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Wissenschaftsrat zerpflückt Siegener Medizinstudiengang
Empfehlung: Land soll vom Modellprojekt Abstand nehmen

Bislang waren die Überschriften zum Modellprojekt „Medizin neu denken“ zumeist optimistisch positiv. Nur selten prangten die Unstimmigkeiten vor allem zwischen den beteiligten Krankenhäusern in schwarzen Lettern auf weißem Papier. Das ist nun seit diesem Montag anders. Foto: kalle
  • Bislang waren die Überschriften zum Modellprojekt „Medizin neu denken“ zumeist optimistisch positiv. Nur selten prangten die Unstimmigkeiten vor allem zwischen den beteiligten Krankenhäusern in schwarzen Lettern auf weißem Papier. Das ist nun seit diesem Montag anders. Foto: kalle
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sz Siegen/Düsseldorf. Diese Ohrfeige schallte laut herüber vom Rhein an die Sieg: Während Wissenschaftsministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen und Martina Brockmeier vom deutschen Wissenschaftsrat am Montag ein Gutachten zur NRW-Hochschulmedizin vorlegten, das den medizinischen Fakultäten und Unikliniken im Lande beste Noten, gute Zukunftschancen und selbst der im Aufbau befindlichen Ärzte-Ausbildung in Bielefeld reichlich Positives bescheinigte, gab es für das gemeinsame Modellprojekt „Medizin neu denken“ der Universitäten Siegen und Bonn bloß ein verheerendes Zeugnis.

sz Siegen/Düsseldorf. Diese Ohrfeige schallte laut herüber vom Rhein an die Sieg: Während Wissenschaftsministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen und Martina Brockmeier vom deutschen Wissenschaftsrat am Montag ein Gutachten zur NRW-Hochschulmedizin vorlegten, das den medizinischen Fakultäten und Unikliniken im Lande beste Noten, gute Zukunftschancen und selbst der im Aufbau befindlichen Ärzte-Ausbildung in Bielefeld reichlich Positives bescheinigte, gab es für das gemeinsame Modellprojekt „Medizin neu denken“ der Universitäten Siegen und Bonn bloß ein verheerendes Zeugnis. „Gravierende Planungsdefizite inhaltlicher, organisatorischer, personeller, infrastruktureller und finanzieller Natur stehen seiner Realisierung entgegen“, hieß es aus Düsseldorf – mit anderen Worten: Der Aufbau des Kooperationsstudienganges ist viel zu aufwändig und zu teuer, die beteiligten Akteure haben zudem ihre Hausaufgaben nicht gemacht und sind sich uneins über den Weg der Umsetzung.

Gute Idee, erhebliche Mängel

Obwohl die Idee, durch gemeinsame Forschung und Lehre bzw. mittels digitaler Medizin für eine Verbesserung der Primärversorgung im ländlichen Raum zu sorgen, gut und das „Thema von hoher Relevanz“ seien, fordert der Wissenschaftsrat das Land auf, von dem Modellprojekt „aufgrund erheblicher Mängel Abstand zu nehmen“.

Überforderte Kliniken

Besonders kritisiert der Wissenschaftsrat zwei Dinge: Zum einen fehlten für die Ausbildung der künftigen Mediziner an den vier Siegener Kliniken – Diakonieklinikum Jung-Stilling, Kinderklinik, Kreisklinikum und St. Marien-Krankenhaus – die Voraussetzungen „für einen sachgemäßen und qualitätsgesicherten Lehrbetrieb“. Es gebe nicht einmal „ansatzweise ausreichendes habilitiertes und sonstiges wissenschaftliches Personal in dem für die Übernahme wissenschaftlicher Aufgaben im universitätsmedizinischen Kontext erforderlichen Umfang“. Die Personalplanung für die Zukunft sei völlig unzureichend. Der Wissenschaftsrat, der den im Wintersemester 2018/2019 gestarteten Studiengang und die Krankenhäuser in der Krönchenstadt im vergangenen Herbst unter die Lupe genommen hatte, argwöhnt zum anderen, dass die Studenten auch im Jahr 2021 noch nicht die Strukturen und Lehrkapazitäten in Siegen vorfinden werden, „die für eine sachgemäße klinische Ausbildung erforderlich sind“. Schlicht und einfach, weil „das notwendige ‚commitment‘ für das Modellprojekt nicht bei allen Projektpartnern in Bonn und Siegen in gleichem Maße stark ausgeprägt erscheint. Eine abgestimmte Strategie und eine geteilte Vorstellung für die Entwicklung des Modellprojekts sind bisher ebenso wenig klar erkennbar wie ein gemeinsames Vorgehen und eine gelebte Zusammenarbeit der Partner.“

