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Prozess: Mord in Vormwald
Empathie bei Max M. anscheinend erloschen

Der Mordprozess vor dem Landgericht Siegen nähert sich dem Ende.

js Siegen/Vormwald. Max M. hat keine rechte Vorstellung von dem, was er angerichtet hat. Der 20-Jährige, der sich seit Wochen wegen des brutalen Mordes an einem 74-Jährigen in Vormwald vor dem Landgericht Siegen verantworten muss, ist auch acht Monate nach der Tat empathielos, nimmt die Verantwortung nicht an, sieht das Unrecht nicht. Das, so berichtete am Donnerstag der psychiatrische Sachverständige Dr. Brian Blackwell, war nicht immer so. Eine Episode aus der Kindheit in einem entlegenen Weiler lege ein Zeugnis davon ab. Damals habe der Beschuldigte den Trickfilm „Findet Nemo“ gesehen. In einer Szene landet der titelgebende Clownfisch in einer Zahnarztpraxis auf dem Trockenen. Max habe besorgt reagiert und versucht, rettendes Wasser in den Fernseher zu kippen.

js Siegen/Vormwald. Max M. hat keine rechte Vorstellung von dem, was er angerichtet hat. Der 20-Jährige, der sich seit Wochen wegen des brutalen Mordes an einem 74-Jährigen in Vormwald vor dem Landgericht Siegen verantworten muss, ist auch acht Monate nach der Tat empathielos, nimmt die Verantwortung nicht an, sieht das Unrecht nicht. Das, so berichtete am Donnerstag der psychiatrische Sachverständige Dr. Brian Blackwell, war nicht immer so. Eine Episode aus der Kindheit in einem entlegenen Weiler lege ein Zeugnis davon ab. Damals habe der Beschuldigte den Trickfilm „Findet Nemo“ gesehen. In einer Szene landet der titelgebende Clownfisch in einer Zahnarztpraxis auf dem Trockenen. Max habe besorgt reagiert und versucht, rettendes Wasser in den Fernseher zu kippen.

Fantasie und Realität nah beieinander

Schon von klein auf hatte Max offenbar Schwierigkeiten damit, Fantasie und Realität zu unterscheiden. Dass der Psychiater ihn am Ende des zweieinhalbstündigen Vortrags eine „Schuldunfähigkeit“ attestiert, hat damit zu tun – ist aber weitaus komplexer zu begründen. „Es war selten so schwierig, eine Begutachtung zu ordnen“, berichtet Blackwell von den Sitzungen, bei denen er hinter Max’ Fassade geblickt hat. Sprunghaft seien die Erzählungen gewesen. Beim ersten Treffen habe der 20-Jährige den Prahlerischen und Tötungsbejahenden gegeben. Beim zweiten Mal sei Max ganz anders aufgetreten. Ruhig, freundlich habe er dem Facharzt von seiner Schizophrenie erzählt, habe auf § 64 im Strafgesetzbuch verwiesen, bei dem es um Schuldunfähigkeit und Unterbringung in einer Entziehungsanstalt geht – genau das, was dem Beschuldigten sehr wahrscheinlich bevorsteht. Blackwell vermutet, dass Max von jemandem beraten wurde, ohne wirklich begriffen zu haben, worum es ging. Beim IQ-Test habe sich eine eine intellektuelle Minderbegabung gezeigt.

Hänseleien und Missbrauch

Bereits früh habe sich in Max’ Biografie etwas Psychotisches angebahnt. Hänseleien sei der stets übergewichtige Junge schon seit dem Kindergarten ausgesetzt gewesen. Von einem Kinderfreund sei er sexuell missbraucht worden, in seiner späteren Clique habe er mit dem Drogenkonsum begonnen. Auf Marihuana folgten stärkere Substanzen, mit 17 Jahren entwickelte er unter LSD-Einfluss eine paranoide Schizophrenie. Entgiftungsversuche endeten mit Rückfällen, Therapieansätze versandeten. „Er hatte Angst, dass ihn jemand töten könnte“, sagt Blackwell. „Nachts hat ein Dämon auf seiner Brust gesessen.“ Dieser Nachtalb, der ihm den Atem raubte, sei nicht zuletzt wegen seiner Fettleibigkeit wahrhaft spürbar gewesen. Max leidet unter dem Pickwick-Syndrom.

Drogen als Mittel gegen Angst

Blackwell geht davon aus, dass die Psychose, die sich über die Jahre immer weiter verstärkt hat, nicht in erster Linie auf den Drogenkonsum zurückzuführen ist. Den Rausch habe Max gesucht, um Ängste und Symptome zu bekämpfen. Experimente mit Heroin und sogar Batteriesäure gehörten dazu. 2018, schätzt der Psychiater, bildeten sich die gespaltenen Persönlichkeiten heraus: zwei Seelen und drei Dämonen. Ein heftiger Mobbingfall, bei dem Max an einen Stuhl gefesselt zum Zähneputzen mit einer Klobürste gezwungen worden sein soll, könnte dazu beigetragen haben. Weltkriegs- und Okkultismusfantasien brannten sich ein. Sein jüngster Freundeskreis, das habe sich im Zeugenstand gezeigt, sei homogen: emotionslos, ohne Empathie, „auf keinem guten Weg“.

"Besonders schlechte Prognose"

Zum Tatzeitpunkt sei vieles zusammengekommen. Fünf Tage ohne Schlaf, synthetische Drogen, eine Affekthandlung. Blackwell glaubt nicht, dass Max wirklich über Stunden mit dem alten Mann gekämpft haben kann. Aus Eigenschutz gebe er die Verantwortung für die Tat den Stimmen in seinem Kopf. „Problematisch“ sei, dass Max nach abgebrochenem Therapieversuch aus einer Klinik entlassen worden und nicht für zwei Jahre untergebracht worden sei. „Unter dem Schutz einer Einrichtung wäre die Tat nicht geschehen.“ Bis heute gebe es keine Therapieerfolge. „Mit Straftaten dieser Art ist weiterhin zu rechnen“, lautet die „besonders schlechte Prognose“ des Facharztes. Es werde Jahre dauern, bis bei Max wieder Empathie aufgebaut werden könne.

Autor:

Jan Schäfer (Redakteur) aus Siegen

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