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Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar
"Einsamkeit ist selbst eine Art Pandemie"

Zum Telefon greifen und im Schutze der Anonymität einen Ansprechpartner finden: Das Sorgentelefon dürfte in der Weihnachtszeit des Corona-Jahrs wichtiger sein denn je.
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  • Zum Telefon greifen und im Schutze der Anonymität einen Ansprechpartner finden: Das Sorgentelefon dürfte in der Weihnachtszeit des Corona-Jahrs wichtiger sein denn je.
  • Foto: Jan Schäfer
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

js Siegen. Der Mensch ist anpassungsfähig, selbst beim Leben unter dem Vorzeichen einer Pandemie hat sich ein gewisser Gewöhnungseffekt eingeschlichen. Das lässt sich auch aus der Statistik derer herauslesen, die sich mit dem Kummer der Gesellschaft auskennen wie nur wenige andere: Beim Sorgentelefon Siegen gehen nach wie vor zahlreiche Anrufe ein, die das Sars-Cov2-Virus und seine vielfältigen Auswirkungen zum Thema haben. Anders als im Frühling, im ersten Shutdown, hat der Stellenwert von Corona zwar ein wenig nachgelassen – im April drehten sich 27 Prozent der Gespräche um die Pandemie, derzeit sind es etwas mehr als 19 Prozent –, der derzeitige Ausnahmezustand aber sorgt für steigenden Gesprächsbedarf.

js Siegen. Der Mensch ist anpassungsfähig, selbst beim Leben unter dem Vorzeichen einer Pandemie hat sich ein gewisser Gewöhnungseffekt eingeschlichen. Das lässt sich auch aus der Statistik derer herauslesen, die sich mit dem Kummer der Gesellschaft auskennen wie nur wenige andere: Beim Sorgentelefon Siegen gehen nach wie vor zahlreiche Anrufe ein, die das Sars-Cov2-Virus und seine vielfältigen Auswirkungen zum Thema haben. Anders als im Frühling, im ersten Shutdown, hat der Stellenwert von Corona zwar ein wenig nachgelassen – im April drehten sich 27 Prozent der Gespräche um die Pandemie, derzeit sind es etwas mehr als 19 Prozent –, der derzeitige Ausnahmezustand aber sorgt für steigenden Gesprächsbedarf. Schon Mitte Dezember hatte das Seelsorger-Team um Pfarrer Dietrich Hoof-Greve die Gesamtzahl der Kontakte aus dem Vorjahr erreicht. Das anstehende Weihnachtsfest dürfte das verstärken, was ohnehin die meisten Anrufer zum Hörer greifen lässt: die Einsamkeit.

Einsamkeit ist eine Art Pandemie

Jeder vierte Anrufer, so erklärt Hoof-Greve, leide an Isolation. „Die Einsamkeit ist selbst eine Art Pandemie. Sie kann krank machen.“ Für einige von ihnen seien die Telefonseelsorger die einzigen Ansprechpartner in der realen Welt. Rund 100 ehrenamtliche Helfer, ausgiebig geschult, regelmäßig fortgebildet und nun auch notgedrungen im Austausch untereinander per Videokonferenz bestens erfahren, sorgen dafür, dass kein Anruf ins Leere geht, dass kein Hilferuf in Form eines Chats oder einer E-Mail unbeantwortet bleibt. Die Frauen und Männer im Alter von Ende 20 bis Ende 70 „schenken ihre Ohren und öffnen ihre Herzen“ für ihre Anrufer. Die Hälfte der Menschen, deren Anonymität am anderen Ende der Leitung garantiert ist, rufen regelmäßig an. „Für manche sind wir ein Familienersatz.“

Telefonseelsorge 24 Stunden erreichbar

Im Schnitt 30 Mal klingelt das Telefon am Tag, der hier tatsächlich 24 Dienststunden hat. Während die Älteren den bewährten Kanal des Telefons nutzen, haben insbesondere die Jüngeren den Weg über Chat und E-Mail für sich entdeckt, der – anders als bei den regional aufgestellten Sorgentelefonisten – aus ganz Deutschland nach Siegen führt. Dort, wo der Schutzschild der Anonymität wegen nicht einmal erkennbarer Stimme noch mehr abschirmt, kommen die harten Themen, die ganz krassen Geschichten zum Seelsorgeteam. Betreffzeilen wie „Ich weiß nicht mehr weiter“, „Ich will nicht mehr leben“ und Anlässe wie Selbsthass, selbstzerstörerisches Leben und ganz vorneweg Suizidgedanken bestimmen die Hilferufe.