Drei Säulen sollen es sein

Zur Erinnerung: Das Modellprojekt ruht, wie in mehreren Dutzend Berichten dargestellt, auf drei Säulen. Da gibt es eben den Kooperationsstudiengang „Humanmedizin Bonn-Siegen“ mit klinischer Ausbildung ab dem siebten Semester an den Siegener Kliniken. 25 Studenten büffeln derzeit an der Universitätsmedizin Bonn. Semester für Semester sollen neue Studenten hinzu kommen. Hinter dem Pflug liegt bereits auch die Gründung der Lebenswissenschaftlichen Fakultät (LWF) an der Uni Siegen. Sie soll das Modellprojekt in der Lehre durch medizinnahe Bachelor- und Masterstudiengänge im Bereich der digitalen Medizin sowie durch ein thematisch abgestimmtes Forschungsprofil unterstützen. Und: Der Fokus der gemeinsamen Forschungsprogrammatik der Projektpartner soll auf der Entwicklung besagter digitaler Lösungen für die Versorgung in ländlichen Regionen liegen. Die LWF der heimischen Hochschule baut hierzu derzeit ein eigenes Lehr- und Forschungspraxennetzwerk in Südwestfalen auf – das „Reallabor Südwestfalen“.

Die Säulen sind (derzeit) nicht tragfähig

Obwohl der Wissenschaftsrat anerkennt, dass diese drei Projektsäulen sich in unterschiedlichen Entwicklungsstadien befinden, sei das Modellprojekt insgesamt nicht ausgereift: „Sowohl die inhaltlichen Konzepte der einzelnen Säulen als auch das Gesamtkonzept sind wenig überzeugend und weisen in zahlreichen Punkten nicht den eigentlich zu erwartenden Konkretisierungsgrad auf. Das betrifft auch die finanzielle Basis!“ Stichwort: Hausaufgaben nicht gemacht.

Hoher finanzieller Aufwand

Und dann das liebe Geld: Der Wissenschaftsrat gibt grundsätzlich zu bedenken, dass im Rahmen des Kooperationsstudiengangs ein vergleichsweise sehr hoher finanzieller Aufwand für die Einrichtung der 25 Studienplätze betrieben werden musste und müsse. Er geht überdies von erheblichen Mehrkosten für den notwendigen Struktur- und Personalaufbau in Siegen aus, die bislang vorgesehenen Landesmittel (6,5 Mill. Euro, die allein in Bonn ausgegeben wurden) genügen bei weitem nicht. Fazit Nummer Eins vor diesem Hintergrund: Der Gesamtbeitrag zur Verbesserung der Ärzte-Versorgung in der Region sowie in NRW wird mit 25 Studienplätzen pro Jahr als gering erachtet.

Fazit Nummer Zwei: Das Land sollte prüfen, ob Teile des Modellprojekts auch erreicht werden können, indem die Siegener Kliniken als erweiterte Lehrkrankenhäuser der Universitätsmedizin Bonn etabliert, aber nicht zu einem eigenen Zweitcampus der Bonner aufgebaut werden.

Die Beteiligten des Modellprojektes bezogen am Montag nach Vorlage des Gutachtens umgehend Stellung, „Die grundsätzliche Anerkennung der Idee des Projekts freut uns sehr. Dies motiviert uns, perspektivisch einen wertvollen Beitrag für die Verbesserung der zukünftigen Versorgung in ländlichen Räumen leisten zu können“, hieß es in einer gemeinsamen Stellungnahme. Zugleich nehme man die Kritik und die Empfehlungen des Wissenschaftsrats sehr ernst. Es gelte aus Sicht der Akteure nun, „entsprechende Veränderungen im Projekt vorzunehmen und gemeinsam Lösungen zu finden, um eine Zukunftsperspektive noch nachhaltiger zu gestalten“.

Kritik nachvollziehbar

Die Kritik sei durchaus nachvollziehbar „angesichts der Dimension des Projekts“. Einige der im Bewertungsbericht der Gutachter aufgeführten Maßnahmen seien bereits umgesetzt worden – beispielsweise die Einrichtung eines Kuratoriums und eines wissenschaftlichen Beirats für das Projekt. Jedoch: „Der Aufbau wissenschaftlicher Qualität gemäß dem Anspruch an eine universitäre Medizin benötigt jedoch Zeit, das ,commitment’ aller Beteiligten und letztendlich auch gesicherte finanzielle Ressourcen.

Studium komplett nach Bonn verlagern

Das alles klang zumindest gestern noch sehr vage. Konkreter wurde die Stellungnahme bei einem anderem Thema: Seitens des Wissenschaftsministeriums und der beiden Unis gebe es erste Überlegungen, das Medizinstudium über die komplette Dauer des Studiums in Bonn anzubieten und mit Wahlmodulen aus Siegen zu ergänzen.

Autor:

Redaktion Siegen aus Siegen

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