Mittel zum Zweck ist: die kleine Geliebte, ein schmuckes Stück an seiner Seite, ein bisschen Licht im Finstern der Seele, ein Trost wider das Verlassensein. Doris hört nie auf zu hoffen; was sie stark macht bei aller Schwäche. Immer will sie werden, statt einfach zu sein. Das hält sie aufrecht und imponiert, trägt freilich nicht lang. Ob sie das Ruder noch einmal herumreißen, ihrem Leben eine andere Richtung geben kann? Schön wäre das und möglich auch. Denn am Schluss ihres großen Monologs steht die Erkenntnis: „Auf den Glanz kommt es nämlich vielleicht gar nicht so furchtbar an.“ Das könnte ein Anfang sein für Doris, aber auch der Anfang vom Ende …

Irmgard Keun, die 1932 die Geschichte vom „kunstseidenen Mädchen“ schrieb, lässt das offen. Gleichfalls Isabella Leicht, die Doris 80-mal in der Inszenierung von Rachel Teear (Bühnenfassung: Gottfried Greiffenhagen) gespielt hat und am Freitag im Siegener Apollino ein allerletztes Mal. Apollo-Intendant Magnus Reitschuster, in dessen Bühnenfassung der „kleinen Hexe“ sie in dieser Saison im Kindertheater in der Hauptrolle zu sehen gewesen ist, habe sie gebeten, „Das kunstseidene Mädchen“ einmal noch zu geben, sagte Isabella Leicht am Ende der zweistündigen Vorstellung. Ja, habe sie entgegnet, „einmal spiel ich’s noch“.

Wie gut! Denn was sie da hineinlegt in dieses Ein-Frau-Stück, ist großartig. Sie lässt Doris leben und leiden, führt das einfache Mädchen mit Mutterwitz auf die Schauspielschule (klasse der Erlkönig, kokett die „Elisabeth“), gibt ihr diebische Freude am geklauten Feh, dem Eichhörnchenfell-Mantel einer Dame, die den Verlust verschmerzen wird, sie singt all die Lieder aus den 20ern und ruft und töst, genießt und verzagt. Mit nicht mehr und nicht weniger als sich selbst und einem schweren Koffer schafft Isabella Leicht Atmosphäre. Entführt ins Berlin der aus- und untergehenden Weimarer Republik, in die Mietswohnungen am Alexanderplatz, zu Wartesälen und Straßenecken und zu Menschen, für die eigentlich niemand etwas übrig hat – Doris aber schon. Wie die Hulla, eine Hure, das Gesicht mit Leukoplast überklebt, die schließlich die Schläge des Luden nicht überlebt. Oder Herr Brenner, ein Kriegsblinder, den die eigene Frau nicht mehr erträgt und dem Doris Worte, Zeit und mehr noch schenkt.

Als sie dann selbst Hilfe braucht, ohne Obdach, ausgehungert am Silvesterabend 1931, wehrt sie sich und auch wieder nicht gegen das „ekelhafte weiche Froschtier“ Ernst. Der gut zu ihr ist und den sie zu lieben beginnt und der doch seine Frau, die ihn verlassen hat, nicht vergessen kann. Deshalb geht Doris wieder hinaus, komme, was mag. Die totgeweinten Augen bar jeden Glanzes.

Isabella Leicht spielt eine strahlende Doris (dann steht sie auf ihrem Koffer und reckt sich und streckt sich), die wohl naive, aber gar nicht dumme junge Frau (die so kluge Sätze in ihr schwarzes Büchlein schreibt, wie den, dass es sich reich so furchtbar billig leben lässt), das heruntergekommene Mädchen, das mit der Flasche in der Hand von der Bühne ihres Lebens stürzt (der Abgang ins Publikum wirkte stark!). Sie war ein Glanz! Zu Recht erhielt sie am Ende der Vorstellung den lang anhaltenden Applaus eines hingerissenen, bewegten Publikums.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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