Stabile Ansprechpartner

Die Anrufer und Absender können keine Heilung erwarten, nicht die Lösungsformel für die Krise, keine rasche Rettung aus der Not, nicht die ersehnte Veränderung der misslichen Lage. „Für manche Menschen spielen wir aber schon seit mehreren Jahrzehnten eine wichtige Rolle“, weiß Pfarrer Hoof-Greve. „Sie können uns teilhaben lassen, finden in uns stabile Ansprechpartner.“ Das gute Zuhören sei die größte Stärke des ökumenischen Angebots. „Wir können ja keine Ratschläge wie Pillen verschreiben.“ Sorgen, so besagt das Motto, kann man teilen.
Das Corona-Jahr hat das Team gefordert, wirkte zugleich wie ein Motivationsverstärker. Neue Mitarbeiter sind hinzugekommen, junge Studenten stärken die Mail-Beratung. „Auch die Dienstbereitschaft ist noch größer geworden“, freut sich Dietrich Hoof-Greve über das wertvolle Engagement der Ehrenamtler. Bis zum Jahresende gebe es nur noch zwei kleine Lücken im Dienstplan, auch diese dürften sich noch schließen.

Auch Querdenker rufen an

Die Gespräche, in denen es um Corona gehe, hätten einen anderen Charakter als die übrigen. Denn: Nicht nur der Anrufer ist betroffen von der Sondersituation, sondern auch der Angerufene selbst. Daher gebe es auf beiden Seiten der Leitung mehr Verständnis. Die Bandbreite des Themas „Corona“ sei zudem sehr groß, erklärt Hoof-Greve. Mitunter gebe es heftige Fälle, und das in zweierlei Extremen: „Da gibt es Querdenker und Leugner, die ihre Sicht loswerden möchten. Und dann gibt es diejenigen, die in echter existenzieller Not sind, die gerade dabei sind, alles zu verlieren.“ Die Ehrenamtler hätten dabei keinen Maulkorb, sollten stets ihre Authentizität bewahren, ruhig Haltung zeigen und sich abgrenzen. Zustimmendes Abnicken von kruden Behauptungen und Verschwörungsmärchen ist nicht angesagt.
„Es wird ein historisches Weihnachtsfest“, ist dem erfahrenen Seelsorger bewusst. Das Einsamkeitsgefühl dürfte in einer Zeit sozialer Distanz noch weiter als üblich um sich greifen. Wer einen Gesprächspartner benötige, der solle sich auf jeden Fall melden. Auch wenn schon mal besetzt sein sollte, dürfe man sich nicht abschrecken lassen. „Wir tun alles, um erreichbar zu sein.“

„Brücken“ helfen TelefonseelsorgeDie Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar den kostenlosen Nummern (08 00) 1 11 01 11 oder (08 00) 1 11 02 22. Infos gibt es im Internet unter www.telefonseelsorge-siegen.de. Um das ehrenamtliche Engagement zu unterstützen, stellte die IHK Siegen einige Bilder der Ausstellung „Brücken im Fokus“ in den Räumlichkeiten aus. Thematische Abende zum Symbol „Brücken“ schlossen sich an. Vermittelt von der IHK-Koordinatorin Dr. Christine Tretow versteigert die Telefonseelsorge zugunsten ihrer ehrenamtlichen Arbeit diese Bilder ab einem (Material-)Wert von 75 Euro. Auf der Homepage des Ev. Kirchenkreises Siegen unter Einrichtungen und Telefonseelsorge können die Bilder erneut bestaunt und Gebote per E-Mail an ts-siegen@kka-siegen.de abgegeben werden. Die Auktion läuft noch bis zum 31. Dezember.
Zum Telefon greifen und im Schutze der Anonymität einen Ansprechpartner finden: Das Sorgentelefon dürfte in der Weihnachtszeit des Corona-Jahrs wichtiger sein denn je.
Dietrich Hoof-Greve weiß um den Wert der von ihm geleiteten Telefonseelsorge Siegen.
Autor:

Jan Schäfer (Redakteur) aus Siegen

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