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Streit mit der Diakonie um unbezahlte Arbeitsstunden
Endlich Genugtuung

Gisela Hecken sichtet ihre Unterlagen. Sie ist froh, dass ihr mit der Nachzahlung Gerechtigkeit widerfahren ist.
  • Gisela Hecken sichtet ihre Unterlagen. Sie ist froh, dass ihr mit der Nachzahlung Gerechtigkeit widerfahren ist.
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  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

mir Siegen. Gisela Hecken hat ein arbeitsreiches, intensives Berufsleben in der Pflege hinter sich. Nach 49 Jahren ist sie am 30. September 2019 ultimativ aus den Diensten der Diakonie in Südwestfalen (Ambulante Diakonische Dienste ADD GmbH) ausgeschieden. Unter anderem hat sie den Bereich der Tagespflege federführend mit aufgebaut. Richtig zur Ruhe gekommen ist die 64-jährige Eiserfelderin erst Anfang des Jahres 2020.
Genugtuung nach vielen MonatenDas hat einen Grund: Mit Datum 30. Januar 2020 hat ihr einstiger Arbeitgeber eine überfällige Gehaltsnachzahlung überwiesen: 278,71 brutto, 212,45 Euro netto für 10,28 Stunden, die auf ihrem Arbeitszeitkonto „verschwunden“ waren. Auf die vergleichsweise geringe Summe legt Gisela Hecken allergrößten Wert.

mir Siegen. Gisela Hecken hat ein arbeitsreiches, intensives Berufsleben in der Pflege hinter sich. Nach 49 Jahren ist sie am 30. September 2019 ultimativ aus den Diensten der Diakonie in Südwestfalen (Ambulante Diakonische Dienste ADD GmbH) ausgeschieden. Unter anderem hat sie den Bereich der Tagespflege federführend mit aufgebaut. Richtig zur Ruhe gekommen ist die 64-jährige Eiserfelderin erst Anfang des Jahres 2020.

Genugtuung nach vielen Monaten

Das hat einen Grund: Mit Datum 30. Januar 2020 hat ihr einstiger Arbeitgeber eine überfällige Gehaltsnachzahlung überwiesen: 278,71 brutto, 212,45 Euro netto für 10,28 Stunden, die auf ihrem Arbeitszeitkonto „verschwunden“ waren. Auf die vergleichsweise geringe Summe legt Gisela Hecken allergrößten Wert. Nicht weil sie am Hungertuch nagt, sie verspürt eine Art Genugtuung: „Das Geld steht mir zu, das habe ich mir redlich verdient.“
Hinter Gisela Hecken liegt eine lange Zeit der Anspannung; bereits im August 2018 hatte sie einen Anwalt mit der Durchsetzung ihrer Forderungen beauftragt. Warum das alles?

Minusstunden während Krankschreibung

Im Juni 2018 konnte Gisela Hecken krankheitsbedingt den ganzen Monat nicht arbeiten. Beim späteren Blick auf ihr Arbeitszeitkonto fiel ihr auf, dass dort für Juni ein Minus von 5,12 Stunden vermerkt war. Für den vorangegangen Mai mit einigen Krankheitstagen hatte sie ein Minus von 1,18 Stunden auf dem Plan stehen.
„Ich kann doch nicht krank geschrieben sein und gleichzeitig Stunden abgebaut haben? Das geht doch nicht zusammen“, fasst Hecken ihren Ärger in Worte. Ihre Vorgesetzten wiegelten damals ab, das Prozedere sei richtig, es werde sich am Ende des Jahres alles wieder ausgleichen.

Abrechnungen über anderes Modell erstellt

Gisela Hecken blieb skeptisch, schaltete den Betriebsrat ein. Im Zuge der Recherchen kam heraus: Gisela Hecken und andere Bedienstete in den Firmen der Diakonie Südwestfalen arbeiten fünf Tage in der Woche, ihre Abrechnungen werden aber anhand eines Sechs-Tages-Modells erstellt. Hecken forderte Abhilfe zu ihren Gunsten, eine Vorgesetzte lehnte das ab. Sinngemäße Begründung damals: Man wolle Gleichheit in der Pflege, deshalb das Sechser-Modell für alle.

Differenz von 15 Stunden

Als Konsequenz schaltete Gisela Hecken einen Fachanwalt für Arbeitsrecht ein. Der formulierte eine Klage vor dem Arbeitsgericht Siegen. Recherchen ergaben, bei einer Fünf-Tage-Woche mussten 2019 exakt 1934,4 Arbeitsstunden erbracht werden, im Sechs-Tage-Modell wären 1950 Stunden im Jahr zu leisten. Für die Vorjahre ergaben sich ähnliche Berechnungen. Nach Adam Riese eine jährliche Differenz von 15,6 Stunden zugunsten des Arbeitgebers. Auf 130 Mitarbeiter hochgerechnet ließe sich eine Planstelle sparen.

Pflegekräfte und Leitung sollen gleich behandelt werden

Mehrfach kontaktierte die SZ die Ambulante Diakonische Dienste ADD GmbH. Daraus ergibt sich folgendes Bild: Mitarbeiter der ambulanten Pflege und der Hauswirtschaft arbeiten in der Regel an sechs Tagen in der Woche, Leitungskräfte aber nur an fünf Tagen mit freien Wochenenden. „Aus Gerechtigkeitsgründen wird die Sollarbeitszeit auf der Basis von sechs Tagen pro Woche errechnet“, nimmt Geschäftsführer Harry Feige Stellung. Dabei komme es zu kleinen Differenzen im Laufe des Jahres, positiven wie negativen.
Auf erneute Nachfrage hin präzisiert Feige die Position der Diakonie in Südwestfalen: Die Gleichbehandlung an sich (juristisch) ungleicher Sachverhalte könne zu „Handhabungsproblemen“ führen, zum Beispiel in der Dienstplanberechnung, weil die durchschnittliche Arbeitszeit variiere. Probleme könne es beim Urlaub geben für Mitarbeiter mit Fünf-Tage-Woche, weil für das Sechs-Tage-Modell sechs Tage Urlaub benötigt werden. Betroffene erhielten deshalb 36 Tage Urlaub im Jahr und nicht 30.

Diakonie will Klageverfahren vermeiden

Geschäftsführer Harry Feige wirft der ehemaligen Mitarbeiterin vor, sie habe „die jeweils günstigste Variante berechnet und die Gleichbehandlung nicht gelten lassen wollen“. Aus Gründen der Verhältnismäßigkeit habe man die einseitigen Forderungen aber nun beglichen, auch um letztlich ein länger währendes Klageverfahren zu vermeiden.
Feige bleibt bei der Ansicht, „das Dienstplanmodell hat sich aus unserer Sicht bewährt“. Man sehe keinen Anlass, aus Gründen dieses Falles das ganze System mit entsprechendem Aufwand umzustellen. In einer früheren Stellungnahme hatte Feige bekundet, der jetzige Betriebsrat habe im vergangenen Jahr das Thema erneut auf Bitten einer Mitarbeiterin und der Geschäftsleitung auf die Tagesordnung genommen. Damit sei ein interner Prozess für ein anderes Arbeitszeitmodell angestoßen worden. Dieser Prozess verlaufe konstruktiv und werde mit einem Ergebnis im Laufe des Jahres abgeschlossen.

Geschäftsführer zufrieden mit Behandlung der Mitarbeiter

Grundsätzlich stellt Feige fest, die Ambulante Diakonische Dienste ADD GmbH leiste eine außerordentlich gute Bezahlung, Mitarbeiter könnten die Dienstwagen mit nach Hause nehmen, der Arbeitgeber übernehme die Versteuerung. Außerdem erstatte man die Kosten für die Mitgliedschaft in Sportstudios bis zu einer gewissen Höhe. Auf Familien nehme man besonders viel Rücksicht und plane die Arbeitszeit entsprechend nach den Belangen der Mitarbeiter.

Autor:

Michael Roth (Redakteur) aus Siegen

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